Karfreitag in die Oper? Nicht zu Madame Butterfly

Feiertagsstreit im Ruhrgebiet: Die Stadt Essen hat Puccinis Oper "Madame Butterfly" am Karfreitag verboten. Damit folgt sie einer Weisung der Bezirksregierung Düsseldorf, die auf das NRW-Feiertagesgesetz verweist. Auch andere Städte in der Region verbieten jetzt Theateraufführungen. Der Essener Superintendent Irmenfried Mundt erklärt, warum Stille Feiertage für unsere Gesellschaft wichtig sind.

Muss das Ordnungsamt die öffentliche Ruhe am Karfreitag durch Kontrollen sicherstellen?

Irmenfried Mundt: Zunächst: Die Evangelische und die Katholische Stadtkirche in Essen haben die vergleichsweise restriktive Durchsetzung des NRW-Feiertagsgesetzes in unserer Stadt nicht gefordert. Und natürlich setzen wir viel lieber auf die Einsicht der Kultur- und Unterhaltungsbranche, welche Formen von Veranstaltungen am Karfreitag angemessen sind - und welche eben nicht.

Die Neufassung des NRW-Feiertagsgesetzes stammt aus dem Jahre 1989. Ist es tatsächlich heute noch angebracht, an stillen Feiertagen wie Karfreitag, Allerheiligen und Ewigkeitssonntag bzw. Allerheiligen neben Märkten und Sportveranstaltungen auch "alle anderen der Unterhaltung dienenden öffentlichen Veranstaltungen einschließlich Tanz von 5 Uhr bis 18 Uhr" zu verbieten?

[listbox:title=Feiertagsgesetz[Das NRW-Feiertagsgesetz im Wortlaut]]

Irmenfried Mundt: Dass das Wissen über christliche Gebräuche und Sitten in unserer Gesellschaft zurückgeht, bedeutet nicht, dass der respektvolle Umgang mit religiösen Grundüberzeugungen aufgegeben werden sollte. Ein Gesetz mag hilfreich sein, um Grenzen zu setzen, die nicht überschritten werden sollten, und um Verletzungen zu verhindern, die sehr weh tun können. Der Verzicht auf öffentliche Tanzveranstaltungen am Ewigkeitssonntag zeigt den Menschen, die sich an einen lieben Verstorbenen erinnern, ja vor allem: Wir respektieren deine Trauer, deine Fragen und deine Verzweiflung. Du musst dich mit deiner Traurigkeit nicht einsam in deinem Zimmer verstecken, sondern kannst, wenn du willst und es dir hilft, mitten unter uns sein.

Mit dem Karfreitag ist es ganz ähnlich: Stilles Gedenken an das Leben und Sterben Jesu, eine Andacht zur Erinnerung an die Todesstunde Jesu hinter der einen, munterer Gesang und Tanz hinter der anderen Tür oder sogar auf dem Platz davor - das passt für mich nicht zusammen. In diesem Sinne ist die Feiertagsruhe wie ein öffentliches Zeichen, dass wir einander respektieren und auch annehmen.

Man könnte ja auch argumentieren, solange der Gottesdienstbesuch nicht gestört ist, kann sich jeder vergnügen, wie er möchte. Eine Opernaufführung in geschlossenen Räumen stört doch keinen Gottesdienst. Geht es bei der Feiertagsfrage auch darum, wie christlich unsere Gesellschaft noch ist?

Irmenfried Mundt: Immerhin: Zwei Drittel der Menschen, die in Deutschland leben, gehören einer christlichen Kirche an. Und obwohl viele von ihnen vielleicht nur einmal im Jahr in die Kirche gehen, obwohl die Bindung an die Institution Kirche insgesamt nachlässt, prägt die christliche Tradition das Zusammenleben in unserer Gesellschaft auch heute noch in vielfältiger Hinsicht. Und wie für jede Gesellschaft, so ist es auch für die unsere wichtig, sich regelmäßig darüber zu verständigen, auf welche Traditionen, Wurzeln und fundamentale Einsichten unser gemeinschaftliches Leben gründet.

Der Karfreitag, die Botschaft des Leidens und Sterbens Jesu, hat so viel mit unerschütterlicher Liebe, mit Menschlichkeit, mit der Fähigkeit zum Mitleiden und Mitfühlen, mit dem Umgang von Versagen, Schuld und Vergebung zu tun. Daraus erwachsen christliche, aber darüber hinaus auch allgemein menschliche Impulse und Gedanken, die unserer Gesellschaft insgesamt gut tun, die den Zusammenhalt, den Respekt der Menschen voreinander fördern - wir sollten sie bewahren!

Kirchliche Feiertage sind Ankerpunkte für die Gesellschaft

 

Weshalb braucht unsere Gesellschaft überhaupt eine allgemeine Feiertagsruhe?

Irmenfried Mundt: Bei Klärung dieser Frage kann die aktuelle Diskussion über die Karfreitagsruhe sogar sehr hilfreich sein. Denn: In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben? In einer Gesellschaft, in der alles an allen Tagen möglich - und damit dann auch nahezu beliebig ist? Dann verlieren gesetzlich geschützte Feier"tage" jeden Sinn, dann können wir den Karfreitag streichen und das Weihnachtsfest gleich mit - so, wie es mit dem Buß- und Bettag vor Jahren schon geschehen ist.

Auch in dieser Hinsicht gilt deshalb unser grundsätzlicher Appell: Nutzt die kirchlichen Feiertage, wie den Karfreitag oder auch den Totensonntag, als Ankerpunkte im Jahresablauf. Nutzt diese festen, regelmäßigen Zeiten, um Innen- und Gottesschau zu halten, um sich auf das zu konzentrieren, was uns im Leben trägt, auch dann, wenn uns der Boden unter den Füßen schwankt - ob dies nun durch ferne Naturkatastrophen hervorgerufen wird, durch Bürgerkriege oder durch die Gewalt um die Ecke. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass die Passionszeit, das Nachspüren des Leidensweges Christi, viele Menschen heute stark bewegt. Der Zulauf, den zum Beispiel unsere Fastengruppen schon seit Jahren verspüren, zeigt uns, wie wichtig und wohltuend das für viele Menschen ist. Wenn wir das nicht am Karfreitag in Erinnerung rufen - wann dann?

Wie werden Sie persönlich den Karfreitag begehen?

Irmenfried Mundt: Ich brauche am Karfreitag nicht selbst zu predigen, werde aber einen Gottesdienst in einer Kirche besuchen. Am Abend werde ich mir gemeinsam mit meiner Frau eine Aufführung der Johannespassion von Johann Sebastian Bach anhören - ich freue mich schon lange auf dieses herausragende Konzert, das die tiefe Wirkung und die Bedeutung der Karfreitagsbotschaft in unvergleichlicher Art musikalisch widerspiegelt.


Irmenfried Mundt, Jahrgang 1949, ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Essen-Werden und Superintendent des Kirchenkreises Essen.