Der Frieden kam zurück nach Taizé

Cordula Henne über ihren Umgang mit dem Tod von Frère Roger
Taizé-Jugendtreffen in Rom

Foto: epd/Romano Siciliani

Jugendliche beten am Kreuz von Taizé

Am 16.08.2005, während des Abendgebetes in Taizé, wurde der Prior der ökumenischen Bruderschaft, Frère Roger, von einer psychisch kranken Frau mit einem Messer tödlich verletzt. Die Fernsehjournalistin Cordula Henne aus Hamburg war zufällig dabei, eigentlich privat. Doch dann gab sie, noch unter Schock, Interviews in Fernsehen und Radio. Für evangelisch.de beschreibt Cordula Henne, wie sie das Erlebnis verarbeitet hat.

Frère Roger. Für mich war er einer der beeindruckendsten Männer des Glaubens, denen ich bislang begegnet bin.

Ihm im März 2004 zum ersten Mal – als ich kurz vor Ostern in Taizé war. Frère Roger kannte ich durch seine Schriften und Bücher. Als ich ihn in der riesigen Holzkirche seiner Kommunität zum ersten Mal sah, war ich sofort fasziniert. Licht schien von ihm auszugehen, so empfand ich es, und ganz viel menschliche Wärme.

Ein paar Tage war ich damals in Taizé. Frère Roger war nicht immer dabei, wenn die Brüder ihre Abendandacht hielten. Aber wenn, dann saß er in der Reihe seiner Brüder im Mittelgang der großen Kirche immer ganz hinten. Später erfuhr ich, warum: Er wollte, dass die Menschen ungehindert zu ihm kommen konnten.

Die Frau, die ihn im Jahr danach tötete, hatte es deshalb leicht.

Er saß hinten, ungeschützt

Drei Tage, bevor sie Frère Roger ermordete, war ich im Sommer 2005 zum zweiten Mal nach Taizé gereist. Als Teilnehmerin an einer "Woche des Schweigens".

Sonntags begann unser Schweigen. Am Dienstag wurde es jäh beendet. Durch den lauten, schrillen, durchdringenden Schrei dieser Frau. Der Frau, die Frère Roger mit einem Messer tötete. Ihr Schrei klang wie der einer Wahnsinnigen. Unmenschlich. Qualvoll. Irre.

Noch niemals hatte ich einen solchen Schrei gehört. Und als ich ihn hörte, wusste ich intuitiv, dass etwas Furchtbares passiert sein musste. Aber ich dachte, es sei einer Frau passiert...

Auch am Abend seines Todes saß Frère Roger in der Reihe seiner Brüder wie immer ganz hinten. Ungeschützt. Ohne Absperrungen. Seine Mörderin trat von hinten an ihn heran. Das große Küchenmesser in ihrer Hand hatte niemand bemerkt.

Die Brüder setzten die Andacht fort

Als sie schrie, sangen wir gerade eines der bekanntesten Taizé-Lieder – "Laudate omnes gentes", "Lobet Gott, all' ihr Völker".

Ich saß in der Kirche weiter vorn und konnte nicht sehen, was geschehen war. Sah nur, dass sich nach diesem furchterregenden Schrei etwas entfernt von mir Unruhe ausbreitete. Dort, wo Frère Roger seinen Platz hatte.

Die Andacht ging weiter. Einige Menschen sprachen leise miteinander, fragten sich, was dieser Schrei zu bedeuten hatte. Und dann sah ich die Antwort: Frère Roger wurde von zwei Brüdern nach vorne und aus der Kirche getragen. Ganz vorsichtig und behutsam. Auf seinem weißen Gewand waren rote Flecken. Blutflecken.

Ratlosigkeit war spürbar. Die Unruhe wuchs. Von dort, wo Frère Roger gesessen hatte, waren leise Schreie zu hören. Die Brüder aber setzten die Abendandacht wortlos fort. Sangen weiter. Bis ein Bruder ans Mikrofon trat. Er sprach ruhig, aber sichtlich erschüttert und sagte: "Etwas Schwerwiegendes ist geschehen. Frère Roger ist Opfer eines Attentats geworden und soeben verstorben."

Fassungslosigkeit. Kein anderes Wort trifft das besser, was ich dann fühlte.   

"Wir setzen die Andacht fort. Frère Roger hätte es so gewollt." sagte der Bruder weiter.

Frère Roger (12. Mai 1915 - 16. August 2005) war Gründer und Prior der ökumenischen Bruderschaft von Taizé in Burgund.

Es war das Beste, was er sagen konnte. Wir sangen weiter, und ein unerklärlicher Frieden breitete sich aus. Einzelne Menschen schrien und schluchzten, viele Jugendliche brachen zusammen und wurden draußen auf dem großen Platz vor der Kirche medizinisch versorgt. Aber die meisten blieben einfach in der Kirche und sangen weiter. An diesem Abend stundenlang. Die bekannten Gesänge von Taizé.

