Que(e)r gelesen: Der Eunuch aus Äthiopien

Schmetterling Tagpfauenauge

Foto: Kerstin Söderblom

Auch der Schmetterling dient in der christlichen Kunst als Symbol der Auferstehung und ist ein Meister der Metamorphose.

Es gibt eine Geschichte im Neuen Testament, die erzählt von einem äthiopischen Eunuchen. Er ist die erste nichtjüdische Person, die zum Christentum bekehrt wird. Ausgerechnet ein schwarzer Intersexueller!

In westlichen Gesellschaften sind androgyne Typen wie David Bowie und Annie Lennox vor allem in der Film-, Musik- und Medienbranche schon lange keine Seltenheit mehr. Im Gegenteil, es hat oft positive Auswirkung auf die eigene Karriere, anders zu sein. Androgyn, metrosexuell, möglichst noch gut aussehend, männlich, weiblich. Egal. Was heißt das schon? Das ist cool und spannend. Aber im Alltag bitte nicht zu sehr den Rahmen sprengen. Dann wird es kompliziert, manchmal sogar gefährlich.

Was ist aber, wenn wir tatäschlich mit Personen zu tun haben, die bei ihrer Geburt  keine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit haben? 'Intersexuell' heißt der Fachausdruck. Die meisten Menschen wissen wenig bis gar nichts über sie. Und erst in den letzten Jahrzehnten ist der öffentliche Diskurs über die Forderungen von Intersexuellen an die Öffentlichkeit gelangt: Das Recht selbst zu entscheiden, ob eine Geschlechtsangleichung (z.B. kosmetische Genitaloperationen im Kindesalter, Hormonbehandlungen, etc.) in die eine oder andere Richtung vorgenommen wird. Abgelehnt wird von Intersexuellen, dass Ärzte schon direkt nach der Geburt entscheiden, dass es eine Genitalvereinheitlichung geben muss, ohne dass die Betroffenen das selbst entscheiden können. Denn ein Zwitterwesen ist für die meisten unerträglich. Es ist in der Gesellschaft nicht vorgesehen. Aber es gibt sie in Gottes weiter Schöpfung.

Um so bemerkenswerter ist es daher, dass in der Bibel ein äthiopischer Eunuch vorkommt. Die Geschichte stammt aus der Apostelgeschichte (Apg. 8, 26-39). Und die Geschichte geht so: Jesus war nicht mehr da. Nun mussten die Jüngerinnen und Jünger und alle anderen Gläubigen um Jesus herum seine Lebensgeschichte und seine Botschaft weiter tragen. Sie sollten mutig und beharrlich sein und Jesu Botschaft mit ihren eigenen Worten bezeugen. Vor allem aber, so hatte es Jesus den seinen aufgetragen, sollten sie zu den Menschen gehen und sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes taufen. Das war ihr Auftrag. Der erste nichtjüdische Bekehrte, von dem in der Apostelgeschichte berichtet wird, war ein Schwarzer Kämmerer, ein Finanzbeamter aus Äthiopien. Und dann auch noch einer, der einer sexuellen Minderheit angehörte. Er war ein 'Eunuch'.

Nach der biblischen Geschichte war Philippus auf einer Wüstenstraße unterwegs. Dort begegnete er dem äthiopischen Kämmerer. Er wird in der Bibel als Eunuch bezeichnet. Auf dem Rückweg aus Jerusalem saß er in einem Wagen und las ein Kapitel aus dem Buch vom Propheten Jesaja. Als er Philippus sah, lud der Fremde Philippus ein zu ihm in seinen Wagen zu klettern. Philippus erzählte dem Mann von Jesus und seiner Botschaft. Der Eunuch hörte aufmerksam zu. Sein Interesse war geweckt. Und am Ende der Geschichte war er ganz begeistert von den Erzählungen über Jesus. Er zeigte Philippus ein Gewässer, das am Wegesrand lag. Und er sagte:

"Schau mal da drüben. Da ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?"  (Apg 8,36). 

Er wollte sich von Philippus taufen lassen. Philippus taufte ihn tatsächlich und zog dann weiter seines Weges.

Als ich die Geschichte das erste Mal hörte, wurde mir der Sinn der Geschichte erklärt: Ich sollte allen Menschen, denen ich begegne, von Jesus und seiner Botschaft erzählen. Dann könnte ich vielleicht den einen oder die andere bekehren, auf den richtigen Weg bringen oder sogar retten. Selbst einen 'armen Eunuchen'. 

Die ersten Christinnen und Christen gingen damals davon aus, dass Ungläubige erst zum Judentum konvertieren müssten, bevor sie Christen werden könnten. Genauso machten das auch christliche Kirchen lange mit Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen. Nach dem Motto: Erst bekehren wir euch. Und wenn ihr dann genug glaubt, dann werdet ihr so wie wir, also 'normal'. Wir können eure sexuelle Orientierung und eure Genderidentität 'wegbeten'. So glauben es auch heute noch einige Anhänger von Konversionstherapien. Die schlimmsten Auswüchse davon stammen von Medizinern oder Psychologinnen, die Elektroschocks verschrieben haben, oder von angeblich Berufenen, die Exorzismen im Namen Gottes durchführten. Angeblich, um den Teufel oder dämonische Kräfte aus dem Körper der Betroffenen auszutreiben. Leider gibt es solche barbarischen Rituale auch im Jahre 2017 immer noch. 'Nicht normale', queere Menschen durften also nur dann in christlichen Gemeinden mitmachen, wenn sie 'normal' wurden. Wenn sie sich der Merheitsgesellschaft anglichen oder zölibatär lebten und nicht weiter ihren 'perversen' Lebensstil aufrecht hielten. 

