Hilfswerke kritisieren: Keine Fortschritte für bedrohte Länder beim Klimagipfel

Tuvalu, Nauru, Kiribati - etliche Inseln sind vom steigenden Meeresspiegel bedroht. Ob der angestrebte Klimavertrag den Umgang mit Klimawandel-Schäden regeln wird, ist indes offen. Industrieländer fürchten, in Haftung genommen zu werden.

Beim Weltklimagipfel in Paris dringen Hilfswerke auf verlässliche Unterstützung für arme Staaten, die vom Klimawandel besonders bedroht sind. "Bei der Konferenz zeigen die Industrieländer bislang zu wenig Engagement, um den verletzlichen Ländern zu helfen", sagte die Klima-Expertin von "Brot für die Welt", Sabine Minninger, am Mittwoch. Hinter verschlossenen Türen kämen die Verhandlungen über den Umgang mit klimabedingten Schäden nicht wirklich in Gang. Zu befürchten sei, dass dieser Punkt "erst in der letzten Sekunde" auf den Tisch kommt und womöglich nicht in dem angestrebten Klima-Abkommen berücksichtigt wird. Der Gipfel dauert bis Ende kommender Woche.

"Die Ärmsten und die Verletzlichsten dürfen mit dem Klimaschock nicht alleine gelassen werden" 

Unter der Überschrift "Loss and Damage" beraten die Staaten über Schäden, die etwa durch den steigenden Meeresspiegel drohen. Bereits beim Klimagipfel 2013 in Warschau wurde verabredet, betroffene Länder zu unterstützen, etwa durch Katastrophenvorsorge und den Aufbau eines Frühwarnsystems. Auch mit Klima-Risikoversicherungen soll geholfen werden. Nun wird darum gerungen, ob diese Vereinbarungen in den rechtlich bindenden Vertrag aufgenommen werden. Die Industriestaaten als historische Verursacher der Erderwärmung befürchten, dass arme Staaten künftig daraus Entschädigungsansprüche ableiten könnten.    

Harjeet Singh von der Organisation Action Aid betonte, dass bereits jetzt viele Menschen in Entwicklungsstaaten unter dem Klimawandel litten: "Das Wasser steigt, Stürme zerstören ihre Häuser." Die Spitzenpolitiker aus aller Welt müssten ein klares Signal der Unterstützung setzen. Nach den Worten von Sven Harmeling, Referent der Organisation Care, muss der neue Vertrag "robuste Maßnahmen" zur Bewältigung von Schäden und Verlusten benennen. "Die Ärmsten und die Verletzlichsten dürfen mit dem Klimaschock nicht alleine gelassen werden." 

Immer mehr Konzerne ziehen ihr Kapital aus der Kohle-, Öl- und Gas-Branche ab

Als besonders bedroht gelten die kleinen Inselstaaten, etwa im Pazifik. Laut einer in Paris vorgestellten Umfrage der UN-Universität sind die meisten Bewohner der Inseln Nauru, Kiribati und Tuvalu bereits mit Folgen der Erderwärmung konfrontiert. In Kiribati gaben beispielsweise 80 Prozent der Befragten an, dass der steigende Meeresspiegel sich auf ihr Leben auswirke, 70 Prozent wollen aus ihren Heimatorten wegziehen, wenn die Lage sich weiter verschlimmert. Allerdings habe nur ein Viertel der Menschen dazu die finanziellen Mittel. Aus Nauru seien zwischen 2005 und 2015 bereits 10 Prozent, aus Tuvalu 15 Prozent der Bevölkerung ins Ausland gezogen, berichtete die Universität.   

Unterdessen meldete die Klimaschutz-Organisation 350.org einen Fortschritt im Kampf gegen die Erderwärmung: Die Zahl der Institutionen und Konzerne, die ihr Kapital aus der Kohle-, Öl- und Gas-Branche abziehen, ist in den vergangenen Monaten sprunghaft gestiegen. Allein in den letzten zehn Wochen hätten im Vorlauf zum Weltklimagipfel etwa 100 Städte, Fonds und Unternehmen angekündigt, nicht mehr in fossile Energieträger zu investieren, teilte 350.org mit.  

Landeskirche von Hessen und Nassau vorbildlich

Damit gebe es inzwischen mehr als 500 wichtige wirtschaftliche Akteure, die sich der sogenannten "Divestment"-Bewegung angeschlossen haben. Insgesamt verwalten sie ein Kapital von über 3,4 Billionen Dollar. Der Wert der Investitionen, die zurückgezogen werden, lasse sich allerdings nicht einheitlich erfassen, weil die Institutionen dazu unterschiedliche Fahrpläne vorgelegt haben.     

Als herausragendes Beispiel hob 350.org die Entscheidung des weltgrößten Versicherers, der Allianz, hervor, Milliarden Euro aus der Kohle-Branche abzuziehen. Ausdrücklich nannte 350.org auch den Beschluss der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, ihr Geld nicht mehr im Bereich der fossilen Energien anzulegen. Der kirchliche Finanzdezernent Heinz Thomas Striegler hatte am Montag mitgeteilt, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre rund 45 Millionen Euro neu angelegt werden sollen.