Darwins islamische Vorfahren

Charles Darwin (Foto um 1875)

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Charles Darwin (Foto um 1875)

180 Jahre ist es her, als der Natur-Forscher Charles Darwin - gerade von seiner Reise von den Galapaos-Reise zurückgekehrt - in London die ersten Gedanken zu seiner Evolutionstheorie niederschrieb. Heute sind Darwins Lehren über die Artenentstehung via Mutation und Selektion aus den Schülbüchern dieser Welt nicht mehr wegzudenken.

Bis vergangenen Monat. Da kündigte das türkische Bildungsministerium an, Darwins Evolutionstheorie vom Lehrplan zu streichen. Sie sei "zu fragwürdig, zu kontrovers und zu kompliziert für Schüler", begründete ein Behördenvertreter die Entscheidung. Statt des bisherigen "eurozentrischen Unterrichts" sollten türkische Schüler ab 2019 mehr über die "Lehren muslimischer und türkischer Wissenschaftler" des Mittelalters erfahren, kündigte das Ministeriums an. Doch was in Ankara scheinbar übersehen wird: über Jahrhunderte kamen islamische Denker des Mittelalters Darwins Lehren von der Entstehung der Arten sehr nahe.

Schon im 9. Jahrhundert und damit rund 1.000 Jahre bevor Charles Darwin die Galapagos Inseln bereiste, stellte der arabisch-afrikanische Theologe und Lexikograph Al-Dschahiz in einer sieben-bändigen Enzyklopädie eine Systematik von 350 verschiedenen Tierarten auf. In seinem "Kitab al-Hayawan" (Buch der Tiere) umriss Al-Dschahiz nicht nur als einer der Ersten das Prinzip tierischer Nahrungsketten. Was Darwin beim Anblick von Schildkröten und Finken erkannte, fiel Al-Dschahiz bei der Beobachtung von Tauben, Hunden und Füchsen auf. Vertreter derselben Tierart, die an unterschiedlichen Orten leben, weisen oft große Unterschiede in ihrer äußeren Gestalt auf. Al-Dschahiz war überzeugt, das Leben befände sich in einem ständigen Entwicklungsprozess. Die Mechanismen dieser "Evolution" benannte schon er als Anpassung an die natürliche Umwelt und Kampf ums Überleben.

Wie viele seiner Zeitgenossen hatte Al-Dschahiz kein Problem damit, seine Naturbeobachtungen mit seinen theologischen Überzeugungen in Einklang zu bringen. Die Zeit, in der er lebte, sollte später "Blütezeit des Islam" oder "Goldenen Zeitalter des Islam" genannt werden. Während das intellektuelle Europa im 9. bis 13. Jahrhunderts vor lauter religiöser Indoktrination vor sich hin vegetierte, florierten im islamischen Mittelalter Wissenschaft und Philosophie. Die Wissenschaftshochburgen jener Zeit hießen Tunis, Kairo, Bagdad, Basra oder auch Ghazni.

Noahs Arche bestimmte die Artenvielfalt

In der Stadt Ghazni im heutigen Afghanistan sorgte rund 100 Jahre nach Al-Dschahiz der persische Universalgelehrte Al-Biruni in vielerlei Hinsicht für Aufsehen. Als Mathematiker berechnete er den Erdumfang auf 40 Kilometer genau. Als Astronom stellte er das damals gängige heliozentrische Weltbild infrage. Und als Gesteinsforscher kam er zu Erkenntnissen, die für spätere Auffassungen von Evolution maßgeblich sein sollten: Aus Untersuchung von Gesteinen und Fossilien schloss Al-Biruni, dass die Entwicklung des Lebens schon lange vor dem Menschen eingesetzt habe und so langsam abgelaufen sein müsse, dass der Mensch diese nicht ohne Weiteres beobachten könne.

Wie viele andere Gelehrte des "Goldenes Zeitalter des Islam" richtete sich Al-Biruni damit gegen die Vorstellung eines abgeschlossenen, zeitlich begrenzten Schöpfungaktes. Diesem setzten sie die Idee der kontinuierlichen Entwicklung des Lebens entgegen, der schon Denker der Antike anhingen. Das mag aus heutiger Sicht banal klingen. Doch: Nach Vorstellung der meisten europäischen Denker war die Artenentstehung mit der biblischen Schöpfungsgeschichte abgeschlossen, darüberhinaus wurde die Vielfalt des Lebens allenfalls durch den Platz auf Noahs Arche determiniert.

