Fastnacht und die christlichen Wurzeln

Zeit, einige Fragen zu klären und mit einigen Vorurteilen aufzuräumen.
Die Reformatoren distanzierten sich vom Fasching mehr als die katholische Kirche.

Foto: Getty Images/iStockphoto/kaarsten

Die Reformatoren distanzierten sich vom Fasching mehr als die katholische Kirche.

Fastnacht auf einer kirchlichen Webseite? Ja – passt das denn? Und wenn kirchlich – gehört die "fünfte Jahreszeit“ nicht eher zu den katholischen Bräuchen? Stehen Protestanten dem Karneval nicht eher kritisch gegenüber?

Auch wenn manche schwäbische Gegenden ihre Fastnacht auf uralte germanische Bräuche und Fruchtbarkeitsriten zurückführen, so liegt die Wurzel des Faschingsfestes doch im Christentum. Schon die  Namen "Fast-Nacht" (die Nacht bzw. letzten Nächte vor der Fastenzeit) , sowie "Karne-Val" (von lateinisch Carnem levare – Fleischwegnehmen) zeugen von dem engen Zusammenhang mit der vierzigtägigen Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt.

Die ersten Nachrichten über Fastnachtsfeiern stammen aus dem 12. oder 13. Jahrhundert als Gegensatz zur nachfolgenden Fastenzeit. Bevor nicht nur dem Fleisch, sondern allgemein Fett und Milchprodukten bis hin zur Sexualität vierzig Tage lang entsagt wurde, herrschte eine Zeit der Völlerei, der Maßlosigkeit, der derben Scherze und der sexuellen Ausschweifungen. Mancherorts wurde der Berufsgruppe, die am meisten unter dem Fasten zu leiden hatte, den Metzgern, besondere Aufmerksamkeit geschenkt. In Nürnberg beispielsweise ließen die Metzger in einem Tanz zum letzten Mal "die Sau raus".

Ist Fasching/Karneval in der Katholischen Kirche beheimatet?

Das kann man so nicht sagen. Die frühesten Zeugnisse sind vorreformatorischer Zeit. Sicher ist, dass die "tollen Tage" im Spätmittelalter  der offiziellen Kirche ein Dorn im Auge waren. Sie sah in den sexuellen Ausschweifungen, der Völlerei, den Wettkämpfen und Spielen, den Besäufnissen und derben Schauspielen  geradezu eine "civitas diaboli", eine Gegenwelt zum Paradies, eine Hingabe an die Welt, nicht zu Gott. Deshalb verdammte sie die Faschingszeit als widergöttlich.

Dennoch ist es richtig, dass die Reformatoren eine größere Distanz zum Fasching zeigten als die katholische Kirche. Während diese versuchte, das "Böse" und Närrische ins Kirchenjahr zu integrieren – wahrscheinlich ursprünglich mit dem Hintergedanken, man müsse den Feind kennen, den man bekämpfe - und in den Faschingstagen eine Möglichkeit sah, dem Volk die anschließende Fastenzeit erträglicher zu machen, verboten die Reformatoren die Ausschweifungen des Karnevals und seine derben Scherze ganz.

Verstanden die Reformatoren keinen Humor?

Davon kann nicht die Rede sein. Martin Luther sah das Lachen als ein Zeichen göttlicher Gnade und als Gegenmittel gegen den Teufel an: "Verlacht den Feind und sucht Euch jemand, mit dem Ihr plaudern könnt... oder trinkt mehr, oder scherzt, treibt Kurzweil oder sonst etwas Heiteres. Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren, um dem Teufel Abscheu und Verachtung zu zeigen, damit wir ihm ja keine Gelegenheit geben, uns aus Kleinigkeiten eine Gewissenssache zu machen…" Luthers Tischreden sind voll von derben Scherzen und Humor. Auch gutem Essen und Trinken gegenüber war Luther nicht abgeneigt. Darin befand er sich in bester Gesellschaft: Schon Jesus Christus wurde als "Fresser und Weinsäufer" beschimpft.

Wenn Martin Luther den Fasching verbot, dann einerseits weil die derben Späße im Mittelalter bisweilen sehr ausarteten und er befürchtete, die Menschen könnten auf Dauer der Zügellosigkeit verfallen. Andererseits, weil er einem Fasten, das sich himmlische Belohnung versprach, kritisch gegenüberstand. An einer Fastenpraxis, die nicht als Verdienst vor Gott verstanden wurde, hielt Luther jedoch fest.

Dieser Artikel wurde erstmals am 24. Februar 2014 auf evangelisch.de veröffentlicht.

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