Hauptstadtkongress Medizin: Wie ein 85-Jähriger Chinesisch lernt

Beim Haupstadtkongress Medizin treffen sich jedes Jahr Tausende Fachleute aus dem Gesundheits-Bereich und diskutieren über alles mögliche aus ihrem Fachbereich. Dabei werden auch Institutionsmediziner immer wieder mit anderen Sichtweisen konfrontiert. Deutlich wird dabei, dass ihm Medizinsektor niemand die Wahrheit gepachtet hat.

"Niemand kann jemanden gesund machen. Heilung ist immer Selbstheilung, die Medizin und das Gesundheitssystem können bestenfalls die Selbstheilungskräfte aktivieren. Solche Prozesse, solche Wunder, werden vielleicht das Schlagwort des 21. Jahrhunderts." Über 2.000 Herren und Damen lauschen dem Redner auf dem Podium im Berliner Internationalen Congresscentrum. Viele tragen im Alltag nicht wie jetzt einen Anzug in gedeckten Farben, sondern einen weißen, grünen oder blauen Kittel. Sie sind im Gesundheitsbereich beschäftigt, dem Professor Dr. Gerald Hüther gerade bei der Eröffnung des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit eine nur flankierende Rolle zugewiesen hat.

8.000 Besucher und 500 Referenten treffen sich jährlich zu diesem Kongress. Auch Philipp Rösler wäre gern gekommen, sagte seine Staatssekretärin Annette Widmann Mauz bei ihrem Grußwort – vor ihm hatte nur einmal in 14 Jahren der jeweilige Amtsinhaber im Gesundheitsministerium abgesagt. Bevor also in rund 150 Veranstaltungen noch bis Freitag tagesaktuelle Themen von Medizin, Gesundheitswirtschaft und Pflege behandelt wurden, sollte, so der Wunsch des Kongresspräsidenten, des ehemaligen Berliner Gesundheitssenators Ulf Fink, etwas Grundsätzliches zur Sprache kommen.

Ungewohnte Perspektive für Leute, die von jeher das Gleiche machen

Professor Hüther: "Eine gute Behandlung kann man nicht machen, sie kann bestenfalls gelingen." - Kommentar eines Zuhörer, Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetesgesellschaft: "Für Leute, die gewohnt sind, dass immer sie tun und machen, sicher eine ungewohnte Perspektive."

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Im abgedunkelten Saal erklärt Hüther weiter, warum die Warnaufdrucke auf Zigarettenschachteln nicht funktionieren: "Wir müssen Haltungen verändern. Die entstehen durch Erfahrungen. Das ist etwas anderes als Wissen, eine Erfahrung geht unter die Haut. Das emotionale und das kognitive Netzwerk verbinden sich im Frontalhirn." Und wie kann man Haltungen verändern? "In drei Schritten: einladen, ermutigen, inspirieren."

Mit kunstvollen Pausen führt der Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universität Göttingen & Heidelberg / Mannheim die Zuhörer im abgedunkelten Saal von Schritt zu Schritt, je herausfordernder die Thesen für den Medizinbetrieb sind, um so einfacher spricht er: "Einladen, ermutigen, inspirieren - dazu müssen Sie Ihren Patienten ein bisschen mögen. Können Sie ihm Mut machen, wenn sie ihm eine Diagnose verpasst haben, zum Beispiel Demenz, bei der es keine Heilung gibt?" Er erklärt den heutigen Stand der neurologischen Forschung im Unterschied zu vor zehn Jahren: "Am Anfang hat man das Hirn mit einer Maschine verwechselt, alles sei genetisch vorprogrammiert, und dann mit einem Muskel, den man trainieren müsse, etwa durch Fremdsprachen im Kindergarten oder Sudoko im Altenheim. Das Hirn funktioniert aber nicht so wie ein Muskel, sondern wie man es mit Begeisterung benutzt."

Bei Begeisterung kommt die Glücks-Gießkanne

Dann müsse man sich endlich fragen, wofür man sich begeistert, so eine Nebenbemerkung. "Die neuroplastischen Botenstoffe werden ausgeschüttet bei Begeisterung." Oder ganz einfach: "Immer wenn Sie sich für etwas begeistern können, geht eine Gießkanne im Gehirn auf, und da kommt Dünger 'raus." Die kleinen Kinder hätten diese Begeisterung in sich, sie könnten sich damit anfreunden, ihren Körper zu pflegen und gesund zu halten. "Und dann schicken wir sie in die Schule..." Kunstpause, kräftiger Applaus, "…und dann wird’ s immer weniger."

"Ein 85-jähriger Berliner könnte chinesisch lernen, wenn er sich in eine junge, hübsche, 65-jährige Chinesin verliebt." Anders gesagt: "Wir haben kein hirntechnisches, sondern ein Begeisterungsproblem, wenn Veränderungsprozesse im Alter so schwer sind." Ein Kind komme mit zwei Erfahrungen aus dem Mutterleib zur Welt: Ich gehöre dazu und ich bin gewachsen: "Je mehr Menschen daran leiden, dass sie nicht dazu gehören dürfen und dass sie nicht zeigen dürfen, was sie können, um so mehr lassen sich Ersatzbefriedigungsbedürfnisse vermarkten. Und die sind alle ungesund."

"Wir brauchen Menschen, die brennen, ohne zu verbrennen"

Kongresspräsident Ulf Fink hatte Gerald Hüther bewusst im Zusammenhang der Finanzierungsfragen, um die sich dieser Branchentreff der Gesundheitswirtschaft dreht, eingeladen. Wie er im Gespräch erklärt: "Es muss gespart werden. Dann führt man eine Selbstbeteiligung ein. Aber die hat keine steuernde Wirkung. Woran liegt das?" Hüthers Erklärung, wie das Hirn funktioniert, leuchtete ihm ein. Auch Teilnehmerin Patricia Fischer, Pflegedienstleiterin eines Akutkrankenhauses, hat neue Erkenntnisse gewonnen: "Warum Patienten Beratungsangebote nicht wahrnehmen".

Rüdiger von Brocke, Geschäftsführer in der ambulanten Pflege der Diakonie, sieht eine Verbindung zur Personalakquise: "Geld ist nicht alles, wir brauchen Menschen, die brennen, ohne zu verbrennen." "Spannend!", "blendender Vortrag" – auch wenn man einige Zeit zwischen den Messeständen der "Medical Technology Avenue", zwischen Hochglanzbroschüren und kostenlosen Häppchen und Getränken, nach Reaktionen fragt, jeder fand es gut. Ulf Fink bestätigt: "Ich habe gar keine kritische Stimmen gehört, auch nicht von den größten Anhängern der technischen Medizin. Aber Hüther meint, es müsste noch kommen."


Katharina Weyandt arbeitet als freie Journalistin für evangelisch.de und betreut den Kreis "Wenn die Eltern älter werden" in unserer Community.

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