Sechs Gründe, warum Väter vorlesen sollten

Die Mumins aus Tove Janssons Büchern und ihre Freunde handeln, leben und denken mit einer völlig einfachen, unmittelbaren Klarheit, die mit das Weiseste, Liebevollste und Intelligenteste ist, das ich kenne. Jansson schrieb große und einzigartige Weltliteratur, von einer Tiefe um die sich zahlreiche philosophische Bücher bestenfalls bemühen. Und das absolut kindertauglich.
Das war eine unter vielen wertvollen Erkenntnissen, die mir als Vater das Vorlesen von Kinderbüchern gebracht hat.
Sie glauben nicht, dass es für Sie richtig sein könnte, Ihren Kindern etwas vorzulesen? Sie glauben auch nicht, dass sie als Mann und Vater entscheidend von dieser Tätigkeit profitieren könnten? Versuchen Sie es doch mal mit diesen Gründen, warum Väter ihren Kindern etwas vorlesen sollten:
1.) Die Zeit, die man mit Vorlesen verbringt, ist niemals verschwendete Zeit. Man erlebt viel intensiver mit seinem Kind, wie es die Eindrücke der Geschichten wahrnimmt, als wenn man zum Beispiel gemeinsam einen Film sieht. Das liegt daran, dass die eigene Stimme und Betonung das Kind durch die Handlung führen. Jedes Zögern in einem spannenden Moment, jeder leichte Wechsel in einer Betonung wird atemlos und gespannt verfolgt. Es gibt keine besseren Zuhörer als Kinder, plötzlich ist man der Regisseur im wichtigsten Film der Welt.
2.) Wer arbeitet und sein Kind/seine Kinder erst am Abend sehen kann, muss schon ziemlich dämlich sein, um auf das Vorlesen zu verzichten. Was für vergleichbare andere Möglichkeiten gibt es schon, um innerhalb kürzester Zeit in derart engen Kontakt mit dem eigenen Nachwuchs zu kommen? Obendrein noch in einen Kontakt der für beide, Vorleser und Kind, dermaßen aufregend und spannend ist.
3.) "Pu der Bär? Spannend? Für mich? Das ist doch schon lange vorbei und interessiert mich heute gar nicht mehr." Falsch. Unter der gespannten Aufmerksamkeit eines Kindes bekommt das Hier und Jetzt einer erzählten Situation plötzlich wieder seine volle Bedeutung. Hier und Jetzt zu sein ist etwas, das viele Erwachsene im ständigen Planen und Bearbeiten ihrer Lebensläufe völlig verlernen. Am Wochenende vielleicht noch, nach dem dritten Bier, wenn man nicht vorher schon eingeschlafen ist. Vorlesen ist eine meditative Zen-Lektion in allem was das Leben schön, erlebnisreich und sinnvoll macht.
4.) Mehr noch, Vorlesen ist der Weg zur Selbsterkenntnis. Es wird einem, ganz praktisch und immer wieder von neuem, klar, wie man selbst einmal die Welt wahr- und aufgenommen hat. Man darf alles noch mal miterleben. Jeden Eindruck, jedes Gefühl das man beim Vorlesen seinem Kind vermittelt, ist gleichzeitig eine Erinnerung und ein Wiederentdecken: So war ich auch einmal, so ist das Bewusstsein entstanden, das mich heute ausmacht.
5.) Probleme, sich im täglichen Leben oder im Beruf nach außen hin zu präsentieren, einen Vortrag, eine kurze Ansprache zu halten? Nicht für Vorleser. Kinder sind die besten Zuhörer der Welt, siehe Punkt Eins. Es gibt kein besseres rhetorisches Training. Man lernt, wie man effektiv seine Mittel einsetzt. Innerhalb kürzester Zeit wird aus einem komplexbeladenen Nervenbündel ein Vortragskünstler, der seine Zuhörer um den Finger wickeln kann.
6.) Väter sind einfach die besseren Vorleser. Wer kann schon der Versuchung widerstehen, der tollste Hecht der Welt zu sein? Das Märchen so schaurig vorzutragen, dass nur noch die Nasenspitze unter der Bettdecke herausschaut, wenn überhaupt? Den stets traurigen Esel I-Aah bei Pu der Bär so abgrundtief depressiv darzustellen, dass der Nachwuchs vor Lachen aus dem Bett fällt? Mit Händen und Füßen angefleht zu werden nur noch eine einzige Seite vorzulesen, eine einzige Zugabe noch! Und darauf soll man verzichten? Eben.
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Kommentare
RE: Sechs Gründe, warum Väter vorlesen sollten
Hier möchte ich aus ganzem Herzen zustimmen!
Wir lesen jeden Abend (ab und an auch am Tage) eine Geschichte. Teils einzelne Geschichten oder bei Büchern auch mal nur 2-3 Seiten pro Abend. Danach gibt es noch 2 - 3 Lieder teils gemeinsam teils Papa solo und dann ist Licht aus.
Wer auf das Vorlesen bewußt verzichtet ist (wie der kleine Rabe sagt): voll blöd!
Gruß Thomas
RE: Sechs Gründe, warum Väter vorlesen sollten
Das ist wohl war. Wie habe ich die Vorlesestunde immer genossen, auch wenn mir manchmal abends schon die Augen zufielen. Ich bin eben ein Morgenmensch. Das Vorlesen hat neben den oben genannten Gründen auch den sehr wichtigen Aspekt des Rituals. Kinder brauchen Rituale. Die haben bei ihnen einen hohen Stellenwert und dienen wohl der Orientierung. Jetzt wo unsere Familie immer mehr auseinanderfaellt haben wir keine Rituale mehr. Ich vermisse sie und frage mich, was hier Ursache und was Wirkung ist.
Auf jeden Fall ist das TV und der Gruppenzwang "in" zu sein durch Konsum iq-freier Soaps ein starker Konkurrent des Vorlesers. Also brauchen wir starke Vorleservaeter, staerkere als ich es bin.
Gustav
Gustav Wehner