Füller-Scheiß ist das Öl des 21. Jahrhunderts

... zumindest, wenn man redaktionell gestaltete Inhalte im Internet zu verkaufen hat. Playmobil-Figuren und Skateboards machen die Arbeit in jungen Onlineredaktionen mit Namen, die alte Leute für cool halten, schön. Preiswerte Kultweine sowie Smoothie-Maker helfen beim Zeitschriftenkonsum. Bzw.: Axel Springer nun auch im Bett mit Arte. Außerdem: Neues von Googles "Digital News Initiative".

Axel Springer, dieser tolle Hecht, dem das Altpapier gestern überm Strich Rekordsummen-halber (nachzutragen wäre noch der Stefan-Niggemeier-Beitrag) fast allein gewidmet war, wird einerseits immer digitaler.

Nachzutragen wäre da die unbezifferte Beteiligung an einer US-amerikanischen "Kultseite vor allem männlicher 'Millennials'" (Mathias Döpfner in der Pressemitteilung). Unter den "sechs reichweitenstärksten Digital-Verlagen der Welt" sieht sich Springer inzwischen.

Ein frisches Print-Erzeugnis aus demselben Haus, sogar eines mit frei online nur angeteaserten Inhalten, liegt aber auch vor. Bzw. liegt es bereits auf den Flachbildschirmen kulturell anspruchsvoller Fernsehkonsumenten. Wie im Juli (Altpapier) bekannt wurde, ist der öffentlich-rechtliche deutsch-französische Kultursender Arte nach einer Ausschreibung mit Springers Kundenzeitschriften-Division ins Bett gegangen. Die "92 Seiten starke" (Pressemitteilung) Oktober-Ausgabe des Arte-Magazins ist die erste, die unter der "Realisation" (wie es im Impressum heißt), der Axel Springer SE, Corporate Solutions enstanden ist.

Dieses Arte-Magazin sieht von außen fast so aus wie das aus dem Vormonat, das noch von der IDC Corporate Publishing GmbH / Alphabeta verantwortet wurde, zwar schwarzweiß statt bunt, aber das ist im Rahmen. Schließlich mögen Arte-Zuschauer manchmal auch schwarzweiß. Überhaupt sind diese Arte-Zuschauer, wenngleich wohl kaum männliche Millennials, eine faszinierende Zielgruppe.  Die gute halbe Mio. Leser der 130.000 verbreiteten Exemplare ist den zuständigen Werbern zufolge "hochgebildet, einkommensstark und kauffreudig" und hört den downloadbaren Mediadaten zufolge mindestens zu knapp zwei Dritteln "sehr gerne" Jazz, Klassik und Chansons.

Insofern, und das ist es, was die ungleichen Partner Arte und Axel zusammengebracht haben dürfte, hagelt es Werbung. Die Rückseite des festen Umschlags offeriert zehn Flaschen "Kultwein aus Italien!" sowie zwei Weingläser für "statt € 93, 90 nur € 49, 90". Aus dem Heft purzelten sage und schreibe vier Beilagen und Beihefter ("Vom Tierpräparator handgefertigt: der nahezu lebensgroße Eisbär aus kuscheligem Kunstpelz" auf dem sich eine Dame mit Sektglas im allerdings wohl hochgeschlossenen Hosenanzug oder so räkelt; "Entdecken Sie die bequemsten Schuhe Ihres Lebens"; "Ulrich Wickert: 'Helfen Sie Mädchen: Werden auch Sie Pate!'"; "Jetzt testen: 3x GEO EPOCHE lesen + gratis 1 Baum spenden + weitere Extras erhalten").

Dafür, dass all das Füllmaterial bis in die Briefkästen im Heft drin geblieben ist, verdienen die Zusteller der Deutschen Post (die gestern ja 42 Millionen Bild-Zeitungs-Extraausgaben verteilen mussten und damit den Hashtag #altpapier okkupierten ...), auch mal Lob.

