"Den meisten fehlt das Geld für eine Flucht nach Europa"

Nordirak Diakonie Katastrophenhilfe

Foto: Diakonie Katastrophenhilfe/Michael Stürzenhofecker

Die lokale Partnerorganisation REACH der Diakonie Katatstrophenhilfe im Nordirak verteilt Grundnahrungsmittel an syrische Flüchtlingsfamilien in Bainjan.

Fast 1,2 Millionen Syrer haben im Libanon Zuflucht gesucht – für ein Land von der Größe Hessens, das selbst gerade 4,5 Millionen Einwohner hat, eine gewaltige Belastung. Auch im Norden des Irak konzentrieren sich Menschen auf der Flucht. Dort ist die Situation durch den Vormarsch des Islamischen Staats (IS) alles andere als sicher. Caroline Hüglin ist dort als Projektkoordinatorin für die Diakonie Katastrophenhilfe unterwegs und berichtet über die aktuelle Lage.

Wie ist die aktuelle Lage im Irak? Gibt es Bedrohungen der Flüchtlinge durch IS-Kämpfer?

Caroline Hüglin: Die humanitäre Lage im Irak ist bereits seit Jahren kritisch und hat sich insbesondere durch den Einzug des Islamischen Staats (IS) in den Westen und Norden des Landes seit Januar 2014 noch verschärft. Aktuell brauchen laut Vereinten Nationen (UN) rund 8,6 Millionen Menschen im Land Unterstützung – eine der größten humanitären Krisen weltweit. Mit am stärksten betroffen sind etwa 250.000 syrische Flüchtlinge, sowie  3,2 Millionen intern vertriebene Irakerinnen und Iraker. Die Bedrohung durch den IS ist insbesondere in den umkämpften Gebieten akut, den anhaltenden Kampfhandlungen fallen auch viele Zivilisten zum Opfer. Viele jesidische Mädchen und Frauen sind immer noch in Gefangenschaft des IS.

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Carolin Hügelin

Carolin Hügelin ist Projektverantwortliche der Diakonie-Katastrophenhilfe für den Irak. Von ihrem Dienstsitz Istanbul aus ist sie regelmäßig in den Projekten der lokalen Kooperationspartner vor Ort unterwegs.

Wie ist die Versorgung der Menschen mit Unterkunft, Kleidung, Nahrung?

Hüglin: Oftmals mussten sie sehr kurzfristig fliehen und konnten nur ihre Pässe und etwas Bargeld mitnehmen. Manche können sich durch Ersparnisse und den Verkauf von Wertsachen eine Zeit lang mit dem Notwendigsten versorgen. Ein Großteil der geflohenen Menschen lebt nicht in Flüchtlingslagern, sondern in gemieteten Zimmern - teilweise unter sehr schlechten Bedingungen in Rohbauten. Diese sind im Sommer nicht klimatisiert und im Winter nicht geheizt.

Wie wirkt sich die Reduzierung der Lebensmittelunterstützung seitens der UN aus: Können Sie Mängel ausgleichen oder geht das Essen irgendwann aus?

Hüglin: Engpässe werden, so gut es geht, durch das von Regierung und UN geführte Koordinierungssystem ausgeglichen. Jedoch können die finanziellen Einschnitte beispielsweise beim Welternährungsprogramm (WFP) nicht adäquat ausgeglichen werden. Nach den letzten Berichten wird nur die Hälfte der Familien versorgt werden können, die auf Nahrungsmittelunterstützung angewiesen sind. Das heißt, Regierung und Hilfsorganisationen müssen die Zahl der Begünstigten reduzieren. Es ist angesichts der großen Zahl Bedürftiger unvermeidbar, dass durch solche Kürzungen Menschen von notwendiger Hilfe ausgeschlossen werden.

Welche Konsequenzen hat das?

Hüglin: Für die Familien bedeutet das oft einseitige Ernährung oder auch Mahlzeiten auszulassen. Solche Mangelernährung kann insbesondere bei Kindern Folgen für die körperliche und geistige Entwicklung haben. Die Diakonie Katastrophenhilfe versorgt mit ihrer lokalen Partnerorganisation bedürftige Familien, die von Regierung oder UN keine Unterstützung erhalten.

Sind die Menschen auf den Winter vorbereitet?

Sowohl im Sommer als auch im Winter sind die Menschen im Irak extremen Temperaturen ausgesetzt. So gab es zum Beispiel letzten Monat in vielen Landesteilen noch Temperaturen von über 50 Grad. Im Winter sinkt das Thermometer nachts bis unter den Gefrierpunkt. Viele Hilfsorganisationen haben bereits letztes Jahr Heizgeräte, Heizmaterial und Decken für den Winter an die Familien verteilt und werden das  in diesem Jahr wieder tun.

"Viele arbeiten als Tagelöhner - oftmals nur ein bis zwei Tage pro Monat."

