Bergeweise Serien

In diesem Herbst hagelt es deutsche Serien – nicht nur im Fernsehen, aber auch. Es geht um Berlin-Mythen und um Verschwundene. Jede Menge anderes zum Angucken hagelt es allerdings ebenfalls: Ein Luxusproblem wird größer.

Serien sind das neue Kino: Diese nicht mehr ganz junge Phrase findet sich oft im Internet. Inzwischen ist sie auch im deutschen Fernsehen angekommen (auch wenn oder gerade weil Serie wirklich nicht mehr Fernsehen bedeutet). Es ist eine gute Nachricht, dass die mit Rekordbudget und Weltmarkt-Ambition, aber in deutscher Sprache produzierte Serie "Babylon Berlin" ganz gut ankommt, Die vorab gezeigten Folgen "dieser zur nationalen Aufgabe stilisierten Serie" ließen zmindest hoffen, schrieb Ursula Scheer in der "FAZ". Sie führten "europäisches Erzählkino ... zurück" ins Serien-Format, fand Elmar Krekeler in der "Welt". Das Ganze ist ab kommender Woche bei Sky zu sehen.

Zugleich kommt eine Menge weiterer deutscher Serien aus den Startlöchern. Die ARD hat für "Das Verschwinden" am wegen des Reformations-Feiertags langen Wochenende Ende Oktober eine, wie Programmdirektor Volker Herres schreibt, "dichte Programmierung" gefunden. Ursprünglich sollte die fortlaufend erzählte Miniserie – so lautet der unbeholfene Fachbegriff für alles, was kürzer als dreizehnteilig ausgestrahlt wird – während einer Talkshow-Sommerpause versendet werden.

Und tatsächlich sind es für deutsche Verhältnisse renommierte Kinofilm-Regisseure wie Hans-Christian Schmid beim "Verschwinden" und Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries bei "Babylon Berlin", die hinter den Serien stecken. Und noch nicht zu lange zurückliegende deutsche Kinoerfolge wie "Das Boot" und "Das Parfüm" sind es, die als weitere Serien-Projekte neu nachverfilmt werden.

"Stromberg"-Potenzial für die Telekom

Sogar die Deutsche Telekom, die sich etwa beim Ausbau der Internet-Infrastruktur nicht gerade den Ruf von Innovation und Pioniergeist eingehandelt hat, kam nun mit der Meldung heraus, dass sie eine eigene Serie herstellen lässt. Die deutsch-französische Co-Produktion "Germanized" soll "einen ausgewogenen Anteil von Humor und Ernsthaftigkeit" besitzen und könnte wirklich eine gute Idee sein. Schließlich ist Deutsch-französisches vor ein paar Jahrzehnten von den Bildschirmen verschwunden, und bei Christoph Maria Herbst handelt es sich tatsächlich um eine Fernseh-Type, deren Potenzial brach liegt, seitdem Pro Sieben "Stromberg" und überhaupt Bemühungen um deutsche Serien eingestellt hat. Wer sich dafür interessiert, muss allerdings noch länger als ein Jahr warten. Die Drehbücher werden gerade erst geschrieben. Die Telekom wollte vor allem auf ihr Angebot namens "Entertain" aufmerksam machen.

Gern hätte sie, dass Zuschauer über ihr Netz auch Netflix anschauen. Die "größte Internet-Unterhaltungsplattform weltweit" hat just den Trailer (Youtube) zu ihrer ersten rein deutschen Produktion freigeschaltet. "Diese Serie ist: Unkonventionell, Anspruchsvoll", informiert Netflix. Das mit der Unkonventionalität erkennen deutsche Kritiker weniger: "Inhaltlich betritt 'Dark' mit der Geschichte des fiktiven Örtchens Winden, in dem 33 Jahre nach einem ungeklärten Fall erneut mehrere Kinder verschwinden, nicht wirklich Neuland. Das Grauen lauerte schon bei 'Twin Peaks' in der Provinz, die Serie nennen Friese und Odar [die Macher] als eine Inspiration ... Es gibt allerlei Bezüge zu Stephen King ...", schrieb die "Süddeutsche". Es geht jedenfalls auch um Verschwundene.

Wobei es Netflix, das nach eigenen Angaben "über 104 Millionen Mitglieder in mehr als 190 Ländern ... täglich über 125 Millionen Stunden Filme und TV-Serien ... genießen" lässt, natürlich kaum um einzelne Serien geht. Die zweite deutsche Produktion ist auch schon länger annonciert: "Dogs of Berlin" erzähle "die Geschichte zweier Berliner Kommissare, die trotz all ihrer Gegensätze gegen ihren Willen zusammenarbeiten müssen. In einem Machtkampf mit der Berliner Unterwelt werden sie mit ihren eigenen menschlichen Schwächen und Verbrechen konfrontiert und zu einer endgültigen Entscheidung darüber gezwungen ...", macht die Ankündigung gespannt.

Wer es noch einen Schritt radikaler mag: Wie wäre es, wenn sogar ein Zwillingsbruder des Kommissars Gangster ist und "vom eigenen Polizisten-Zwillingsbruder" verhaftet wird, der jedoch "angeschossen wird und einem in den eigenen Armen wegstirbt, aber im letzten Atemzug noch den Dienstausweis rüberreicht", sodass der Gangster gleich die Identität des Kommissars annimmt und halt Mordfälle aufklärt? Da fasst Peer Schader bei dwdl.de die Serie "Bad Cop" zusammen, mit der RTL nach langer Pause seine eigene Deutsche-Serien-Offensive startete. Der Privatsender will in seinem Werberahmenprogramm ebenfalls mitkonkurrieren.

