Roger Willemsen im Alter von 60 Jahren gestorben

Roger Willemsen

Foto: dpa/Arno Burgi

Ein Freigeist und publizistischer Tausendsassa, der einst das deutsche Talkshow-Wesen revolutionierte: Roger Willemsen ist tot. Der 60-Jährige, der zuletzt mit seinen Bundestags-Berichten einen Bestseller landete, verlor den Kampf gegen den Krebs.

Willemsen hatte im August erklärt, er leide an Krebs. Daraufhin zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Der Tod des Publizisten rief Bestürzung hervor. "Wir verlieren mit ihm einen der bekanntesten und vielseitigsten deutschen Intellektuellen und einen engagierten Weltbürger", sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).

Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) würdigte Willemsen als "brillanten Intellektuellen" und "bedeutende Stimme unseres Kulturlebens". Der Linken-Politiker Gregor Gysi erklärte: "Bestechend waren seine Intelligenz und Klugheit, seine Bildung, seine Beobachtungsgabe, seine Genauigkeit und seine Reaktionsschnelligkeit. Das alles war bei ihm verbunden mit einem sehr menschlichen, warmherzigen Charakter."

Nach den Worten der Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt war Willemsen "ein guter Beobachter und Zuhörer, ein intellektueller Kommentator", der neue Denkanstöße geliefert habe. Das ZDF, für das Willemsen in den 90er Jahren die Talkshow "Willemsens Woche" moderierte, twitterte: "Wir trauern um einen bemerkenswerten Menschen und Kollegen."

Premiere, ZDF, Schweizer Fernsehen

Nach dem Abitur in Bonn studierte Willemsen Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Er arbeitete als Assistent für Literaturwissenschaften an der Universität München sowie als Übersetzer, Herausgeber und freier Autor. 1988 ging er für drei Jahre nach London, wo er als Korrespondent für Zeitungen und Rundfunksender tätig war.

Den Durchbruch schaffte Willemsen 1991 mit der Talksendung "0137" beim Bezahlsender Premiere, dem Vorläufer von Sky. An der unverschlüsselt ausgestrahlten Sendung, in der Willemsen pro Jahr mehr als 600 Interviews mit Prominenten und Unbekannten führte, konnten sich auch Zuschauer beteiligen. Seine Gästeliste reichte von der Schauspielerin Audrey Hepburn bis zu Palästinenserführer Arafat und schloss einen echten "Menschenfresser" ebenso ein wie einen entflohenen Bankräuber. 1993 erhielt er dafür den Grimme-Preis.



1994 wechselte Willemsen zum ZDF. Für den Mainzer Sender moderierte er bis 1998 die wöchentliche Talkshow "Willemsens Woche", die als ebenso unterhaltsam wie tiefgründig bewertet wurde. Kultstatus erlangte die Sendung auch durch die Live-Musik des Jazzpianisten Michel Petrucciani, der 1999 starb.

Im Oktober 2001 kündigte Willemsen nach elf Jahren Fernseharbeit seinen Abschied vom Bildschirm an. Zur Begründung sagte er, es sei aufreibend zu versuchen, Minderheitsinteressen auf ein Massenpublikum zu übertragen. Nach zweijähriger Pause als TV-Moderator kehrte er allerdings im Februar 2004 im "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens zurück, den er bis September 2006 präsentierte. Willemsen moderierte auch im Radio, unter anderem für WDR und NDR Kultur, wo er durch die Sendung "Roger Willemsen legt auf - Klassik trifft Jazz" führte.

Aus der evangelischen Kirche ausgetreten

In den vergangenen Jahren widmete sich Willemsen verstärkt seinem publizistischen Schaffen. Er bediente viele Stilformen und verfasste auch Kolumnen und Reisebücher. In seinem 2008 vorgelegten literarischen Essay "Der Knacks" gab er Einblicke in prägende Momente seiner Biografie, etwa den "Knacks", den der frühe Tod seines Vaters verursachte, als Willemsen gerade 15 Jahre alt war.

Zu einem Bestseller wurde sein 2014 veröffentlichtes Buch "Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament", für das er ein Jahr lang das Geschehen im Bundestag von der Tribüne aus als Zuhörer verfolgt hatte. Für die Hörbuchversion wurde Willemsen 2015 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet.

Der unverheiratete Willemsen war auch politisch engagiert. So war er Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und Mitglied bei Amnesty International, terre des femmes und Care International. Dem evangelischen Magazin "chrismon" sagte Willsemsen 2012, er würde gerne wieder an Gott glauben. "Ich denke, dass der glaubende Mensch mit Zuständen der Not besser umgehen kann", sagte der Publizist, der bereits vor längerer Zeit aus der evangelischen Kirche ausgetreten war.

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