Ein Traktor in der Kirche

Niedersächsischer Küster dekoriert in spektakulärer Weise zum Erntedankfest
Küster Günther Burwieck schmückt alljährlich zum Erntedankfest die evangelischen St.-Wulphardi-Kirche im niedersächsischen Freiburg

Foto: Dieter Sell

Drei Wochen Vorbereitungszeit braucht Burwieck, damit alles rechtzeitig fertig wird.

Dankbarkeit ist sein Motiv. Die Dankbarkeit für Gottes Gaben. Deshalb schmückt Küster Günther Burwieck die Kirche in Freiburg an der Elbe zum Erntedankfest so üppig, wie es wohl selten zu sehen ist.

Der Duft von Stroh füllt den Kirchenraum. Vor dem Altar parkt ein tonnenschwerer Traktor. Gleich neben den rot leuchtenden Schlepper hat Küster Günther Burwieck zwei gewaltige Kürbisse gerollt, die mit ihrem Orange die Blicke auf sich ziehen. Zwischendrin ruht ein Fischerboot. Fertig ist die zentrale Szene, die Burwieck in der evangelischen St.-Wulphardi-Kirche im niedersächsischen Freiburg bei Hamburg dekoriert. Das ist aber längst noch nicht alles. Unter Burwiecks Händen wird die Kirche bis zum Erntedankfest zu einem Gesamtkunstwerk. In diesem Jahr zum letzten Mal.

Günther Burwieck schmückt die Kirche so üppig, wie es wohl selten zu sehen ist
Drei Wochen Vorbereitungszeit braucht Burwieck. Zuerst kommen die großen Stücke in die Kirche: Der Trecker, der gerade so durch die Eingangstür passt. Dann der Kahn, eine Obstsortiermaschine, bestimmt 80 Strohballen, eine Kohlenwaage und ein kohlenbetriebener Herd, wie er früher in den Küchen vieler Häuser und Höfe zu finden war.

Dann kommt die Feinarbeit: Aalreusen vor der Orgel, Maispflanzen, Fischernetze, die die Balustrade der Empore schmücken. In diesen Tagen stellt Burwieck Heidetöpfe auf, Dutzende kleinere Kürbisse und Unmengen anderer Früchte, die am Ende vor dem Altar ein buntes und in dieser Form bundesweit wohl einzigartiges Erntedankbild ergeben sollen. "Was man sehen kann, hat System", erklärt Burwieck. "Die Dekoration steht für das, was hier in der Region wichtig ist oder war: Obst- und Getreideanbau, Gemüse, Fischerei, Torfabbau."

Audioslide Unser tägliches Brot

Die Dankbarkeit für Gottes gute Gaben treibt den 71-jährigen Küster an, der im Januar in den Ruhestand geht. "Ich möchte zeigen, was Gott für uns geschaffen hat", sagt er und verweist auch auf das Korn, das er vor den Kirchenbänken in akkurat zusammengestellten Rechtecken ausbreitet: Roggen, Gerste, Weizen, Hafer und Triticale. Aber auch Mais, Raps und Haferbohnen.

Nach dem Freiburger Erntedankgottesdienst am 30. September können Besucher noch bis Mitte Oktober anschauen, was Burwieck mit Unterstützung vieler anderer geschaffen hat. Das tut er mittlerweile schon seit Jahren - und jedes Mal wurde die Dekoration vor dem Erntedankaltar üppiger. Mittlerweile ist die gesamte Kirche geschmückt, die 1837 erbaut wurde und mit ihren bemerkenswerten Malereien schon für sich genommen ein echtes Schmuckstück ist. Vor allem bei Hochzeitspaaren aus dem benachbarten Hamburg ist sie beliebt.

Wie in den vergangenen Jahren haben sich jetzt schon ganze Reisegruppen in Freiburg angekündigt, die Burwiecks Erntedank-Inszenierung sehen wollen. Oft gestaltet Gemeindepastorin Johanna Flade dann eine kurze Andacht.

"Es ist ein Gedicht, wie die Leute schauen", sagt Burwieck, "manche sitzen stundenlang in den Kirchenbänken und staunen. Das ist für mich das größte Geschenk."

Im Januar geht der 71-jährige Küster in den Ruhestand.
Seit nun 36 Jahren ist Burwieck Küster von St.-Wulphardi mit heute etwa 1.800 Gemeindemitgliedern. "Er arbeitet nicht bei der Kirche, er ist Kirche", hieß es vor zwei Jahren, als Burwieck den Bürgerpreis des Ortes für sein Engagement bekam.

"Er ist eine echte Institution in Freiburg", bestätigt Pastorin Sonja Domröse, die viele Gottesdienste mit ihm gestaltet hat. Er habe einen besonderen Sinn fürs Dekorieren und Schmücken - und das nicht nur zu Erntedank, sondern auch zu anderen großen Kirchenfesten und zu Trauungen und Taufen. Vielleicht hat das auch mit seinem ersten Beruf zu tun. Denn als junger Mann hat er Bäcker und Konditor gelernt - ein Job, der auch viel mit Gestalten zu tun hat. Nur das frühe Aufstehen - "da hatte ich Probleme", gesteht er.

Mit seinem Talent wäre Burwieck im Ort eigentlich unabkömmlich. Aber der Mann winkt ab. Noch ein Erntedankfest schmücken? "Nein", sagt er. "Dieses Jahr ist definitiv das letzte Mal." Aber an seiner Stimme merkt man: Es wird ihm nicht leicht fallen.