Di Lorenzo: Foto des toten Aylan Kurdi ruft nach Konsequenzen

Jahresrückblick 2014 - Hamburg und Schleswig-Holstein

Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Bilder wie die des toten syrischen Jungen Aylan Kurdi am Strand nahe der türkischen Touristenhochburg Bodrum müssen nach Auffassung des Publizisten Giovanni di Lorenzo (56) etwas auslösen. "Unsere Aufgabe ist es, das Zeichen dieses Bildes wahrzunehmen: Sehet hin, wir haben versagt", sagte der Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" am Montagabend bei einem Empfang in der Stader St.-Wilhadi-Kirche.

Allein in diesem Jahr sei das Mittelmeer zum Grab von mehr als 3.000 Menschen geworden. Jeder, der das Foto ansehe, müsse sich fragen, wie er darauf reagiere: "Was macht das Bild mit meinem Leben?"

Anfang September war das Bild der türkischen Pressefotografin Nilüfer Demir als Symbolfoto der europäischen Flüchtlingskrise um die Welt gegangen. Gemeinsam mit seiner Familie hatte der dreijährige Aylan an der türkischen Küste ein Schlepperboot zur griechischen Ferieninsel Kos bestiegen. Doch das überladene Boot kenterte im hohen Wellengang. Zusammen mit Aylan seien unter anderen sein fünf Jahre alter Bruder Galip und seine Mutter Rehan gestorben, sagte di Lorenzo. Nur der Vater Abdullah habe überlebt.



Die Fotografin hatte gesagt, sie wolle, dass mit dem Foto über "die Tragödie dieser Menschen" nachgedacht werde. Di Lorenzo betonte, das Bild habe seine Sicht auf die Flüchtlingskrise ein für alle mal verändert. Es sei ein fotohistorischer Moment gewesen, der genauso wie das Bild eines nackten Mädchens, das im Vietnamkrieg aus einer Napalm-Wolke geflohen sei, die Zeit in ein Davor und in ein Danach einteile: "Daraus müssen wir eine Konsequenz ziehen."

Stades Regionalbischof Hans Christian Brandy sagte in der überfüllten Kirche, die Medien hätten in der Flüchtlingskrise eine hohe Verantwortung. Sie stünden unter anderem vor der Frage, was sie herausstellten, "die Sorgen oder was gelingt". Di Lorenzo sagte dazu, viele Bilder, die die Redaktionen erreichten, könnten nicht gedruckt werden, weil sie zu grausam seien. Doch er warb auch dafür "die Sorgen nicht untergehen zu lassen. Sonst überlassen wir sie den Hetzern."