Mit Fritten und Fähnchen: Public Viewing in der Kirche

Dienstagabend, viertel nach acht im Garten hinter der Bethanien-Kirche auf dem Frankfurter Berg, mitten in einer Wohnsiedlung. Es ist heiß. Auf der Wiese hinterm Gemeindezentrum sind zwei Tore aufgestellt, ein paar Jungs üben Schießen. In einer halben Stunde beginnt das "richtige" Spiel, Deutschland gegen Frankreich, der Beamer im Gemeindezentrum läuft schon, die Mannschaften singen gerade ihre Nationalhymnen.

"Public Viewing" in der Kirche - die Bethanien-Gemeinde hat schon mehrere Welt- und Europameisterschaften der Männer übertragen, es lohnt sich und macht Spaß. Und jetzt, wie läuft es mit den Frauen? Ziemlich gut, jeweils mehr als fünfzig Besucher bei den ersten beiden Spielen, heute um die dreißig. "Wir dachten, es kämen weniger als bei den Männern, aber es sind fast genauso viele", freut sich Guido Firle, der Vorsitzende des Kirchenvorstandes. Er hat gerade wenig Zeit zum Reden, muss Fritten machen, holt die halbgaren Kartoffelstäbchen immer wieder aus dem heißen Fett hervor um zu schauen, wie weit sie sind.

Guido Firle ist ein bisschen nervös, Kinder und Erwachsene warten auf seine Pommes. Das Public Viewing ist eine große Sache für die Gemeinde. "Man bekommt Kontakt zu Teilen der Gemeinde, die sonntags nicht in den Gottesdienst kommen, das ist super", meint Firle. Schon die Männer-WM war ein Erfolg: "Mehrere Leute habe ich beim Public Viewing das erste Mal gesehen und dann beim Gospelchor wieder getroffen."

Cola und lange aufbleiben

Pfarrerin Heike Seidel-Hoffmann kommt kaum dazu, sich ein Würstchen zu holen, geschweige denn auf die Leinwand zu schauen: Sie unterhält sich mit Gästen. Das ist ihr Job beim Public Viewing im Gemeindezentrum. "Wir können nicht nur Gottesdienst anbieten und uns wundern, dass keiner kommt. Wir brauchen ein niedrigschwelliges Angebot, ganz ohne Gebete oder Begrüßungsreden. Wir verkündigen durch unsere Anwesenheit, und es ist wichtig, dass wir das als unseren Dienst ansehen", fasst sie das Anliegen der Gemeinde zusammen.

Mittlerweile ist das Spiel angepfiffen worden, vorn in der ersten Reihe sitzen Männer in kurzen Hosen und Sandalen. Auch Kinder mit schwarz-rot-goldenen Blumengirlanden oder in Deutschland-Trikots hocken auf den Stühlen im abgedunkelten Gemeindezentrum, dürfen heute ausnahmsweise eine Cola trinken und länger aufbleiben. Annika Peglow (12) hat sich künstliche Fingernägel in den Nationalfarben aufgeklebt. Die Dinger sind praktisch, man kann sie entfernen und beim nächsten Public Viewing wieder aufkleben.

Annika und ihre kleine Schwester Jule (5) warten darauf, dass die Fritten fertig werden, sie sind wegen der Party gekommen, nicht so sehr wegen des Fußballspiels. Auch ihre Mutter Katja Peglow ist eine "reine WM-Guckerin", sie genießt es, hier einen schönen Abend zu verbringen und befreundete Familien zu treffen. Katja Peglow bleibt noch eine Weile draußen in der warmen Sommerabend-Luft stehen, auch wenn das Spiel schon läuft.

Kirche ist mehr als Gottesdienst und Beten

Für Sebastian Steinke ist die Luft ein bisschen zu warm. Schweißtropfen fließen seinen Hals hinunter ins Deutschland-Trikot. Der Kirchmeister steht am Grill und wendet Würstchen mit einer Holzzange. Die erste Halbzeit verpasst er immer. Aber das macht dem passionierten Würstchengriller nichts aus, so lange jemand in der Nähe ist, der mir ihm über Fußball fachsimpelt. Bisher, meint Steinke, hätten die deutschen Frauen nicht so überzeugend gespielt, sie könnten mehr. Das sagt er nach dem Spiel gegen Nigeria und vor dem 4:2 gegen Frankreich.