Die Verwandtschaft von Mensch und Affe

Eine These, mit der sich einige heutige Fromme – gleich ob christlich oder muslimisch - nicht anfreunden können, stellte im 13. Jahrhundert ein persischer Philosoph auf: die Verwandtschaft zwischen Mensch und Affe. In seinem Werk "Akhlaq-i Nasiri" (Arbeit über die Ethik) ergründet Nasir al-Din al-Tusi die moralische, wirtschaftliche und politische Dimension des Menschen. In Anlehnung an die antike Vorstellung einer stufenartigen Rangordnung des Lebens, ging auch al-Tusi von einer kontinuierlichen Entwicklung des Lebens aus. Einen Teil dieser Entwicklung beschreibt er folgendermaßen:

"Solche Menschen [gemeint sind Menschenaffen] leben im westlichen Sudan und anderen entfernen Ecken der Welt. Sie sind in ihren Gewohnheiten, Handlungen und Verhalten den Tieren ähnlich. (…) Der Mensch hat Eigenschaften, die ihn von anderen Kreaturen unterscheiden, aber er hat andere Eigenschaften, die ihn mit der Tierwelt, dem Reich der Pflanzen oder gar mit unbelebten Körpern vereinen. (…) All diese Fakten belegen, dass das menschliche Wesen auf die mittlere Stufe der evolutionären Treppe gesetzt wurde."

Wiederum rund 100 Jahre später erblickte ein Mann die Welt, der bis heute als Inbegriff islamischer Gelehrsamkeit gilt: Ibn Khaldun. Der nordafrikanische Philosoph wird mal als Erfinder der Soziologie, der Politikwissenschaft oder Geschichtswissenschaft bezeichnet und fehlt mutmaßlich auch auf keinem türkischen Lehrplan. Auch Ibn Khaldun war überzeugt, dass sich der Mensch "aus der Welt der Affen" entwickelt habe. In seinem 1377 fertiggestellten Hauptwerk Muqaddimah (Einleitung) ordnet er die menschliche Existenz in eine kontinuierliche Entwicklung des Lebens ein:

"Sodann sieh Dir die Schöpfung an. Wie es beginnt bei den Mineralien und wie es übergeht zu den Pflanzen und dann in schönster Weise und stufenweise zu den Tieren. (...) Dattelpalme und Weinrebe, welche das Ende der Pflanzenwelt markieren, sind verbunden mit Schnecken und Schaltieren auf der ersten Stufe der Tierwelt, die nur den Tastsinn haben. (…) So breitete sich die Tierwelt aus, die Zahl der Tierarten nahm zu, und der stufenweise Prozess der Schöpfung führte schließlich zum Menschen, der zu denken und zu reflektieren vermag."

"Mohammedanische Theorie der Evolution"

Auch Europa blieben die Lehren islamischer Denker nicht verborgen. Als "großartigstes Werk seiner Art, das je ein Geist zu irgendeiner Zeit und an irgendeinem Ort geschaffen hat", bezeichnete einmal der britische Historiker Arnold J. Toynbee Ibn Khalduns Muqaddimah, das als eine Art Gründungsmanifest der modernen Soziologie gilt. Und auch Ibn Khalduns Lehren über die Entstehung des Lebens nahmen Einfluss auf europäische Denker. Von einer "Mohammedanischen Theorie der Evolution", nach der sich "der Mensch von niederen Formen (…) zu seinem heutigen Zustand im langen Zeitverlauf" entwickelt habe, schrieb 1874 der britische Naturwissenschaftler John William Draper.

Hatten also in Wahrheit Muslime schon lange vor Darwin die Evolutionstheorie erfunden? Nein. Es wäre irrreführend die akribische empirische Arbeit aus Darwins "On the Origin of Species" (Über die Entstehung der Arten) mit den eher philosophischen Evolutionslehren islamischer Denker gleichzusetzen. Darwins Verdienst ist es, dass er mit dem Jahrhunderte alten Grundgedanken islamischer wie europäischer Evolutionstheoretiker brach: Von Aristoteles über Al-Dschahiz bis hin zu Darwins Weggefährten Jean-Baptiste de Lamarck waren diese von einer hierarchischen Entwicklung des Lebens ausgegangen. Dieser Stufenleiter stellte Darwin seinen weitverzweigten Baum des Lebens entgegen. Und an die Stelle einer aktiven Anpassung an die Umweltbedingungen traten bei Darwin mutationsbedingte Selektionsvorteile als Treibstoff der Artenentstehung.

Doch der Blick auf die Geschichte der Evolutionstheorien zeigt etwas anderes: Es gibt keine "europäische", "türkische", "islamische" oder "christliche" Wissenschaft.  Ob in Philosophie, Medizin, Mathematik oder eben auch Biologie: Es waren "Aufklärer" wie Ibn Khaldun und viele andere, die Europa aus seiner religiös-mittelalterlichen Lethargie hinein in die wissenschaftsfreundliche Neuzeit verhalfen. Diese wiederum hatten sich ausgiebig am antiken Erbe Europas bedient. Und noch ein Schicksal teilten die Denker dies- wie jenseits des Bosporus; ihre Wissenschaft konnte stets nur in dem Maße florieren, wie die jeweiligen politischen und geistlichen Herrscher dies zuließen. Wenn heute wieder Politiker das gemeinsame wissenschaftliche Erbe leugnen, um ungeliebte wissenschaftliche Erkenntnisse zu stigmatisieren, setzen sie sich selbst in die Traditionslinie des religiös-bornierten Mittelalters in Europa, anstatt in die des wissenschaftsfreundlichen Mittelalters der islamischen Welt.