Mittlerweile geht es in christlichen Kirchen in vielen Regionen und Ländern schon lange nicht mehr darum, ob sondern wie christliche Gemeinden inklusiv sein können und wie sie Anderslebende und Andersliebende einladen und erreichen können. Ob diese sich davon angesprochen fühlen, ist eine andere Frage. Gastfreundlich sein, reicht oft nicht aus. Gemeinden müssen mit ihren Veranstaltungen, Angeboten und Gottesdiensten auch attraktiv sein beispielsweise für Lesben, Schwule Bi-, Trans- und Intersexuelle und deren Lebenswelten. Sonst kommen sie nicht oder gehen wieder. Aber immerhin, Offenheit und Respekt sind eine wichtige Voraussetzung für inklusive Gemeinden.

Je länger ich mich mit der biblischen Geschichte über den Eunuchen auseinandersetze, desto mehr kann ich der lutherischen Pfarrerin Nadia Bolz-Weber aus Denver in Colorado folgen. Bolz-Weber schreibt, dass es in der Geschichte vom äthiopischen Eunuchen nicht so sehr darum geht, dass der sich von Philippus taufen und bekehren lässt. Vielmehr ginge es umgekehrt darum, dass Philippus vom Eunuchen bekehrt werde.

Der Eunuch las im Buch Jesaja, als er Philippus traf. Er schien also ein Jude zu sein, der die biblischen Schriften studierte und darin kundig war. Vielleicht kannte er auch die Zeilen aus dem 5. Buch Mose, nach dem kein so genannter 'Entmannter' oder  'Verschnittener', zur Gemeinde Gottes kommen konnte (5. Mose 23,2). Das Gesetz hatte es Eunuchen verboten, den Tempel zu betreten. Da sie in keine der vorgesehenen Kategorien und Schubladen passten, wurden sie als 'unrein' angesehen. Sie passten nicht zum Allerheiligsten. Trotzdem war der Eunuch nach Jerusalem gereist, um zu beten. Wahrscheinlich haben die Leute ihn damals wieder weggeschickt. Es gab dort keinen Platz für ihn.

Der Eunuch hat Gott gesucht, aber nur Ablehnung und Ausgrenzung gefunden. Auf dem Rückweg traf er auf Philippus. Und der taufte ihn. Er taufte ihn, weil der Eunuch ihn darum gebeten hatte. Philippus fing nicht damit an zu argumentieren, dass man dieses oder jenes sein oder vorher getan haben müsste, um getauft zu werden. Er tat es einfach. Die Begegnung mit dem Mann muss eindrücklich für ihn gewesen sein. Vielleicht hat sie ihn nachdenklich gemacht, vielleicht sogar persönlich berührt. Vielleicht fand Philippus auch gerade durch den Eunuchen heraus, was es wirklich heißt, Gott zu suchen. Denn er hatte jemanden getroffen, der trotz aller Ablehnung, Ausgrenzung und trotz aller Widerstände weiter nach Gott gesucht hat.  Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, dass Philippus den Fremden getauft hat. Ausgerechtnet einen schwarzen Eunuchen. Was für eine Geschichte!

Ich brauche in meinem Leben immer wieder Menschen anderer Herkunft, Geflüchtete, Außenseiter und Andere, die mir das Wasser in der Wüste zeigen. Ich muss von so jemanden hören:

"Hier ist Wasser in der Wüste. Was spricht dagegen mich zu taufen?" 

Wenn mir das jemand sagt, dem ständig mitgeteilt wurde, er oder sie sei nicht willkommen, dann hat das eine enorme Wirkung. Denn er oder sie glaubt trotz alledem. Vielleicht ist sie gläubig und intersexuell. Oder er betet und ist schwul. Sie ist engagierte Christin und lesbische Aktivistin. Er ist bisexuell und engagiert in der Gemeinde. Sie ist transsexuell und zweifelnde Gläubige, glaubende Zweiflerin. Entscheidend ist für mich Folgendes: Es geht nicht darum diese Menschen zu verändern. Es geht darum, sie ernst zu nehmen, sie zu respektieren, so wie sie sind. Das wichtigste ist aber sie zu fragen:

"Was wollt ihr und was braucht ihr?"

Ich kann mich durch Fremde, denen ich begegne, berühren lassen und dadurch vielleicht sogar neu bekehren lassen. Ich möchte zuhören und verstehen. Ich möchte erkennen, wo es Wasser in der Wüste gibt. Ich kann mit ihnen zusammen ein Tauffest feiern. Denn sie alle können getauft werden, wenn sie das selbst wollen, unaubhängig von ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung und Genderidentität. Ich kann mit ihnen christliche Gemeinschaft teilen. Denn wir sind alle einzigartig und verschieden und dennoch eins in Christus.

 

Zum Weiterlesen:

Nadia Bolz-Weber, Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen. Pastorin der Ausgestoßenen, Moers 2016, 3. Aufl., S.125 - 134.

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