Theologe Graf sieht Mangel an ökumenischer Aufrichtigkeit

Professor Friedrich Wilhelm Graf

Foto: epd-bild/Dirk Johnen

Professor Friedrich Wilhelm Graf lehrte an der Ludwig-Maximilians-Universität München systematische Theologie und Ethik

Der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf kritisiert die evangelisch-katholische Vereinbarung, das 500. Reformationsjubiläum im nächsten Jahr als Christusfest zu begehen.

"Will man kein Profil mehr haben?" fragt Graf die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in einem Beitrag für das Magazin "zeitzeichen" (Oktober-Ausgabe). Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm wolle mit der Rede vom Christusfest aus ökumenepolitischen Gründen überspielen, dass die Protestanten 2017 mehr zu feiern hätten als Christen anderer Konfessionen.

Aus Sicht des Sozialethikers Graf begann am 31. Oktober 1517 die "Pluralisierung des lateinischen Christentums, die in der Dauerkonkurrenz selbstständiger Konfessionskirchen Gestalt gewonnen hat". Es sei "geschichtspolitisch naiv", diesem Fakt mit "ein paar Pathosformeln vom 'Christusfest'" entrinnen zu wollen. Wer 1517 feiere, setze die "Legitimität christlicher Vielfalt" in Szene.

Gemeinsame Pilgerfahrt geplant

Dem entgegengesetzt erwarte die katholische Deutsche Bischofskonferenz vom Glaubensfest im nächsten Jahr, "der vollen sichtbaren Einheit der Kirche" näher zu kommen. "Der Öffentlichkeit diese Spannung zu verschweigen, zeigt einen Mangel an ökumenischer Aufrichtigkeit", schreibt der evangelische Theologe Graf, emeritierter Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther (1483-1546) seine 95 Thesen gegen die Missstände der Kirche seiner Zeit veröffentlicht. Der legendäre Thesenanschlag gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Reformation, die die Spaltung in evangelische und katholische Kirche zur Folge hatte. EKD und Bischofskonferenz hatten im vergangenen Jahr vereinbart, im nächsten Jahr ein gemeinsames Christusfest zu feiern. Unter anderem sind bereits für den Oktober des laufenden Jahres eine gemeinsame Pilgerfahrt von EKD und Bischofskonferenz ins Heilige Land sowie für den 11. März nächsten Jahres ein Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim geplant.

Die Bezeichnung Christusfest soll unterstreichen, dass für Christen aller Konfessionen Jesus Christus im Zentrum ihres Glaubens steht. Auch Martin Luther hatte stets Jesus Christus in den Mittelpunkt gerückt. Graf indes hält die Bezeichnung für unpräzise: "Das Kirchenjahr kennt ja mehrere Christusfeste wie Weihnachten, Karfreitag und Ostern. Und so wüsste man gern, was am Christusfest des 31. Oktober gefeiert werden soll."