Drinnen hat sich Hartmut Göddel einen guten Platz gesucht, er freut sich über das Bier für zwei Euro, das ihm zwei junge Frauen durch die Küchen-Durchreiche verkauft haben. Feierabend. Göddel kommt direkt von der Arbeit, hat früher Feierabend gemacht, um im Gemeindezentrum Fußball zu gucken. Er mag das Miteinander, das Gesellige. "Kirche ist ja nicht nur Gottesdienst und Beten", meint Göddel. Zufrieden sitzt er auf seinem Stuhl und schaut zur Leinwand. Kerstin Garefrekes schießt das erste Tor, Göddel grinst über die Männer in der ersten Reihe, die jubelnd aufspringen, die Arme hochreißen und ein schwarz-rot-gelbes Fähnchen schwenken.

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Guten Fußball wollen sie sehen, egal ob Männer oder Frauen spielen. Für Hartmut Göddel sind es zwei völlig verschiedene Sportarten. Die Frauen findet er "athletisch", ihr Kombinationsspiel sei gut, ihre Dynamik. "Das ist nicht mit Männerfußball zu vergleichen". Seine Kollegen fänden Frauenfußball lahm und langweilig, erzählt Hartmut Göddel. Er nicht. Gerade an diesem Dienstagabend nicht: "Heute spielen sie besser, stehen kompakter, es ist ein technisch gutes Spiel". Bei der Partie gegen Nigeria fand Göddel die deutsche Elf "aufgeregt und planlos", aber das habe wohl an der Schiedsrichterin gelegen, "die war suboptimal", so seine zurückhaltend-freundliche Bewertung.

"Wir können sehr schön jedes Geschöpf wahrnehmen"

Pfarrerin Heike Seidel-Hoffmann hat jetzt auch Zeit zum Zuschauen, sie steht mit schwarzem T-Shirt und gelbem Schal in der letzten Reihe, etwas passendes Rotes hat sich nicht gefunden. Die Pfarrerin hat als Jugendliche selbst Fußball gespielt, sie kennt sich also aus. Auch zu dem Männer-Frauen-Thema hat sie einiges zu sagen. "Man denkt immer, Frauen wären die besseren Menschen", philosophiert sie aus leicht feministischer Sichtweise, "aber das stimmt gar nicht! Die sind genauso aggressiv! Ich erschrecke mich sogar manchmal."

Meistens schaut Seidel-Hoffmann aber mit Genuss zu und freut sich an der Ästhetik des Sports: "Es ist schön, wenn man sieht, dass Frauen Kraft haben, ich sehe gern ihre Ausdauer und Muskelkraft." Damit meine sie nicht eine vermännlichte Sorte Frauen, beeilt sich Seidel-Hoffmann zusagen, sondern auch die Spielerinnen mit sehr weiblichen Zügen. "Beim Fußball können wir sehr schön jedes einzelne Geschöpf wahrnehmen." Fast wäre aus den Betrachtungen der Pfarrerin eine Andacht geworden. Aber das will die Kirchengemeinde ja ausdrücklich nicht an so einem Public-Viewing-Abend. Also sagt sie nichts mehr.

In der zweiten Halbzeit purzeln die Tore, das Fähnchen in der ersten Reihe wird immer heftiger geschwenkt. Auch draußen auf der Wiese fliegt der Ball noch einige Male ins Tor, bis die Dämmerung einsetzt und das Frittenfett anfängt kalt zu werden. Katja Peglow kann sich nur mit Mühe losreißen, doch Jule muss ins Bett. Vom 4:2-Sieg hat die Fünfjährige wenig mitbekommen - aber egal! Die Hauptsache war: Es gab Fritten im Gemeindezentrum.


Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.