Muss man sonntags in die Kirche?

Foto: iStockphoto

Foto: iStockphoto

Im Jahr 789 gab Karl der Große einen Erlass heraus. Er regelte, was seine Untertanen im ganzen Reich sonntags zu tun und zu lassen hatten. Den Frauen untersagte er, Schafe zu scheren, Wolle zu zupfen, zu weben, Kleider zuzuschneiden, zu nähen oder zu waschen. Den Männern verbot er die Arbeit auf den Feldern und in den Weinbergen, das Mähen, Pflügen und Ernten, das Häuserbauen und die Gartenarbeit. Einen Wagen zu benutzen erlaubte er nur, um in den Krieg zu fahren, Lebensmittel herbeizuholen oder Tote auf den Friedhof zu bringen.

All dies diente einem einzigen Zweck: damit die Menschen „von überall her zur Messfeier in die Kirche kommen und Gott loben ob all des Guten, das er uns an diesem Tag erwiesen hat". Es war beileibe nicht die erste staatliche Rechtsnorm in Sachen Sonntagsheiligung, aber sie betonte besonders deutlich die Pflicht zum Kirchgang. Die Kirche ihrerseits hatte schon um das Jahr 100 nach Christus den Abendmahlsbesuch am „Herrentag" angeordnet (in der Lehrschrift „Didache").

Den Christen galt es als wichtige Pflicht, sich am Auferstehungstag Jesu, dem Tag nach dem Sabbat, also dem ersten der Woche, zum Gebet zu versammeln. Heute bröckelt nicht nur der Konsens darüber, dass der Sonntag ein Tag der Ruhe und Besinnung ist. Auch der Besuch von Gottesdiensten ist bei vielen Katholiken und Protestanten unüblich geworden. Im Blick auf die katholischen Christen ist dies besonders erstaunlich, besteht doch für sie eine kirchengesetzliche Pflicht, sonn- und feiertags an einer Eucharistiefeier teilzunehmen.

Für Katholiken Pflicht, für Protestanten ein Angebot

Kirchliches Gesetzbuch (CIC) und katholischer Katechismus lassen keinen Zweifel daran: „Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Messfeier verpflichtet" (Kanon 1247 des CIC). Eine vergleichbare Vorschrift gibt es in der evangelischen Kirche nicht, aber auch sie betont den Wert des Gottesdienstbesuchs. Zugleich geht sie - bis in die offiziellen Texte hinein - realistisch bis pragmatisch mit der geringen Zahl der Gottesdienstbesucher um.

So heißt es in den neuen „Leitlinien kirchlichen Lebens" der lutherischen Kirchen Deutschlands geradezu bescheiden: „Etlichen Gemeindemitgliedern ist der Sonntagsgottesdienst wichtig für ihr Leben. Andere kommen nur selten... Für viele Kirchenmitglieder hat der sonntägliche Gottesdienst keine erkennbare Bedeutung." Zunehmend werden in den evangelischen Gemeinden die geringe Anzahl der Kirchgänger und die deshalb kaum genutzten Kirchengebäude zum Diskussionthema. Denn während an gewöhnlichen Sonntagen immerhin noch rund 15 Prozent der Katholiken einen Gottesdienst besuchen, sind es auf evangelischer Seite ganze vier Prozent.

Sichtbare und unsichtbare Kirche

In diesen Zahlen spiegeln sich nicht nur die strengere Rechtsnorm der katholischen Seite und ihre intensivere Gottesdienstpraxis, sondern auch konfessionelle Unterschiede in der theologischen Einschätzung von Gottesdiensten überhaupt. Für Protestanten mehr als für Katholiken ist die Kirche ein Werk des Heiligen Geistes. Die Reformatoren unterschieden deshalb zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche. Äußerlich ist nicht klar zu erkennen, wer zur Gemeinschaft der Gläubigen gehört. Auch wer auf Distanz zur Institution Kirche geht, mag ein gläubiger Mensch sein.

Anders die Katholiken: Sie betonen die Schlüsselrolle der Kirche und ihrer Sakramente für das Seelenheil. Der Verzicht auf den Gottesdienstbesuch muss nach katholischem Verständnis den Glauben beschädigen, nach evangelischem nicht. Vor allem die evangelische Kirche verweist beim Thema Sonntagsheiligung auch gern auf das Vorbild Jesu. Der pochte nicht auf die sture Einhaltung der jüdischen Religionsgesetze, sondern lenkte den Blick auf den Sinn des wöchentlichen Festtages als eine seelische und religiöse Wohltat. Seinen Kritikern sagte er: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen" (Markus 2, 27).

Rituale als Nahrung für die Seele

Auch wenn es für Protestanten keine Pflicht zum Gottesdienstbesuch gibt, steht der Nutzen doch außer Frage. „Rituale geben der Seele Nahrung", sagt der Liturgieberater der nordelbischen Kirche, Thomas Hirsch-Hüffell. Aber dazu müssen sie in einem bestimmten Rhythmus wiederkehren. Das Thema Sonntagspflicht bekommt gegenwärtig in der evangelischen Kirche wieder Auftrieb, und zwar in einer ganz neuen Weise: als persönliche Verpflichtung. Spirituelle Lehrer wie Thomas Hirsch-Hüffell schließen mit Menschen, die religiös weiterkommen wollen, einen Vertrag.

Darin enthalten: Regeln zur Selbstdisziplinierung. Warum? „Wer etwas über sich und seine Welt erfahren will, muss Verpflichtungen eingehen." Mit Strenge und Humor überprüft der Lehrer die Fortschritte - ganz ohne Gesetze.