Ewigkeitssonntag: Die neue Freiheit der Trauerfeiern

Trauerfeiern werden in Deutschland immer kreativer und individueller gestaltet, zum Beispiel mit Popmusik und bemalten Särgen. Der Ursprung dieser freien Gestaltung liegt in der Reformation: Martin Luther erkannte, dass das Seelenheil des Verstorbenen nicht von den Gebeten der Trauergemeinde abhängig ist, sondern allein von Gottes Gnade. Dadurch entstand Freiraum, individuell zu trauern.

"Die Menschen trauern heute, wie sie wollen", sagt Reiner Sörries, Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Manche bestellen einen Trauerredner statt des Pfarrers, andere wählen die Lieblingsmusik des Verstorbenen aus, möchten "Bridge Over Troubled Water" bei der Beerdigung hören und ein Foto des Verstorbenen neben dem Sarg sehen. Auch Särge gibt es mittlerweile in allen Farben und Formen: Aus Weidengeflecht oder mit Swarovski-Steinen besetzt, "jeden Tag werden neue erfunden", sagt Dr. Kerstin Gernig, Pressesprecherin des Bundesverbandes Deutscher Bestatter.

Trauerfeiern sind seit Ende des 20. Jahrhunderts individueller geworden. Sie verändern sich im Wandel der Epochen. Noch in den Fünfziger und Sechziger Jahren waren die Themen Tod und Sterben tabu, erklärt Axel Bauermann. Er ist Theologe und Psychologe und arbeitet als Trauerbegleiter und Bestatter in Hamburg (www.hausderzeit.de). "Die Menschen wollten nach dem Krieg an Zukunft und Aufbau denken, nicht mehr an das Sterben", sagt er. Auch praktische Gründe führten dazu, dass der Tod nach draußen verbannt wurde: "Die Wohnungen waren nach dem Krieg einfach zu klein", so Kerstin Gernig. Die Toten werden seitdem nicht mehr aufgebahrt, sondern so schnell wie möglich abgeholt und in Trauerhallen gebracht. Sterben und Tod finden nicht mehr im Haus statt.

Gespräche über Tod und Sterben

"Die Erfahrung im Umgang mit einem Verstorbenen ist uns weitgehend verloren gegangen", meint Gernig. Das Interesse kommt aber offenbar wieder. So sieht es jedenfalls Axel Bauermann: Das Thema Aids und die Hospizbewegung hätten das Tabu gebrochen. Bei vielen Angehörigen ist der Gesprächsbedarf hoch, und es entwickelten sich lange Gespräche über das Sterben und den Tod, aber auch über die Bedürfnisse und Gedanken der Hinterbliebenen. Bauermann erzählt das Beispiel zweier Schwestern um die fünfzig, die ihre hochbetagte Mutter zu Grabe tragen mussten: Im Trauergespräch wurde deutlich, dass es in der Familie einen Konflikt gab. "Ich habe gefragt: 'Was braucht ihr?' Und die beiden antworteten unter Tränen: 'Das hat uns noch nie jemand gefragt.'"

Bauermann nahm sich Zeit für Seelsorge, und die beiden Schwestern ließen sich gern darauf ein. So entwickeln sich bei dem Trauerbegleiter oft aus Anlass der Beerdigung Gespräche über Leben und Sterben – auch über den christlichen Glauben. Wenn die trauernde Familie eine nicht-christliche Trauerfeier wünscht, bereitet Axel Bauermann sie ohne Wenn und Aber vor. Ob diese Form der andächtigen Feier ohne Pfarrer, sondern mit Trauerredner, ohne Kirchenlieder, aber mit Popmusik zunimmt, kann er nicht einschätzen: In den Großstädten vielleicht, auf dem Land bleibe man vermutlich doch eher bei den gottesdienstlichen Trauerfeiern. Kerstin Gernig vermutet, dass Kirchenlieder auch deswegen seltener gesungen werden, weil die Menschen sie kaum noch kennen. Die Lieblingsmusik des Verstorbenen trete an die Stelle der geistlichen Musik.

Der Mensch im Mittelpunkt

In der Säkularisierung sieht Axel Bauermann allerdings "eine Chance für die Renaissance der Spiritualität", denn er kann neue Formen erfinden und die Trauerfeiern mit symbolischen Elementen wie Steinen (für das Schwere) oder Rosen (für die Liebe) individuell gestalten. Dass eine solche Vielfalt an Trauerfeiern heute möglich ist, hängt mit der Epoche der Renaissance und der Reformation zusammen: Der Mensch stand jetzt im Mittelpunkt des Weltbildes, es entwickelte sich ein neues Selbstbewusstsein.

Das betraf auch die Beziehung des Menschen zu Gott: Martin Luther erkannte zu Beginn des 16. Jahrhunderts: "Der Mensch wird immer Sünder bleiben. Er kann allein auf die Gnade Christi hoffen, in seine Erlösungstat vertrauen und so das Seelenheil erlangen", so drückt es der Theologe Reiner Sörries aus. Er ist DIrektor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, wo noch bis zum 9. Januar die Sonderausstellung "Mit Freud und Leid fahr ich dahin. Protestantische Begräbniskultur der Frühen Neuzeit" gezeigt wird. Der Titel ist einem Beerdigungslied von Luther entnommen, es bringt den zentralen theologischen Gedanken in Bezug auf das Sterben auf den Punkt: Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Man kann ganz gelassen diese Welt verlassen.

