Wenn die Tante Hilfe braucht

Alzheimer und Demenz

Foto: imago/Jürgen Eis

Die Gemeinschaft in der Familie wird besonders dann wichtig, wenn die Alten selbst Hilfe brauchen - und für Alzheimer-Kranke gilt das doppelt. Aber was wird, wenn ein kinderloser Single Alzheimer hat, die Schwester sie nicht pflegen kann und die Lieblingsnichte weit weg ist?

"Und dann drehst du den Karton um und klappst die beiden Teile herunter ..." Zum x-ten Mal zeigt Stephanie* ihrer Tante, wie man einen Umzugskarton faltet. Bei jedem Umzug hatte Tante Annerose* bisher Stephanie tatkräftig und umsichtig geholfen. Dazu kam sie über Hunderte von Kilometern angereist. Sonst war eher das Großelternhaus in der kleinen Stadt der Treffpunkt. Stephanie war als Kind oft zu Besuch bei den Verwandten, und als auch als Erwachsene genoss sie dort gern ein paar Tage die Natur und ließ sich verwöhnen.

Mit Annerose, der jüngsten kinderlosen Schwester ihres Vaters, hatte sie besonders engen Kontakt. Nun war die Tante 75, und etwas hatte sich verändert: Ihre Wohnung, ihre Kleidung verwahrlosten, was Stephanie bei den seltenen Besuchen aufgefallen war. Oder übertrieb die Tante nur ihre Sparsamkeit? Aber sie hatte wie früher ihre Hilfe angeboten, als ihr Stephanie am Telefon vom dem Ortswechsel erzählt hatte.

Dann rief auf einmal Anneroses ältere Schwester an und berichtete von Schwierigkeiten ihrer Schwester. Sie müsse unbedingt am Bahnhof abgeholt werden, sonst würde sie sich verlaufen. Nun scheitert die Tante trotz verzweifelter Mühen an den Kartons, und Stephanie fühlt sich ohnmächtig. Geduldige Anleitung, und das zusätzlich zum Umzugsstress, das liegt ihr gar nicht. Was nun? "Ich habe mich entschieden, dass wir als wichtigstes die geplanten Tage gut gemeinsam verleben", erzählt sie. Sie lässt die Tante nicht mehr packen, sondern einfach putzen, gestaltet den Tag mit leckeren Mahlzeiten, mittags ohne Kocherei außer Haus, und legt Pausen ein – und merkt, dass ihr das selbst gut tut. Dann setzt sie sie wieder in den Zug.

Ohne große Familie fehlt das pflegende Netzwerk

Viele Fragen beschäftigen sie. Als die Mutter ihrer Mutter dement wurde, haben sich deren beide Töchter um sie gekümmert, alle Kämpfe mit der selbstbewussten alten Dame um die Übernahme von Verantwortung ausgefochten, und schließlich hatte ihre Mutter die Großmutter zu sich geholt und jahrelang bis zum Tod gepflegt. Dazu organisierte sie sich einen Kreis von Hilfskräften.

Aber wie wird es mit einer kinderlosen Tante? In einem Haus mit gleichfalls kinderlosen Geschwistern? "Angehörige" sind in allen Ratgebern praktisch nur die Kinder oder der Ehepartner, andere kommen nicht vor. Und das, während parallel zur Zunahme der Demenzkranken auch der Anteil der Kinderlosen stark steigen wird.

In der Generation davor war bei Stephanies kinderloser Lieblingsgroßtante, die auch in dem Haus der Verwandten lebte, gleichfalls Demenz diagnostiziert worden. Das hatte Stephanie damals als Studentin überhaupt nicht bemerkt, so gut eingebunden war die hochbetagte Frau in das Netzwerk der Hilfe durch ihre in der Nähe wohnenden Nichten. So ein Netzwerk gibt es jetzt nicht. Stephanie telefoniert mit der anderen Tante, die mit im Haus wohnt. Diese hilft ihrer jüngeren Schwester, die aber hat sich immer schon abgegrenzt und Rat barsch abgewehrt, und das um so mehr, je weniger sie klar kommt. Außerdem ist die Ältere selbst nicht gesund und leidet unter der zusätzlichen Belastung.

Chaos und Unsicherheit als Alltag

Stephanie nimmt sich vor: "Trotz der Entfernung halte ich möglichst engen Kontakt zu Annerose und sehe einfach, was ich tun kann." Als sie vier Monate nach dem Umzug anreist, erlebt sie erst einmal eine Überraschung. Die Tante holt sie ab, spaziert mit ihr durch das Städtchen, nimmt sie mit in eine interessante Ausstellung eines Hobbymalers, der ein Schulfreund von Stephanies Vater war. Annerose grüßt viele Leute mit Namen, ist freundlich und herzlich im Gespräch. Das wird künftig ein Schlüssel ihrer Beziehung: etwas zusammen erleben, wo die Tante noch stark ist. Stephanie plant mit ihr Ausflüge, besucht Orte ihrer Kindheit, und beide genießen es.