Dieses Arte-Magazin "kann im Abonnement bezogen werden" (Springer) bzw. wird via arte-magazin.de in der im Zeitschriftenvertrieb üblichen Kombination mit sinnvollen Gebrauchsgegenständen wie Armbanduhren, Kaffeebechern und Smoothie-Makern durchaus günstig angeboten. Und es wird an ausgewählten Kiosken verkauft. Bei der Suche hülfe mykiosk.com. Manche Journalisten, ich z.B., bekommen es aber auch unbezahlt zugeschickt.

Ach so, redaktionelle Inhalte gibt's auch, auch wenn die meisten Abonnenten wohl eher die Übersicht über das oft ja gute Fernsehprogramm von Arte eher interessiert. Die Springer-Redaktion hat eine frische Kolumnistin angeheuert (Elke Heidenreich: "Was ist ein gutes Buch? Eine gute Geschichte, brillant erzählt. Ob gedruckt oder digital, ganz egal ..."), hat übersichtliche Doppelseiten ansprechend illustriert ("Revolte auf dem Kopf/ Wild, bunt, unangepasst: Mit ihrem Look rebelliert die Jugend gegen die Norm und setzt politische Statements. Die Geschichte eines haarigen Protests"), einen Gastbeitrag von Ban Ki-moon akquiriert und Roberto Saviano interviewt. Die einzweidrittelseitige Artikel "So viel Mafia steckt in Deutschland" und der dreieinhalbseitige "Gérard tischt auf" über Depardieus "kulinarische Reise" sorgen für europäisches Flair.

Solch eine Mischung kennzeichnete das im Layout nur dezent veränderte Arte-Magazin auch zuvor. Auch das ist schließlich wichtig im Medien- und Marken-Geschäft: dass solange es halbwegs läuft, vor den Kulissen alles aussieht, wie es immer, egal, wer gerade dahintersteckt.

[+++] Jetzt aber stracks in die Zukunft der Medien. Gibt's keine neuen Internetauftritte?

Doch, natürlich. Gestern hier im Korb erwähnt wegen des Redaktionsbesuchs der Süddeutschen, ist nun bento.de online gegangen. Nachzutragen ist der Redaktionsbesuch von Anne Fromm von der TAZ. Sie beschreibt eindrucksvoll die "Tischtennisplatte ... zwischen Schreibtischen, ein rosanes Skateboard auf dem Boden", und auch, was "in der Sitzecke ... zwischen Gummibärchen und Playmobil-Figuren" liegt. (Aber gibt's auch bereits Smoothie-Maker?).

Dieses bento.de ist das ze.tt (siehe Altpapier aus dem Juli) bzw. byou einer weiteren ganz ganz starken Marke aus dem alten deutschen Medien-Business, nun des Spiegel.

"Namen, die alte Menschen für cool halten", schimpft Thommy Knüwer und fühlt sich irgendwie an "Assistenzärzte" erinnert. Eher an einen "nervigen Animateur beim Pauschalurlaub, der händeringend versucht, sich bei den Elitegören anzubiedern", fühlt sich Fefe ("In der ersten Ausgabe schon so viel Füller-Scheiß!") in einer für blog.fefe.de-Verhältnisse auch gut gefüllten Analyse erinnert.

Aber hey, Füller-Scheiß ist das Öl des 21. Jahrhunderts, zumindest, wenn man redaktionell gestaltete Inhalte im Internet zu verkaufen hat. Es wird drauf ankommen, ob die Millenials, zu denen weder Felix von Leitner (Jg. 1973) noch Thomas Knüwer (Jg. 1969) oder ich gehören, hinreichend hinklicken, um den Verlagen, die dahinterstecken, etwas Geld einzuspielen.

[+++] Was die Trafficströme in diesem Internet angeht, bestechen aktuell zwei durchaus auch empirische Analysen zumindest durch ihre enorm konträren Ergebnisse. Einerseits beklagt ebenfalls Knüwer in seinem Blog indiskretionehrensache.de das "merkwürdige Trauerspiel", das die Verlage auf Facebook böten. Er beruft sich auf 10000flies.de-Statistiken:

"Dessen Statistik der meistgeteilten deutschen Artikel weist unter den Top 20 der vergangenen Woche 6 Artikel aus, die nicht von Seiten klassischer Medienmarken kommen (die Hälfte davon vom Postillon); für den vergangenen Monat sind es schon 10, für das vergangene Jahr 16 Artikel außerhalb des klassischen Medienuniversums".

