"Man sollte die Bibel nicht als Keule benutzen"

Dorothea Zwölfer

Foto: Maria Irl

Pfarrerin Dorothea Zwölfer.

Wenn eine transsexuelle Pfarrerin zum Vortrag kommt, ist das immer noch etwas Besonderes. Deswegen fanden sich über 70 Zuhörerinnen und Zuhörer in der Frankfurter Goethe-Universität ein, um Dorothea Zwölfer zuzuhören. Sie ist Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und transsexuell. "Im Herzen bleibt alles gleich", war der Titel ihres Vortrags. Das war zugleich die wichtigste Botschaft, die sie an dem Donnerstagabend in Frankfurt vermitteln wollte: Auch wenn sie früher Andreas hieß, war sie im Inneren schon immer eine Frau.

Vor dem versammelten Publikum im Ethik-Seminar von Dr. Gerhard Schreiber erzählte Pfarrerin Zwölfer ihre Lebens- und Leidensgeschichte, sehr persönlich und sehr offen. "Das Coming-out ist wie ein Sprung vom Drei-Meter-Brett, aber man sieht den Untergrund nicht", sagte sie, die sich "nie als Mann gefühlt hat". Von ihren eigenen Unsicherheiten habe sie sich mit dem Beruf abgelenkt: "Das Schöne und das Problematische an diesem Beruf ist: Je mehr man tut, desto mehr positives Feedback bekommt man." Erst 2011, nach vielen Jahren innerer Zerrissenheit, die bis zu körperlichen Beschwerden führte, begriff Dorothea Zwölfer, dass sie transsexuell ist. Im Herbst 2012 sprach sie mit ihrer Frau darüber, selbst Pfarrerin. Im April 2013 folgte das Coming-out vor der gemeinsamen Gemeinde.

Dorothea Zwölfer hatte sich emotional schon auf eine Trennung und Scheidung eingestellt, berichtet sie, "möglichst ohne Rosenkrieg". Die meisten Ehen von transsexuellen Menschen halten nicht über das Coming-out hinaus. Beim Ehepaar Zwölfer, seit 1989 verheiratet, war das anders: "Partnerschaften können halten und stabil bleiben, wenn man sich die Zeit nimmt, darüber zu reden." Den gebannt zuhörenden Seminarteilnehmern und Gästen erzählt Pfarrerin Zwölfer, dass vor allem das Verstehen von Transsexualität dabei half, ihre Ehe zu erhalten. Zu verstehen, dass die Transsexualität keine Phase und keine Entscheidung ist, war dabei besonders wichtig.

Das wird gestützt von den Theorien des Schweizer Neuropsychologen Horst Haupt. Haupt entwickelt verschiedene Kategorien von Geschlecht, unter anderem das "Hirngeschlecht" und das "genitale Geschlecht". Die Forschung dazu ist noch relativ jung, und "es gibt noch zig andere Erklärungen und Modelle, warum sich Gehirn und Genital unterschiedlich entwickeln", erklärt Dorothea Zwölfer, "es ist multifaktoriell". Aber im Kern steht die Aussage: Transsexuelle haben ein "inneres Wissen", ob sie männlich oder weiblich sind, auch wenn das nicht mit einem einzigen Test messbar ist.

In Schöpfungsgeschichten ist von Transsexualität nie die Rede

Ebenfalls nicht messbar ist Glaube.  Auf die Frage aus dem Publikum, ob sie während dieser Zeit mit Gott gehadert habe, antwortet Pfarrerin Zwölfer: "Ja, im Blick auf meine Ehe. Warum habe ich es nicht eher gewusst? Die Frage habe ich mir oft gestellt." Ihr Glaube habe ihr aber gerade in den schwierigen Zeiten geholfen: "Ich weiß nicht, wie ich ohne diesen Halt das hätte durchstehen können."

Zwei Lehren aus der Bibel stellt Dorothea Zwölfer dabei besonders heraus: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Gal 5,1), und die Liebe, die auch dann trägt, wenn man durch einen Tiefpunkt muss. Gerade als Pfarrerin hat sie sich immer wieder mit der Frage befasst, was das biblische Zeugnis zur Transsexualität hergibt. Nach ihrem Coming-out warfen ihr Menschen unter anderem vor, sie verstoße gegen die Schöpfungsordnung. Dabei ist in beiden Schöpfungsgeschichten nie die Rede von Transsexualität - "und vom Single-Leben ohne Fortpflanzung übrigens auch nicht", sagt Dorothea Zwölfer. Damit werde Transsexualität auch nicht in die eine oder andere Richtung gewertet.

Die Rollen zwischen den Geschlechtern waren im Alten Testament zwar klar definiert, aber damals herrschte noch ein anderes kulturelles Weltbild. Die Akzeptanz von Transsexualität als ganz normal - oder mindestens nicht mehr als psychische Störung - könne ein ähnlicher Wandel im Weltbild sein wie die Akzeptanz, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht andersrum, was ja sogar Luther selbst anzweifelte, sagt Dorothea Zwölfer.

Die Bibel ist keine Keule und nicht eins zu eins übertragbar

"Man sollte die Bibel nicht als Keule verwenden", betont die Pfarrerin. Das gelte auch für die zahlreichen Vorschriften, "was dem Herrn ein Gräuel ist", an die sich auch niemand hält. So wie das Verbot, Kleider aus Mischgewebe zu tragen, was heute bei einem Baumwolle/Polyester-Pullover die meisten Christen auch nicht stört. "Vieles, was in der Bibel steht, ist hochaktuell, aber man kann es nicht eins zu eins übertragen."

Aus dem Publikum kommt die Frage: Was ist Sünde? "Alles, was einen von Gott und seiner Liebe trennt, ist eine Sünde", antwortet Zwölfer. "Dass ich die Beziehung zu dem, der mich immer liebt, freiwillig aufgeben würde, ist ein absurder Gedanke, aber das ist Sünde."

Gerade im Umgang mit negativen Rückmeldungen auf ihre öffentliche Transsexualität ruft sie sich Gottes Liebe immer wieder ins Gedächtnis. Bei den Menschen sei aber Aufklärung "das einzige, was langfristig etwas verändert", sagt Dorothea Zwölfer. Das hat sie als ihre Aufgabe angenommen. Außerdem engagiert sie sich für zwei Petitionen, die die Stellung von Transsexuellen in der Gesellschaft verbessern sollen: Eine, nach der die Kosten für eine Personenstandsänderung von mehreren Tausend Euro reduziert werden soll, und eine für die Unterstützung der Transsexuellen-Arbeit in der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

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