Neubeginn zwischen Schuld und Trümmern

Die sieben Sprecher des neu berufenen Rates der EKD bei der Treysaer Kirchenkonferenz 1945 v.li.n.re.: Der stellvertretende Ratsvorsitzende Martin Niemöller, Wilhelm Niesel, der Ratsvorsitzende Theophil Wurm, Hans Meiser, Heinrich Held, Hanns Lilje, Otto D

Foto: epd-bild/Hephata-Archiv

Die sieben Sprecher des neu berufenen Rates der EKD bei der Treysaer Kirchenkonferenz 1945 v.li.n.re.: Der stellvertretende Ratsvorsitzende Martin Niemöller, Wilhelm Niesel, der Ratsvorsitzende Theophil Wurm, Hans Meiser, Heinrich Held, Hanns Lilje, Otto Dibelius.

Die Anzüge waren abgenutzt, das Essen karg. "Es gab gekochte Kartoffeln mit einer dünnen Fleischsoße, dazu eingelegte rote Beete und Pfefferminztee", notierte der amerikanische Pastor Stewart Herman über die erste evangelische Kirchenversammlung in Deutschland vor 70 Jahren.

Ort der historischen Versammlung, die am 31. August 1945 zur Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) führte, war die diakonische Einrichtung "Hephata" im nordhessischen Treysa. "Viele Delegierte brachten Rucksäcke voller Kartoffeln und Wurststücke mit", erinnerte sich Herman.

Mitten im zertrümmerten Deutschland wagten 120 Männer aus 28 Landeskirchen einen Neuanfang. Die EKD trat an die Stelle der 1933 gegründeten, staatsfixierten "Deutschen Evangelischen Kirche". Der neue Protestantismus sollte ein anderer sein - darin waren sich alle einig. Doch sie brachten Konzepte mit, die unterschiedlicher kaum sein konnten.

So strebte Bischof Hans Meiser (1881-1956) aus München eine Konfessionskirche der Lutheraner an, in der die reformierten und unierten Protestanten nur am Rande vorkommen sollten. Martin Niemöller (1892-1984) dagegen, in der NS-Zeit Symbolfigur der kirchlichen Opposition gegen Hitler, plädierte für eine "Kirche von unten": Von den Gemeinden her sollte sie sich aufbauen und ihre Schuld am Nazi-Unheil bekennen. Immer wieder gerieten der "Vulkan" genannte Niemöller und der "Eisberg" Meiser aneinander, so dass die Konferenz zeitweilig zu platzen drohte.

Dass es nicht dazu kam, ist zum großen Teil dem Stuttgarter Bischof Theophil Wurm (1868-1953) zu verdanken. Wurm galt wegen seines Protests gegen das Euthanasie-Programm der Nazis zur Tötung geistig behinderter Menschen als moralische Autorität. Seit 1941 verfolgte er ein kirchliches Einigungswerk: Er wollte die zerstrittenen Gruppen der kirchlichen Opposition zusammenführen.

Nach heftigen Debatten einigten sich die Kirchenvertreter in Treysa auf einen Kompromiss: die Vorläufige Ordnung für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Darin wird die Eigenständigkeit der Landeskirchen betont. Auch auf ein eigenes Bekenntnis verzichtet die EKD. Sie soll in erster Linie die Interessen der Kirche nach außen vertreten und ihre politische und soziale Verantwortung wahrnehmen.

Leitungsstruktur mit zwölf Personen

Eine Lektion aus den Erfahrungen des "Dritten Reiches" war die neue Leitungsstruktur mit einem zwölf Personen umfassenden Rat an der Spitze. Erster EKD-Ratsvorsitzender wurde Wurm, sein Stellvertreter Niemöller. In den Rat rückte neben Meiser und dem Berliner Bischof Otto Dibelius auch der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann.

Die Debatten sollen so turbulent verlaufen sein, dass einige Delegierte zwischendurch den Saal verließen. Der sonst so besonnene Wurm soll mit der Faust auf den Tisch geschlagen haben. Keiner war mit dem Ergebnis zufrieden, alle Lager mussten Federn lassen. Doch die Einigung stand. Beobachter haben es als "Wunder" gewertet, dass sie überhaupt zustande kam.

Mitschuld am Nazi-Unheil

Im Oktober 1945 bekannten die Protestanten in der Stuttgarter Erklärung ihre Mitschuld am Nazi-Unheil: "Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Dieses Bekenntnis ebnete dem deutschen Protestantismus die Rückkehr in die Ökumene.

1948 beschloss die neue EKD in Eisenach ihre Grundordnung. Acht ostdeutsche Landeskirchen mussten 1969 unter dem Druck der SED eigene Wege gehen. Sie organisierten sich im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Dennoch blieb während der deutschen Teilung die evangelische Kirche aufgrund der "besonderen Gemeinschaft" eine wichtige Klammer zwischen Ost und West. Nach der staatlichen Wiedervereinigung erfolgte im Juni 1991 die Zusammenführung der beiden Kirchenbünde zur vereinten EKD. Heute gehören der EKD 20 Landeskirchen mit insgesamt rund 22,5 Millionen Protestanten.