Im Großelternhaus jedoch herrscht Chaos und Unsicherheit. Das gemachte Bett für den lieben Besuch, mit bereit gestellter Wasserflasche, Süßem und Obst, der gefüllte Kühlschrank, der gedeckte Tisch – das alles ist Vergangenheit bei Annerose. Den Alltag schafft sie nur mit Hilfe ihrer Schwester. Wenn die sie nicht an den Termin erinnert, vergisst sie sogar ihren geliebten Handarbeitskreis.

Wie kann Stephanie dennoch bei Annerose zu Gast sein, ohne dass die andere Tante sie bewirten und versorgen muss? Schließlich will Stephanie sie entlasten. Sie probiert mit Erfolg: "Ich trete aus der normalen Gastrolle heraus und lenke Tante Annerose durch Fragen und Vorschläge: Wann sollen wir frühstücken? Hast du noch Milch? Sollen wir das blau-weiße oder das geblümte Geschirr nehmen? Wir könnten eine Kerze anzünden." Wenn die Tante fast ihr Bier statt ins Glas in die Zuckerdose gießt oder lange nach Löffeln oder Kuchengabeln sucht und schließlich doch die Eierlöffel zur Torte aufdeckt, sieht Stephanie ja, dass der neue Lebensstil der Tante keine Absicht ist, die sie höflich zu akzeptieren hätte.

Wo soll sie eingreifen, was lassen, um nicht Abwehr hervorzurufen? In der Wohnung gibt es fast keine freie Fläche mehr. Das erschlägt Stephanie. Die Tante sucht ständig ihre Brille. Kein Wunder in dem Durcheinander. Auf dem runden Esstisch liegen Stapel von Büchern, Papieren, Karten, Taschentücher, Untersetzer, ein paar Kerzen, Briefmarken, ein Spielzeugauto in der Verpackung, eine Dose Hustenbonbons…

Vor dem Kaffeetrinken, als die Tante nicht im Zimmer ist, sortiert Stephanie spontan die Karten und Fotos übereinander, die Büromaterialien an die Seite, räumt Müll und Altpapier weg, legt die aktuellen Termine vom Handarbeitskreis und Bibelkreis obenauf. Zack, zack, das geht schnell. Prinzip: Es darf nicht zu ordentlich aussehen.

Es ist niemand von Natur aus zuständig

An dem alten Büffet räumt sie ein bisschen weiter und entdeckt etwas, was ihr bei aller Traurigkeit ein Lachen entlockt: Unausgepackt in Folie liegt dort "Simplify your life", Hardcover-Ausgabe, das Buch mit den vielen Aufräum-Tipps. Wer ihr das als zarter Wink mit dem Zaunpfahl geschenkt haben mag? Beim nächsten Besuch vier Monate später liegt das Buch genauso da. Die Tante sagt erst gar nichts zu der freien Tischhälfte. Später bedankt sie sich sogar.

Stephanie will noch mutiger werden. Vielleicht kann sie mit ihr die Kleidung durchsehen. Zum Geburtstag hatte die Tante vier elegante Pullover bekommen. Erst wunderte sich Stephanie über die wertvollen Geschenke, dann erkannte sie darin den Wunsch der Verwandten, dass sie Annerose nicht immer im gleichen alten Zeug zu sehen wollen. Aber es ist eben niemand von Natur so "zuständig" wie eine Tochter, ihr das passende Outfit herauszusuchen.

Oder mit ihr zum Arzt zu gehen. Wegen des Demenztests hatte die Tante sich nicht wie vereinbart bei ihrer Ärztin gemeldet. Das hatten die Schwestern erfahren, weil man sich kennt in der kleinen Stadt. Noch hatte ja niemand irgendwelche Vollmachten für Annerose. Stephanie übernimmt es, den Termin telefonisch zu vereinbaren und ihre Tante dorthin zu begleiten. Gott sei Dank, das klappt. Sie ruft bei der Alzheimer-Gesellschaft an, holt sich Tipps und schleppt Infobroschüren an. Das hilft der älteren Tante. Die wiederum gewinnt jüngere Verwandte in der Nähe dazu, Annerose zum Notar zu begleiten und sich eine Betreuungsvollmacht geben zu lassen. Die fahren sie auch zum Neurologen.

Gemeinschaft über die Entfernung hinweg ist schwierig

Als Stephanie sich wieder ansagt, gelingt es der älteren Schwester sogar, Annerose zu bewegen, zu akzeptieren, dass eine Putzfrau durchwischt und das Bad säubert. Und Stephanie fühlt sich im geputzten Chaos gleich viel wohler und bestärkt Tante Annerose nach Kräften darin, dass die Putzfrau regelmäßig kommen solle.

Sie schafft es nicht, direkt mit ihr über die Krankheit zu sprechen. Könnte sie es, wenn sie häufiger die halbe Tagesreise auf sich nähme? Noch ist es nicht nötig. Die Medizin scheint zu wirken. Tante Annerose ist zugänglicher, und ihre Schwester lernt besser, mit ihr klar und bestimmt zu sprechen, so wie es in den Ratgebern empfohlen wird. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Demenz fortschreiten. Es bleibt eine spannende Herausforderung, über die Entfernung hinweg Gemeinschaft zu gestalten.

* Die Namen von Annerose und Stephanie wurden geändert, sind aber der Redaktion bekannt. Diese Geschichte wurde erstmals am 21.9.2010 auf evangelisch.de veröffentlicht.

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