"Wo es menschenfeindlich wird, muss Kirche Position beziehen"

Thies Gundlach kann Kritik an politischen Predigten nachvollziehen
Politische Predigt

Foto: Getty Images/iStockphoto/ANNECORDON

Der Vorwurf: Sitzt man im Gottesdienst oder in einer Veranstaltung der JuSos oder der Grünen Jugend?

Der Cheftheologe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thies Gundlach, empfiehlt Pastoren genau abzuwägen, ob sie in Zeiten der Verunsicherung politische Bezüge in ihre Predigten einbauen. "Kirche sollte zur Versachlichung überhitzter Auseinandersetzungen beitragen. Wir müssen nicht auch noch von uns aus das Tremolo verstärken", sagte Gundlach, der als Vizepräsident die Hauptabteilung II "Kirchliche Handlungsfelder und Bildung" im EKD-Kirchenamt leitet, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Herr Gundlach, die evangelische Kirche gilt als Kirche des Wortes. Doch wenn Pastoren von der Kanzel ihr Wort zur Tagespolitik erheben, erntet das zunehmend Kritik, wie es scheint. Wie erklären Sie sich, dass Gottesdienstbesucher so sensibel reagieren?

Thies Gundlach: Man muss das Evangelium und den einzelnen Prediger, die einzelne Predigerin unterscheiden. Das Evangelium tangiert alle Bereiche des menschlichen Lebens, auch die Politik, aber nicht nur. Denn es tröstet das Herz und stärkt das Gewissen. Und damit wird es sehr konkret für den einzelnen Menschen: Er wird durch die Predigt neu justiert, verhält sich anders, bekommt neue Einschätzungen. Aber das kann man nicht allein auf die Frage reduzieren: Ist das politisch? Es betrifft auch Kultur, Wissenschaft und letztlich alle Bereiche menschlichen Lebens.

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Thies Gundlach

Thies Gundlach (geboren 1956) ist einer der drei theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD. Er leitet die Hauptabteilung "Kirchliche Handlungsfelder und Bildung" und darin das Referat "Theologische Grundsatzfragen".

Welche Rolle haben die jeweiligen Prediger bei der Ansprache?

Gundlach: Wer das Evangelium verkündet, bleibt zugleich automatisch immer auch politischer Mensch. Das kann man gar nicht vermeiden. Und jeder, der im Gottesdienst sitzt und eine Predigt hört, hört auch immer das Panorama der politischen Optionen mit, die aktuell diskutiert werden, nicht zuletzt seine eigene. Prediger werden also immer auch parteilich verstanden.

Wie sollte ein Pastor damit umgehen?

Gundlach: Ich persönlich empfehle eine gewisse Zurückhaltung, es muss nicht jede Predigt politisch sein. Aber die Entscheidung muss jeder für sich treffen.

Warum wird die Debatte, wie politisch eine Predigt sein darf und soll, aktuell so emotional geführt?

Gundlach: Das hängt sicher mit der hohen Emotionalität auch in anderen Bereichen der Gesellschaft zusammen; blicken Sie in den Bundestag, in die Feuilletons der Zeitungen oder auch in die Sozialen Netzwerke. Das Bemühen um Orientierung in der Wirklichkeit ist in einer Phase der Hysterie angekommen. Das Tremolo der Auseinandersetzung ist ein Zeitgeistphänomen, es spiegelt die Verunsicherung, in der wir alle sind. Jeder spürt, da finden grundlegende Veränderungen statt, und keiner hat die ganz große Lösung. Das schafft Verunsicherung, und dann wird die Tonlage höher. In dieser Situation gerät die Kirche, geraten Prediger noch einmal besonders in den Blick, denn Predigten stehen immer auch unter der Erwartung: Jetzt wird gesagt, wie es geht.

Sollte man anders predigen in diesen Zeiten?

Gundlach: Unbedingt! Kirche sollte zur Versachlichung überhitzter Auseinandersetzungen beitragen. Wir müssen nicht auch noch von uns aus das Tremolo verstärken. Das schließt nicht aus, Grenzen zu ziehen. Wo es menschenfeindlich wird, muss Kirche Position beziehen.

Wo ist die Grenze für Tagespolitik von der Kirchenkanzel?

Gundlach: Die Frage lässt sich abstrakt nicht beantworten. Doch jeder Prediger und jede Predigerin sollte sich bewusst sein, dass er und sie als parteipolitisch wahrgenommen wird, wenn man tagespolitisch votiert. Das geschieht völlig unabhängig davon, ob man von links oder rechts her argumentiert.

Sie haben also Verständnis für "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt, der mehrfach öffentlich beklagt hat, dass er in Gottesdiensten Theologie vermisst.

Gundlach: Ich kann das jedenfalls im Prinzip nachvollziehen. Es ist doch Aufgabe eines Predigers, den Himmel auf Erden zu holen und nicht die Erde sozusagen zu verhimmlischen und politische Positionen mit Noten des Himmels zu versehen. Manchmal reden wir in unseren Predigten vielleicht ein bisschen zu wenig über Gott. Im Einzelfall ist solch eine Predigtkritik indes nicht fair, man darf den Kolleginnen und Kollegen da auch nicht pauschal Unrecht tun. Alle, die auf die Kanzel treten, bemühen sich sicher auf ihre Weise, angemessen von Gott und dem Himmel zu reden. Den allgemein sich verstärkende Eindruck aber, dass Transzendenz in Predigten mitunter einen Tick zu kurz kommt, müssen wir jedenfalls kritisch reflektieren und nicht nur abwehren.

Geht es Ihnen also manchmal ähnlich wie Ulf Poschardt?

Gundlach: Gottesdienste, die mich an Parteiveranstaltungen erinnern, kenne ich nicht, gibt es meines Erachtens auch nicht. Aber eine gute Predigt zeichnet aus, dass sie von Gott redet, vom Glauben redet, vom Menschen in seiner Verantwortung vor Gott, aber auch in seiner Freundschaft zu Gott redet, indem sie ihn mit grundsätzlichen Fragen konfrontiert, die über den Tag hinausweisen. Manchmal muss das dann auch politisch werden. Aber es gibt so, so viele Themen, die mit unserem Leben in der Welt zu tun haben und die man vor Gott reflektieren sollte, dass ich Politik am Sonntagmorgen auch manchmal ein bisschen uninteressant finde.

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