Die Vorstellung vom Fegefeuer wurde mit der Reformation verworfen, ebenso der Gedanke, dass die Angehörigen durch ihre Gebete, den Kauf von Ablässen und das Lesen der Messe die Seele des Verstorbenen retten könnten. Für Luther war allein der Glaube an die Auferstehung Christi und die Gnade Gottes ausschlaggebend. Sie gilt im Leben und im Sterben, Beerdigungsrituale können dazu nichts hinzufügen. So wurden die Bestattungen nach der Reformation zunächst sehr schlicht gestaltet – Hauptsache "unkatholisch". Man trug die Toten auf neue Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern, was dem Ruf nach hygienischeren Bedingungen entgegen kam. Vorher lagen die Friedhöfe direkt an der Kirche, denn die Nähe zu den Heiligen und den Reliquien sollte zum Seelenheil der Toten beitragen - alles "Gauckelwerk", befand Luther.

Protestantische Freiheit

Er ordnete den Umgang mit Todesfällen neu, verfasste zum Beispiel einen Sermon, der den Angehörigen Trost spenden sollte und als Vorläufer der späteren Leichenpredigt gilt. 1542 stellte der Reformator außerdem eine Sammlung von Begräbnisliedern zusammen, die von Vergebung, Gotteslob, Leben und Auferstehung handelten ("Mit Fried' und Freud' fahr ich dahin"). Der Grundtypus der noch heute praktizieren Trauerfeier stand damit fest: Eine Predigt, Lieder, ein Trauerzug zum Friedhof.

Die Möglichkeit, die Form der Trauerfeiern im Lauf der Zeit zu verändern, gehört zur protestantischen Freiheit dazu. Im 17. Jahrhundert kam der Individualismus stärker zum Ausdruck: der Mensch und sein Lebensweg wurden sehr gewürdigt, was in aufwendigen Grabgestaltungen und langen Leichenpredigten zum Ausdruck kam.

Die Reden wuchsen teilweise zu ganzen Büchern an, Särge verzierte man reich mit Symbolen und Bibelversen (Bild links: Der kostbare Sarg von Heinrich Posthumus Preuß aus dem Jahr 1635), und je nach Status und Wohlstand des Verstorbenen verlängerte den Trauerzug, indem man Almosenempfänger anheuerte. Es ging darum, das Prestige des Verstorbenen zu heben. "Die Menschen brauchen Trauerbewältigung", erklärt Museumsdirektor Reiner Sörries diesen Aufwand. "Da kommen urmenschliche Gefühle zum Tragen". Die Reformation hat den Weg geebnet, Bestattungen nach den Vorstellungen der jeweiligen Zeit zu gestalten.

Kinder bemalten Sarg der Mutter

Heute sei Individualisierung so stark, weil Schranken der Konventionen gefallen sind, erklärt Sörries. Religion und Weltanschauung spielen keine so große Rolle mehr. Bei der Frage nach der Gestaltung von Trauerfeiern hat sich eine Freiheit entwickelt, die nach dem Empfinden von Kerstin Gernig auch zur Überforderung führen kann: "Wir sind frei von und frei zu vielen Dingen. Doch wer durch den Tod eines Angehörigen unter Schock steht, ist kaum noch in der Lage, über individuelle Abschiedrituale nachzudenken." Wer soll dann entscheiden?

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Oft brauchen die Hinterbliebenen professionelle Hilfe, bestätigt Axel Bauermann. Er erzählt das anrührende Beispiel einer Familie mit kleinen Kindern: sie waren zweieinhalb und fünfeinhalb Jahre alt, als ihre Mutter unerwartet an den Folgen einer Operation starb. Die Angehörigen waren mit der Situation überfordert und wollten die Kinder ganz von der Trauerfeier fernhalten. Das hielt der Trauerbegleiter für keine gute Idee. Er fand eine Möglichkeit, die Kleinen an der Bestattungszeremonie der Großen teilhaben zu lassen: Sie malten unmittelbar vor der Trauerfeier den Sarg der Mutter bunt an, gemeinsam mit ihren Cousinen und Cousins.

"Das war eine intensive Abschiedsfeier!" freut sich Bauermann, denn damit ist er dem Ziel seiner Arbeit recht nahe gekommen: Er will den Menschen in den Mittelpunkt stellen, und zwar den trauernden Menschen noch mehr als den Verstorbenen. Wichtig sei, dass die Trauernden "ein eigenes Bewusstsein für das Sterben entwickeln und sich wirklich damit auseinandersetzen". Auf Äußerliches kommt es dabei nicht so sehr an. Er möchte eine "innere Veränderung", ein Nachdenken erreichen und Trauer als Ausdruck des Lebens verstehen.