Irgendwie gaben sie uns Schutz. Vor dem Entsetzen und der unaussprechlichen Traurigkeit. Und auch vor der Panik, die zunächst spürbar war.

Als am nächsten Tag verkündet wurde, wie Frère Roger gestorben war, wuchs mein Entsetzen. Seine Mörderin war psychisch krank gewesen und hatte ihn mit einem langen Küchenmesser getötet. Heimtückisch. Von hinten. Unfassbar.

Frère Roger wurde aufgebahrt. Menschen aus aller Welt reisten in den folgenden Tagen an, um Abschied zu nehmen. Kondolenzschreiben lagen aus – von wichtigen Staatsmännern und bekannten Kirchenleuten, auch vom Papst und dem US-Präsidenten.

Frère Roger wollte den Menschen vor allem die Liebe Gottes nahebringen. Machte sich unermüdlich stark für den Frieden der Welt. Seine Lehren und sein Charisma hatten ihn zu einem Mann gemacht, der weltweit hohes Ansehen genoss.

Ich blieb wie geplant eine Woche in Taizé. Es half mir sehr, dass ich nach dem Schock in Ruhe von dem "großen, alten Mann von Taizé" Abschied nehmen konnte. Noch immer schien von ihm Licht auszugehen. In seinen Gesichtszügen waren weder Schrecken noch Angst erkennbar. Das beruhigte mich sehr. Frère Roger wirkte wie ein friedlich Schlafender.

Er sei vollkommen schutzlos gewesen, sagte Bruder Alois, der neue Leiter, in einer kurzen Ansprache an einem dieser Tage. Er war seiner Mörderin sozusagen ausgeliefert.

Frère Roger hätte sich auch dann nicht abgeschottet oder besser geschützt, wenn er vorher von der Art seines Sterbens gewusst hätte. Ganz bewusst sei er verwundbar geblieben. Sichtbare oder unsichtbare Mauern zwischen sich und seinen Mitmenschen habe er nicht dulden wollen.

Dann bat uns Bruder Alois, der Mörderin zu vergeben. Fügte hinzu: "Frère Roger hat das sicherlich schon längst getan!"

Diese Worte beeindruckten mich sehr und wirkten tief. Bis heute. Noch immer erzähle ich, wenn man mich nach dem Attentat fragt, besonders gern von dieser Rede.

Worte finden - das half beim Verarbeiten

Als es geschehen war, gab ich nur kurz danach ein Telefoninterview in den ARD-Tagesthemen. Am Tag darauf wollten etliche Hörfunksender Interviews mit mir führen.

Das war nicht leicht. Denn ich hatte das Attentat als normaler Gast erlebt. Plötzlich aber musste ich es professionell beschreiben. Als Mensch war ich zutiefst getroffen von dem Geschehen. Aber dann musste ich es aus journalistischer Sicht bewerten und einordnen.

Trotzdem half mir das alles. Weil ich gezwungen war, Worte zu finden für das, was viele wie gelähmt und wortlos gemacht hatte. Weil ich immer wieder über das Entsetzliche sprechen konnte. Das half mir beim Verarbeiten.

Den durchdringenden Schrei der Mörderin hatte ich trotzdem noch Monate später immer wieder im Ohr – vor allem nachts beim Einschlafen.

Genau ein Jahr später reiste ich deshalb wieder nach Taizé. Ich wollte, dass der Schrei verstummte. Wollte mich noch einmal bewusst dem Schockierenden stellen.

Ich ging zum Grab von Frère Roger. War bewusst oft lange in der großen Kirche. Und spürte am Anfang die diffuse Angst, dass wieder etwas geschehen könnte, das nicht fassbar und deshalb nicht vorhersehbar war.

Aber nach einigen Tagen kam überraschenderweise der Frieden in meine Erinnerung zurück. Der Frieden, der sich ausgebreitet hatte, als wir nach der furchtbaren Tat in der Kirche weitergesungen hatten. Ich erinnerte mich an den Polizisten, der in der Kirche die Spuren gesichert hatte und am Tag danach sagte, dass er so etwas noch nie erlebt hätte – eine so friedliche Atmosphäre nach einer so grausamen Tat. Dass ich auch das erleben durfte, machte mich plötzlich dankbar. Denn für mich war es der Frieden, den nur Gott geben kann. Je mehr ich mich an ihn erinnerte, desto leiser wurde der Schrei in meinen Ohren. Als ich nach einer Woche abreiste, war er tatsächlich verstummt.

Dieser Artikel erschien erstmal am 16.08.2015 auf evangelisch.de