Verzichten, um zu gewinnen - Warum Juden, Christen und Muslime fasten

Foto: epd-bild/Ralf Maro

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Fastenzeiten haben eine lange Tradition - nicht nur im Christentum, sondern auch im Judentum, Islam und weiteren Religionen. Die christliche Fastenzeit beginnt am Aschermittwoch und endet Ostern, früher wurde auch in den Wochen vor Weihnachten gefastet. In allen Religionen haben Fastenperioden ein ähnliches Ziel: Der Verzicht auf körperliche Erfahrungen soll Raum für geistliche Erfahrungen schaffen.

"Was ist mit dir los? Bist du schon wieder schwanger?" - Diese Fragen musste sich Annette Begemann aus Düsseldorf-Eller öfter gefallen lassen, als sie in der Fastenzeit auf Alkohol verzichtete. Auch dieses Jahr streicht die Pfarrerin Alkohol, Süßigkeiten und Knabbersachen von ihrem Speiseplan. Sie leitet in der Passionszeit, den 40 Tagen vor Ostern, eine ökumenische Fastengruppe.

Feste Fastenregeln - wie etwa Verzicht auf Fleisch - gibt es heute im Christentum nicht mehr: "Es geht beim Fasten nicht darum, auf alles zu verzichten, was Freude macht. Es geht darum, sich neu zu orientieren an dem Bild, das Gott entworfen hat. Es ist ein Einspruch gegen festgefahrenes, inhaltsleeres Leben", sagt Georg Kardinal Sterzinsky, Erzbischof von Berlin.

"Kein Verzicht, sondern wertvolle Erfahrung"

Aus diesem Grund verzichtet auch jeder Teilnehmer der Düsseldorfer Fastengruppe auf ein Genussmittel, das zur alltäglichen Gewohnheit geworden ist. Stattdessen setzt er sich in den Treffen der Fastengruppe intensiv mit der Passionszeit auseinander. "Das ist kein Verzicht, sondern eine wertvolle Erfahrung," findet Annette Begemann.

In der evangelischen Kirche beteiligen sich jedes Jahr insgesamt mehr als zwei Millionen Menschen an der Fasteninitiative "Sieben Wochen ohne". Der christliche Brauch des Fastens lässt sich bis in das 2. Jahrhundert zurückverfolgen. Schon damals bereiteten sich Christen durch ein zweitägiges Trauerfasten auf das Osterfest vor. Später wurde die Länge der Fastenzeit auf 40 Tage ausgedehnt. Das bezieht sich auf das 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste.

Fasten an Gedenktagen

Im jüdischen Kalender gilt der Versöhnungstag Jom Kippur als wichtigster Fastentag. In diesem Jahr wird er am 18. September begangen. "Jom Kippur kennen und begehen auch unorthodoxe Juden", sagt Oren Ben Gai, Lehrer der Heinz-Galinski-Schule, die von der jüdischen Gemeinde in Berlin getragen wird.

Seinen Schülern erklärt er, dass am Jom Kippur Menschen ihre Verfehlungen vor Gott bringen sollen, um sich mit ihm zu versöhnen. "Nicht nur das Fasten, die ganze Atmosphäre dieses Feiertages führt zum Nachdenken", sagt der Grundschullehrer.

Neben Jom Kippur gibt es fünf weitere Fastentage, an denen die Juden trauriger Ereignisse der jüdischen Geschichte gedenken. Besonders wichtig ist der neunte Aw des jüdischen Kalenders. An diesem Tag wurden der erste und der zweite Tempel zerstört und der jüdische Bar-Kochba-Aufstand gegen die Römer blutig niedergeschlagen. Außerdem war dieses Datum auch die letzte Frist, zu der die Juden im Jahr 1492 Spanien verlassen mussten.

Liebe und Dankbarkeit

Im Islam gilt das Fasten im Monat Ramadan als eine der fünf Säulen der Religion und damit als Pflicht für jeden gesunden und mündigen Muslim. Tagsüber soll in dieser Zeit auf Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr verzichtet werden. Die Nacht des 27. Ramadan gilt als besonders heilig, weil in ihr die erste Koranoffenbarung erfolgt sein soll. Bitten, die man in dieser Nacht an Gott richtet, gehen in Erfüllung, so der Glaube. Der Abschluss des Fastenmonats, das Fest des Fastenbrechens, ist neben dem Opferfest das höchste islamische Fest.

"Ich faste im Ramadan, seit ich sieben oder acht Jahre alt bin. Allerdings immer nur, solange ich es ausgehalten habe", berichtet Hana Hassan aus Ludwigsburg. Mit zehn oder elf Jahren habe sie dann den ganzen Tag gefastet. Auch wenn der Studentin zu Beginn des Ramadan das Fasten schwer falle, sei es ein wunderschönes Erlebnis: "Ich verbringe in diesem Monat sehr viel Zeit mit meiner Familie und versuche, so gottgefällig wie möglich zu handeln."

Hana Hassan liest in diesen 30 Tagen den Koran einmal vollständig durch: "Ich möchte diesen Monat - soweit ich es kann - Gott schenken und ihm meine Liebe und Dankbarkeit zeigen."