455 Serien-Staffeln pro Jahr

Kurzum: Bei fiktionalen Serien gibt es wie in sämtlichen Mediengattungen eine das Fassungsvermögen einzelner Zuschauer weit übersteigende Flut von Neuem. Produziert wird es auf allen denkbaren Niveaus vor allem mit dem Ziel, Marktanteile zu behalten beziehungsweise zu erobern. Deutsche Serien machen nur einen Bruchteil der Budgets aus, die vor allem die ganz großen Akteure wie Amazon und Apple investieren. Deren Ankündigungen sind 100 Millionen Dollars oder gleich eine Milliarde schwer und profitieren davon, dass jedes Portal sie gerne im PR-Sound vermeldet. Welcher Serien-Freund wäre nicht gespannt, ob sich "das neue 'Games of Thrones'" darunter befindet, zumal viele von ihnen ja finden, dass die jüngste "GoT"-Staffel nicht mehr ist, was die früheren waren? Die Fernseh-Experten von dwdl.de meldeten im letzten Dezember, dass 2016 "455 Serien in den USA produziert [wurden] - und damit so viele wie noch nie zuvor". Diese Zahl habe sich seit 2010 "sogar mehr als verdoppelt". Im laufenden Jahr wird sie weiter gestiegen sein.

Ob "Babylon Berlin" für die ARD tatsächlich eine "Win-Win-Situation" darstellt, wie Herres nach der Premiere sagte, wird sich 2018 zeigen, wenn das Erste die Folgen voraussichtlich an Samstagabenden um 20.15 Uhr in (wegen der jugendfreien Sendezeit) geschnittener Fassung senden wird. Andere Sendeplätze für Serien hat die ARD ja gar nicht – wegen der vielen in abgeschlossenen 90-Minuten-Folgen erzählten Reihen, die sie weiterhin laufend in Auftrag gibt. Dass in Deutschland wenig Fernsehfiktion hergestellt wird, darf niemand behaupten.

So startet im November der neue "Barcelona-Krimi" mit Clemens Schick als Kommissar Xavi Bonet, der im Szenenfoto wie alle Fernseh-Kommissare einen Revolver im Anschlag hält (damit Zuschauer sofort wissen, woran sie sind). Am Anfang kommt Bonet vom Schwimmen aus dem Meer und entdeckt am Strand seinen ersten Fall. Sogleich wird in wenigen Minuten der Familiendrama-Beziehungs-Täterrätsel-Cocktail angerührt, der deutsche Fernsehkrimis kennzeichnet. Sein Vater ist Bürgermeister von Barcelona, hat die ARD sich ausgedacht. Dass etwas vom Separatismus vorkommt, der die "quirlige Metropole" (ARD-Degeto) aktuell zum Nachrichten-Topthema macht, ist unwahrscheinlich. Schließlich werden die Folgen mit viel Vorlauf und auch deswegen mit überwiegend deutschen Darstellern produziert, damit sie keine Sehgewohnheiten des ARD-Publikums irritieren. Selbst in der "Mordkommission Istanbul" lässt Kommissar Özakin ja weiter die Türkei als Rechtsstaat erscheinen, als der sie in allen anderen nonfiktionalen Medienformen nicht mehr erscheint.

Die ARD käme wie das ZDF niemals auf die Idee, spanische oder türkische Filme im Hauptprogramm zu zeigen. Wie die Hollywood-Filmindustrie verwandelt sie sich längst jeden Schauplatz, den sie zeigen möchte, mit eigenen Teams an. Davon wiederum weicht das Netflix-Prinzip der "International Originals", die der kalifornische Konzern neben dem Batzen US-amerikanischer, im englischsprachigen Raum spielenden Produktionen anderswo drehen lässt, sogar auf auf polnisch und schwedisch (auch, um damit dem Risiko, Quoten einhalten zu müssen, zu entgehen) aufschlussreich ab. Was ein weiterer Grund sein dürfte, aus dem die Menschen in wenigen Jahrzehnten entgeistert vor dem Berg stehen werden, den das deutsche Fernsehen der 2010-er Jahre produziert hat ...

Schlimm ist all das natürlich nicht, sondern ein Luxusproblem. Niemand braucht sich Krimis anzusehen, die er nicht mag. Vielmehr wächst proportional das Überangebot an solchen Serien, die einem individuell gefallen könnten. Serien sind das neue Kino auch und gerade in dem Sinn, dass schon längst an jedem Donnerstag neue Kinofilme noch und noch durch die Kinos rauschen und oft damit ihren Höhepunkt an Aufmerksamkeit hinter sich haben. Schließlich gibt's in Fernsehprogrammen wie bei Streamingdiensten für dann bereits "alte" Kinofilme meist weniger Aufmerksamkeit als für neue Serien. Und weitere Berge von älteren Serien, Fernseh- und Kinofilmen warten in den Mediatheken. Und einzelne Zuschauer können schon rein rechnerisch desto weniger vom Gesamtangebot ansehen, je mehr Neues produziert wird. Bloß das Bewusstsein für die rasant steigende Menge, die alle Maßstäbe verändert (und oft auch vergessen lässt, dass in vielen Produktionen jahrelange engagierte Arbeit steckt), sollten Mediennutzer sich zu erhalten versuchen.

Was das eigentlich für ältere Produktionen aus gar nicht so weit zurückliegenden Zeiten bedeutet, in denen auch bereits interessante Serien gedreht wurden – zum aktuellen Beispiel im Reformations-Jubiläums-Monat die "Martin Luther"-Serie der DEFA von 1983, die  demnächst frühmorgens der MDR wiederholt, aber vor allem auf DVD vermarktet wird – wird Thema einer der nächsten Kolumnen hier sein.