Evangelische Kirche fordert Umdenken in Entwicklungsdebatte - "Ökonomie des Genug" für Deutschland

Ein Mann wischt einen Balken von einer Wachstumskurve auf einer Tafel weg.

Foto: Getty Images/Walter B. McKenzie

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) fordert eine neue Denkweise in der Debatte über eine zukunftsfähige und nachhaltige Entwicklung in der Welt.

Die Entscheidungen, die die Staats- und Regierungschefs in den kommenden Tagen auf dem UN-Entwicklungsgipfel in New York treffen werden, "stellen die Weichen über die Flüchtlingsströme der Zukunft", sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm am Freitag in München, als er die neue Studie der EKD-Kammer für nachhaltige Entwicklung vorstellte. 

Das auf den Verbrauch von Ressourcen setzende Denkmuster der Industriegesellschaften, das auf den Anfängen des kapitalistischen Industriesystems basiere, sei "weder universalisierbar noch zukunftsfähig", heißt es in der Studie. Viel Zeit für ein Umdenken bleibe nicht: "Die Zeit drängt", heißt es in der Studie. In der aktuellen Diskussion solle die Studie "eine hilfreiche Stellungnahme darstellen", schreibt EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Vorwort.

"Ständiges Mehr an Gütern" kann kein Ziel sein

In Deutschland müsse sich zudem eine "Ökonomie des Genug" durchsetzen, die sich nicht allein daran orientiere, das Bruttoinlandsprodukt und damit auch den Verbrauch von Ressourcen zu steigern. Dies gelte auch für das sogenannte grüne Wachstum: Dort werde oft ausgeblendet, dass ein "ständiges Mehr an Gütern" kein Ziel sein könne, auch Gewinne bei der Effizienz oft zur Steigerung des Verbrauchs an anderer Stelle führten.

Mit dem Bibelzitat im Titel "...damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen" drücken die Verfasser das Ziel ihrer Überlegungen aus, dass weltweit die "Gesellschaften insgesamt gerechter und wohlhabender werden". Im Vordergrund müssten Frieden und Menschenrechte stehen, heißt es in dem 100-seitigen Text. Dafür sollen nach Ansicht der EKD nationale Debatten internationalisiert und die Handlungsspielräume der Staaten gegenüber Konzernen gestärkt werden.

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Die EKD-Experten nehmen auch die Rolle der Religionen in der Entwicklungszusammenarbeit in den Blick. Diese seien von Akteuren wie der Weltbank und der deutschen Entwicklungspolitik "über viele Jahre vernachlässigt worden". Nun bekomme die Bedeutung von Religionsgemeinschaften für den sozialen und wirtschaftlichen Wandel und des Einflusses religiöser Werte und Normen eine größere Aufmerksamkeit.

Dabei wird aus Sicht der Verfasser auch die potenzielle Zwiespältigkeit der Religionen deutlich: Dem "unbestreitbaren Friedenspotenzial der Religionen" stehe die Erfahrung gegenüber, "dass in vielen Regionen der Welt heute wieder vermehrt religiöse Argumente herangezogen werden, um Gewalt, Terror und Unterdrückung zu legitimieren". Einerseits könnten religiöse Überzeugungen ein Antrieb für den Kampf gegen Unrecht und Armut sein, in anderen Fällen erwiesen sich religiöse Institutionen aber auch als Entwicklungshindernisse.

Intensiver im interreligiösen Dialog engagieren

Aus dieser Ambivalenz ergibt sich für die EKD selbst "eine besondere Verantwortung", der Gesellschaft Orientierung zu geben. Wichtig wäre es auch, sich "intensiver im interreligiösen Dialog zu engagieren, insbesondere mit dem Islam", der gegenwärtig starke Erschütterungen erlebe.

Der Kammer für nachhaltige Entwicklung unter dem Vorsitz des Entwicklungsexperten Thilo Hoppe (Grüne) gehören neben anderen die Ex-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Günter Krings (CDU), der EKD-Umweltbeauftragte Hans Diefenbacher und die Chemikerin Gudrun Kordecki an.