Teddys und Mission: "Weihnachten im Schuhkarton"

Zu Weihnachten werden bunte Schuhkartons um den Globus geschickt: Nette Geschenke aus reichen Ländern für arme Kinder. Doch sind die Almosen wirklich sinnvoll? Kritiker sagen, oft könnten Kinder in anderen Kulturen mit den Geschenken gar nichts anfangen. Missionstraktate in den Kartons werden ebenfalls mit Vorbehalten gesehen. Sinnvoller wäre eine langfristige Entwicklungshilfe, die die Wirtschaft vor Ort unterstützt.

Es ist so einfach: Man nehme einen Schuhkarton, fülle ihn mit schönen Sachen, schmücke und bemale ihn und mache ein Gummiband herum. Dann bringe man die gute Gabe mit der empfohlenen Spende von sechs Euro für das Porto zu einer der mittlerweile rund 4000 Sammelstellen in Deutschland. Dort lächeln dem fröhlichen Geber vielleicht sogar schon dankbare Kindergesichter von den Werbeplakaten entgegen. "Operation Christmas Child" oder auf deutsch "Weihnachten im Schuhkarton" heißt das weltweite Schenken. Innerhalb von 20 Jahren ist aus einer kleinen Schenk-Idee eine internationale Hilfs-Organisation erwachsen. Doch mit effektiver Entwicklungsarbeit habe das alles kaum etwas zu tun, sagen Kritiker.

Noch bis Mitte November können Spender bei der Aktion "Weihnachten im Schuhkarton" mitmachen. "Da nehmen Sie was zum Spielen, was zum Naschen, was zum Kuscheln, was zum Waschen", rät Projektleiterin Diana Molnar. In derzeit 115 Länder geht die heilige Fracht. "Weihnachten im Schuhkarton ist eine globale Marke. Das ist Hoffnung nach dem christlichem Glauben", sagt Molnar mit Stolz. Allein rund 550.000 Päckchen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen vor allem nach Ost-Europa. Doch gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht, bemängeln kirchliche Kritiker seit Jahren. 

"Kommt dieses Geschenk bei den Kindern wirklich an? Hier in Deutschland kennen wir individuelles Spielzeug. Kinder lieben ihren Teddy. In anderen Ländern ist das unter Umständen gar nicht Tradition. Von daher ist ein Geschenk von einem Kind hier, das gar nicht seinen Teddy hergeben, sondern möglichst einen neuen Teddy schenken soll, zwar gut gemeint, aber das Kind in einem anderen Land kann mit einem solchen Geschenk vielleicht gar nichts anfangen", kritisiert Cornelia Schattat vom Berliner Missionswerk.

"Lieber die Wirtschaft unterstützen"

Dass "Weihnachten im Schuhkarton" das DZI-Spendensiegel trägt, bedeute nur, dass ordentlich und transparent abgerechnet werde. Mit sinnvoller Hilfe für Arme habe das aber wenig zu tun.
"Wir schenken bunte Farbstifte, aber ein Kind, das gar kein Papier hat und nicht gewohnt ist zu schreiben, kann mit einem solchen Geschenk nichts anfangen. Das Geschenk fliegt in die Ecke. Die Entwicklungspolitiker sagen, wenn man in anderen Ländern Kindern etwas Gutes tun will, sollte man lieber dort die Wirtschaft unterstützen und mit Mitteln dort etwas kaufen, was sie wirklich brauchen", rät Schattat.

Der deutsche Verein "Geschenke der Hoffnung", der die Schukartonaktion trägt, arbeitet eng mit dem US-evangelikalen Hilfswerk Samaritan's Purse zusammen. Vorsitzender dort ist Franklin Graham, Sohn des berühmten Evangelisten Billy Graham. Sohn Franklin fiel in den letzten Jahren durch antiislamische Äußerungen auf. Auch die evangelikalen Missions-Aktivitäten von "Samaritan's Purse" nicht nur in islamischen Ländern sind umstritten.

Die Aktion richte sich ausdrücklich auch an Angehörige nichtchristlicher Religionen, die das christliche Weihnachtsfest nicht feiern. Im Rahmen der weltweiten Aktion würden Geschenkkartons auch in Ländern verteilt, in denen mehrheitlich oder fast ausschließlich Buddhisten, Hindus oder Muslime leben, beispielsweise im Irak. Dabei komme es immer wieder zu Konflikten. Viele christliche Kirchen und Angehörige anderer Religionen lehnten diese Verteilung von Weihnachtsgeschenken und die damit beabsichtigte Missionierung von Juden, Muslimen, Buddhisten und Hindus ab. Sie betrachteten dieses Vorgehen als respektlos oder empfänden es als Provokation, heißt es etwa aus dem Bistum Trier.

Verdeckte Mission im Schuhkarton? 

Zudem wurde schon vor Jahren Kritik laut, dass "Weihnachten im Schuhkarton" ohne Wissen der Spender heimlich christliches Missionsmaterial hineinlegen würde. Projektleiterin Diana Molnar weist die Vorwürfe zurück: "Das war nie der Fall und ist praktisch auch unmöglich. Wir wissen ja nicht, wo der Schuhkarton hinkommt. In welcher Sprache sollen wir denn etwas beilegen?" Allerdings gibt Molnar zu, dass die Kirchenpartnergemeinden vor Ort beim Schenken christliches Erbauungsmaterial in der jeweiligen Landessprache verteilen - eine Art verdeckte Mission im Schuhkarton.

"Es gibt hier in Deutschland viele Menschen, die keiner Kirche angehören und auch keine christliche Arbeit unterstützen möchten. Sie wissen oft nicht, wem sie ihr Paket in die Hand geben. Sie wissen auch nicht, dass in der Regel damit eine Art Missionsveranstaltung verknüpft ist. Früher haben wir dazu 'Reis-Christentum' gesagt: Wenn du zum Gottesdienst kommst, dann kriegst du etwas zu essen. Und mit dem Geschenk lockt man die Leute zu einer erbaulichen Veranstaltung, die sie vielleicht gar nicht wollen", bemängelt Cornelia Schattat, die auch Beauftragte für den kirchlichen Entwicklungsdienst der Berliner Landeskirche ist.

Zudem gebe es Alternativen wie etwa "Weltweit Wichteln", das von landeskirchlichen Missionswerken getragen wird. Dort will man keinen einseitigen Geschenketransfer nach dem Zufallsprinzip, sondern Ziel sei hier vor allem das gegenseitige Kennenlernen von Kindern und Jugendlichen zwischen den Kontinenten. Spender sollten also genau prüfen, wen sie schon im Vorfeld des Weihnachtsfestes unterstützen.


Thomas Klatt ist evangelischer Theologe und freier Journalist in Berlin.