Evangelische Weichenstellungen im "Hotel zur weißen Haube"

Hanna Lachenmann sitzt am 30.06.2015 unter einem Porträt von Rose Livingston, der Gründerin des Frankurter Nellinistifts.

Foto: epd-bild/Stefanie Bock

Die Diakonisse Hanna Lachenmann hat Erinnerungen an die Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland zusammengetragen.

Für drei Tage versammelte sich im August 1945 der Bruderrat der Bekennenden Kirche im Frankfurter Diakonissenhaus. In der Villa Manskopf berieten die Kirchenvertreter über die Zukunft des Protestantismus in Deutschland.

Trotz der chaotischen Verhältnisse unmittelbar nach Kriegsende fielen im Sommer 1945 wichtige Entscheidungen über die gemeinsame Organisation der evangelischen Landeskirchen. Nach den Erfahrungen der NS-Zeit sollte die Kirche wieder eine andere sein. Darin waren sich alle einig. Nicht einig waren sich die Protestanten vor 70 Jahren darüber, nach welchem Bild die Kirche geformt sein sollte.

Martin Niemöller, führender Vertreter der Bekennenden Kirche, schwebte eine "Kirche von unten" vor, der bayerische Landesbischof Hans Meiser sprach sich für eine Konfessionskirche der Lutheraner aus. Landesbischof Theophil Wurm aus Württemberg ergriff schließlich die Initiative zur Einigung der evangelischen Kirche und lud für Ende August ins nordhessische Treysa ein.

Weinhandel, Lazarett, Mutterhaus

Auf der Liste der Eingeladenen stand auch Niemöller, die Bekennende Kirche wurde in der Einladung aber nicht erwähnt, wie die Frankfurter Diakonisse Hanna Lachenmann erzählt: "Sie hatte juristisch gesehen keine Legitimation zur Vertretung einer Landeskirche." Deswegen habe Niemöller die Einladung nach Treysa auch zunächst abgelehnt, sagt die 84-Jährige, die sich intensiv mit der Vorgeschichte zur Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) befasst hat.

Zur Vorbereitung des Treffens in Treysa lud Niemöller den Bruderrat der Bekennenden Kirche zu einer dringenden Sitzung vom 21. bis 23. August nach Frankfurt ein. Denn für ihn sei entsprechend der Barmer Bekenntnissynode die Bekennende Kirche, die in der NS-Zeit gegen die gleichgeschaltete Kirche der Deutschen Christen opponierte, die einzig rechtmäßige Kirche gewesen, sagt Lachenmann.

Ort des Treffens in Frankfurt war das Mutterhaus der Diakonissen. Die Frankfurter Diakonissen hatten gerade eine wahre Odyssee hinter sich, war doch ihr Mutterhaus in der Cronstettenstraße am 30. April 1945 von der US-amerikanischen Besatzungsmacht beschlagnahmt worden. Erst Mitte Juli bezogen die Frauen mit der Haube die Villa Manskopf als neues Domizil. Das 1894 von der Frankfurter Weinhändlerfamilie Manskopf errichtete Gebäude war im Zweiten Weltkrieg als Lazarett genutzt worden.

"Die Tagung in Frankfurt gehört für alle, die daran teilnahmen, wohl zu dem Schönsten, was uns in der Bekennenden Kirche jemals an wirklich brüderlicher Gemeinschaft bei ernsten sachlichen Auseinandersetzungen geschenkt wurde", erinnerte sich Niemöller später. Bei dem Treffen sollten schon die Weichen für den Zusammenschluss der 28 evangelischen Landeskirchen gestellt werden, war Niemöllers Plan. Doch Wurm überzeugte ihn, nur die Treysaer Konferenz vorzubereiten und zu schauen, wo die Bekennende Kirche steht. Zu Niemöllers Enttäuschung sprachen sich nach hitzigen Diskussionen die meisten Mitglieder des Bruderrates für einen Kompromiss aus und erkannten auch die Leitungsorgane und leitenden Personen an, die sich außerhalb der Bekennenden Kirche gegen die Nationalsozialisten gestellt hatten.

Hanna Lachenmann stieß erst 1950, als 20-Jährige, zu den Frankfurter Diakonissen. Sie wälzte Aufzeichnungen, befragte Zeitzeugen, las Bücher und sammelte viele geschichtliche Details. Danach war die Villa Manskopf alles andere als geeignet, eine Schar von Kirchenvertretern zu beherbergen. "Die Schwestern wohnten manchmal zu acht in einem Zimmer, auch Gästezimmer hatten sie nicht", sagt Lachenmann.

Tee oder Ei? Was zuerst?

Für die Frauen hieß das: Zimmer räumen und notfalls auf dem Fußboden schlafen. Die Schwestern schufen das "Hotel zur weißen Haube", wie der Vorsteher des Diakonissenhauses, Pfarrer Karl Christian Hofmann, scherzte. Hart traf es Schwester Hella Heimpel, die Oberärztin der Krankenstation war. "Ihr Zimmer war gleichzeitig Schlafzimmer, Arbeitsraum und Untersuchungszimmer." Dieses Zimmer räumten die Schwestern aus, denn es verfügte über einen besonderen Luxus: Es hatte fließend Wasser.

Einmal wurde Bischof Otto Dibelius spät abends im "Hotel zur weißen Haube" erwartet. Schwester Anneliese Friese hatte die Aufgabe, für ihn einen Tee und ein Ei auf einer kleinen Kochplatte zu kochen. "Die ganze Zeit überlegte ich hin und her: Sollte ich zuerst den Tee kochen und dann das Ei oder zuerst das Ei und dann den Tee?" notierte sie. "Ob er es merken würde, wenn ich mit dem Wasser, in dem ich das Ei gekocht hatte den Tee koche? Er hat es nicht gemerkt!"