Warnungen vor zunehmender Islamfeindlichkeit

Theologe: Diskussion ist beschämend
Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

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Aiman Mazyek ist Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Hetze, Ressentiments und falsche Fakten - Muslimvertreter beobachten, wie der Islam nach der Silvesternacht in Köln in der gesellschaftlichen Diskussion zunehmend unter Generalverdacht gestellt wird. Sie fordern eine Rückkehr zu mehr Sachlichkeit.

Die Diskussion um Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht driftet aus Sicht von Islamvertretern, Theologen und Wissenschaftlern zunehmend in eine gefährliche Richtung. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte am Dienstag dem Radiosender NDR Info, er beobachte eine wachsende Islamfeindlichkeit in Deutschland. In der öffentlichen Debatte gebe es eine "unglaubliche Emotionalisierung und Hysterisierung". Der islamische Theologe Habib El Mallouki bezeichnete den Diskurs als beschämend und warnte ebenso wie der Osnabrücker Wissenschaftler Bülent Ucar vor pauschalen Urteilen über Muslime.

Mazyek sagte, der Zentralrat der Muslime sehe "einen durchaus nicht ungefährlichen, auch rechtsextremen Mob", der im Internet und in sozialen Netzwerken teilweise Druck auf Politik und Medien ausübe. "Das müssen wir unterbinden." Er warnte davor, ethnische oder religiöse Hintergründe als Ursache für die sexuellen Übergriffe heranzuziehen. Soziologische und andere Begründungen dürften nicht außer Acht gelassen werden.

Der islamische Theologe Habib El Mallouki nannte die Diskussion nach den Vorfällen in Köln beschämend. Die Taten an sich seien scharf zu verurteilen, sagte der Professor am Institut für Islamische Theologie in Osnabrück dem Evangelischen Pressedienst (epd). Allerdings sei die Debatte seitdem von Ressentiments, falschen Fakten und rassistischen Vorurteilen beherrscht. "Damit wird eine Weltreligion verunglimpft, die die zweitstärkste Glaubensgemeinschaft in Deutschland und Europa ist."

Selbst führende deutsche Politiker fabulierten über die vermeintliche Rückständigkeit der Muslime und die Überlegenheit der europäisch-christlichen Kultur, kritisierte der Theologe. So werde fälschlicherweise behauptet, der Islam sei mit dem Grundgesetz unvereinbar oder er enthalte Männlichkeitsnormen, die Gewalt legitimierten. Solche Äußerungen machten jahrelange Integrationsarbeit zunichte und seien Wasser auf die Mühlen von Rassisten, warnte Mallouki.

Ähnlich argumentierte der Osnabrücker Islamwissenschaftler Bülent Ucar. "Wenn ein paar hundert verhaltensgestörte, alkoholisierte Migranten sich so aufführen, dann ist das ein Fall für die Staatsanwaltschaft und hat nichts mit Religion zu tun", sagte er dem epd. Aus den Verhaltensweisen Einzelner lasse sich kein Gegeneinander von Islam und Christentum oder "von aufgeklärter westlicher Moderne und patriarchalischer rückständiger orientalischer Kultur" konstruieren.

Auch Ucar forderte eine konsequente strafrechtliche Verfolgung der Taten. Dies sei umso mehr gerechtfertigt, weil solches Verhalten die gesellschaftliche Atmosphäre vergifte und den unbescholtenen, leidgeprüften Flüchtlingen wie auch den Muslimen im Allgemeinen schade. "Der Islam fordert nicht ein, dass Menschen sich betrinken oder fremde Frauen anbaggern", sagte der Direktor des Instituts für Islamische Theologie: "Im Gegenteil: Das widerspricht all unseren religiösen Vorstellungen."