Was fehlt den Menschen im Moment am meisten?

Die meisten Familien, die ich treffe, wünschen sich am dringendsten eine regelmäßige Einkommensquelle, um nicht mehr ausschließlich von Hilfe abhängig zu sein und sich zum Beispiel Medikamente oder den Schulbesuch für ihre Kinder leisten zu können. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage im Irak und der großen Anzahl an Geflüchteten ist es jedoch sehr schwer, Arbeit zu finden.

Haben sie Möglichkeiten zu arbeiten?

Grundsätzlich dürfen syrische Flüchtlinge im Nordirak arbeiten, doch nur ein kleiner Teil findet eine regelmäßige Einkommensquelle. Viele arbeiten als Tagelöhner, bekommen jedoch auf diese Weise nur sehr selten und unregelmäßig Aufträge - oftmals nur ein bis zwei Tage pro Monat. Das Einkommen der Familien ist dann sehr gering. Die Diakonie Katastrophenhilfe hat deshalb mit ihrer lokalen Partnerorganisation ein Projekt gestartet, das den Menschen eine Einkommensgrundlage schaffen soll - sowohl in städtischen als auch ländlichen Gebieten.

Gibt es Hilfe für Traumatisierte?

Punktuell ja. Von offizieller Seite gibt es nur wenig psychologische Hilfe im Irak, aber es gibt einige Hilfsorganisationen, die diese zur Verfügung stellen. Auch die Diakonie Katastrophenhilfe hat mit ihrer lokalen Partnerorganisation zwei Gemeindezentren eingerichtet, die syrischen Flüchtlingen und innerhalb des Iraks Vertriebenen psychosoziale Unterstützung und Weiterbildung - etwa Sprachkurse - anbieten. Es gibt dort spezielle Angebote für Kinder und Erwachsene. Das Personal, oft sind es selbst Flüchtlinge, ist im Umgang mit Traumatisierung ausgebildet. Diese Zentren bieten für viele Familien die erste Möglichkeit, ihre Sorgen und Ängste zu adressieren und sich mit anderen, die ähnliches erlebt haben, auszutauschen. Die Zentren sind auch für die Einheimischen geöffnet – was die Integration der Geflüchteten in die neue Umgebung erleichtern wird.

Wie steht es um Bildung, Freizeit und Kultur?

Was die Bildung betrifft, gibt es große Lücken. Viele syrische Kinder haben seit ihrer Flucht vor zwei oder drei Jahren keine Schule mehr besucht. Die Regierung in der kurdischen Autonomieregion hat große finanzielle Engpässe. Um die große Anzahl neuer Schüler in das Bildungssystem zu integrieren, müssen neue Schulen gebaut oder alte erweitert und renoviert werden. Die Diakonie Katastrophenhilfe hat mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit eine Schule renoviert, die direkt neben einem der von uns eingerichteten Gemeindezentren liegt. Hier gibt es auch kulturelle Angebote, wie gemeinsames Musizieren und Kochen. Für viele Familien aus Syrien bedeutet das ein Stück Heimat in der Fremde. 

Wie finanzieren Sie ihre Arbeit: Werden Sie auch von der Bundesregierung unterstützt?

Wir arbeiten mit Spenden, erhalten aber auch Mittel vom Auswärtigen Amt und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

"Viele Kurden im Nordirak äußern sich stolz darüber, so vielen Bedürftigen eine Zuflucht zu bieten."

Wie wirken aktuelle Nachrichten aus Europa auf die Flüchtlinge: ist der Drang größer geworden, sich auf den Weg zu machen?

Dieser Drang war bereits vor den jüngsten Entwicklungen sehr groß, vor allem aufgrund der fehlenden Perspektiven. Doch den meisten Familien fehlt das Geld für eine Flucht nach Europa.

Die Nachbarländer Syriens nehmen seit Jahren eine große Menge an Flüchtlingen auf. Wie schaffen sie das?

Die momentan in Deutschland gelebte "Willkommenskultur" erlebe ich auch im Nordirak - hier haben die Menschen, oft auch durch eigene Erfahrungen, noch das Leid durch Verfolgung vor Augen. Viele Kurden im Nordirak äußern sich stolz darüber, so vielen Bedürftigen eine Zuflucht zu bieten.

Sollte sich "der Westen" stärker in der Region engagieren, auch militärisch, etwa durch Schaffung einer Sicherheitszone?  

Zum einen geht es darum, die Nachbarländer Syriens darin zu unterstützen, die geflüchteten Menschen adäquat zu versorgen und ihnen mittelfristige Perspektiven zu schaffen. Die Familien brauchen Arbeit und müssen ihre Kinder zur Schule schicken können. Zum anderen müssen die Staaten alles daran setzen, eine Lösung für den Konflikt in Syrien zu erwirken.