Demos für und gegen Sexualkunde-Lehrplan in Wiesbaden

Sexualkunde

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Sexualität eine gute Gabe Gottes, die es gilt, in Verantwortung zu leben. Dies muss gelernt werden, zu Hause und in der Schule in altersgemäßer Weise.

Konservative Christen und Rechtspopulisten haben am Sonntag in Wiesbaden gegen den neuen hessischen Lehrplan zur Sexualerziehung demonstriert. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung dagegen befürwortete den Lehrplan.

Unter dem Motto "Elternrecht achten - Indoktrinierende Sexualerziehung stoppen" zogen sie am Nachmittag vor das Kultusministerium, um ihrem Unmut Luft zu machen. Kräftigen Gegenwind erhielten sie von einem "Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt" aus rund 100 Vereinen, Initiativen, Gewerkschaften und Parteien, das sich zuvor in der Stadtmitte formiert hatte.

Die Gegner des Lehrplans, die unter anderem eine "Frühsexualisierung" befürchten, hätten etwa 700 Menschen auf die Straße gebracht, die Befürworter rund 1.700, teilte das Polizeipräsidium Westhessen dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit. Bei einem Zusammenstoß zwischen Polizei und Gegendemonstranten ist eine Mitarbeiterin der "Frankfurter Rundschau" verletzt und anschließend ins Krankenhaus gebracht worden, berichtete die FR (siehe 13:28 Uhr im Liveticker). Die Polizei war mit mehreren Hundertschaften im Einsatz. Weitere nennenswerte Zwischenfälle hat es laut Polizeiangaben nicht gegeben.

Katholische Kirche dagegen, evangelische Kirche dafür

Das "Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt" trete für die Mannigfaltigkeit von Lebensweisen ein, erklärte Manuel Wüst, Vorsitzender von "Warmes Wiesbaden", in seinem Demonstrationsaufruf. "Wir stellen uns gegen die gezielte Panikmache und erneuerte Vorurteile." Ein gesellschaftlicher Rückschritt um Jahrzehnte sei nicht akzeptabel.

Die "Demo für alle", zu der neben konservativen Christen und Familienvereinen auch die hessische NPD und die Identitäre Bewegung aufgerufen hatten, war von CDU-Mitglied Hedwig von Beverfoerde initiiert worden. Von Beverfoerde ist unter anderem Vorsitzende des Vereins "Ehe-Familie-Leben" in Magdeburg und Mitglied der konservativen Laienorganisaion "Forum Deutscher Katholiken".   



In einem Grußwort unterstützte der Fuldaer katholische Bischof Heinz Josef Algermissen das Anliegen der Lehrplan-Gegner. Auf der Website demofueralle.wordpress.com zeigte er sich schockiert, dass der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) den neuen Lehrplan per Ministererlass gegen die Voten des Landeselternbeirats und der katholischen Bischöfe in Hessen in Kraft gesetzt habe.

Dagegen befürwortete der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung den Lehrplan. "Nach christlichem Verständnis ist Sexualität eine gute Gabe Gottes, die es gilt, in Verantwortung zu leben", sagte er. Das müsse gelernt werden, zu Hause und in der Schule in altersgemäßer Weise. Dazu gehöre auch, Menschen mit anderer sexueller Orientierung und anderer Geschlechtsidentität zu akzeptieren. "Als Evangelische Kirche in Hessen und Nassau setzen wir uns aufgrund unseres Menschenbildes, das jeden Menschen als Gottes Geschöpf und Ebenbild sieht, dafür ein, dass Diskriminierung jeder Art überwunden und Menschen respektvoll und verantwortlich miteinander leben. Wir begrüßen deshalb den neuen Lehrplan", sagte Jung.

Aufklärung in der Schule

Im dem neuen Lehrplan heißt es, dass Sechs- bis Zehnjährige im Unterricht auch unterschiedliche Familiensituationen kennenlernen sollen, darunter gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Zehn- bis Zwölfjährige erfahren etwas über Hetero-, Bi-, Homo- und Transsexualität. 13- bis 16-Jährige sollen im Klassenverbund unter anderem über "erste sexuelle Erfahrungen" sprechen können. 16- bis 19-jährige Schüler werden über Adoption, Leihmutterschaft, künstliche Befruchtung, geschlechtsspezifisches Rollenverhalten sowie "das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung" aufgeklärt. 

Am 13. Oktober hatten sich im Hessischen Landtag CDU, Grüne, SPD und Linke hinter den neuen Lehrplan gestellt, die FDP enthielt sich. Kritik daran war lediglich vom Landeselternbeirat gekommen, der sich allerdings gegen eine Teilnahme an der Wiesbadener "Demo für alle" ausgesprochen hatte.