Knüwers Folgerung, für seine Verhältnisse relativ sachlich geschildert: Die Verlage würden zu wenig investieren, um ihre Inhalte so aufzubereiten, dass Nutzer sie in den sogenannten sozialen Medien teilen mögen, und daher sogar von Unternehmen wie Vapiano und dem Maggi-Kochstudio, also im Internet keinen klassischen Inhalteanbietern, überholt.

Bevor nun aber aufgeschreckte Verlagsmanager ihre Redaktionen weiter ausdünnen, um am gefilterten Facebook-Algorithmus geschultes Personal anzustellen, das dafür sorgt, dass künftig alle ihre Version des aktuellen Leopardenfotos teilen, sollten sie noch einen Blick in die neue epd medien-Ausgabe werfen.

Dort (nicht frei online) hat Thorsten Grothe nun mit "vom Web-Analytics-Unternehmen SimilarWeb regelmäßig veröffentlichten Daten" "für den Zeitraum von Mai bis Juli 2015 überprüft, wie relevant Suchmaschinen und soziale Medien für den Zugang zu den Top 40 der meinungsrelevanten Online-Medien waren".

Ergebnis: nicht so doll, da

"die mit Abstand meisten Zugriffe ... direkt erfolgen: Fast die Hälfte der Seitenbesuche kommt über die direkte Eingabe der Internetadresse in den Browser zustande, ein knappes Drittel entfällt auf die Suchmaschinen. Die sozialen Medien sind für gut sechs Prozent der Zugriffe verantwortlich und damit für deutlich weniger als Links von anderen Webseiten, die knapp zwölf Prozent ausmachen."

Vielleicht beherrschen einige Nutzer ja noch die ältere Kulturtechnik des Lesezeichen-/ Bookmark-Setzens und brauchen gar nicht immer eine Internetadresse in den Browser einzugeben. Ansonsten weiß auch ich gerade nicht, welche der Analysen eher stimmt.


Altpapierkorb

+++ Ulrike Simon hat auf rnd-news.de, das heißt im Internetauftritt der Madsack-Zentralredaktion, auch eine Medienkolumne. In der aktuellen Ausgabe geht es darum, was die "Digital News Initiative" von Google und einigen Kumpanen unter den Verlagen so anstellt. Zusammenfassung: bislang nicht irrsinnig viel. U.a. wollen sie "vertrauenswürdigen Journalismus durch bestimmte Parameter hervor...heben". Zumindest beim Vorgehen gegen den von Apple initiierten Trend, Adblocker auch im mobilen Internet zu verbreiten, könnte immerhin ein echtes gemeinsames Interesse des Datenkraken und der Verlage liegen. +++ Unklar ist, ob Google auch, wie es Armin Thurnher, Herausgeber des österreichischen Falter, kraftvoll formulieren würde, Lämmer berät, "wie sie bessere Koteletts werden" (Standard). +++

+++ Neue Methode, Pennys im Internet zu verdienen: "Der Tagesspiegel bietet diesen Artikel kostenpflichtig (25 Cent) im neuen digitalen Kiosk Blendle an - hier geht es zum vollständigen Beitrag ...." +++

+++ Dem Milieu der Medienwächter und derer, die es werden wollen, ließe sich auch einiges vorwerfen, inzwischen vielleicht aber nicht mehr gendermäßig. Die achtzehn für die neu ausgeschriebene Direktorenstelle der Medienanstalt Berlin-Brandenburg eingegangenen Bewerbungen verteilen sich auf "neun Frauen und neun Männer", berichtet die Medienkorrespondenz. Wobei derzeit nur zwei der vierzehn deutschen Medienanstalten von einer Präsidentin bzw. Direktorin geleitet werden ... +++

+++ "Latife mit ihren drei Mädchen völlig überfordert vor der Üppigkeit einer deutschen Metzgertheke, dabei wollen sie doch nur 'Wurst' kaufen. Alle vier verfallen sie dem Leberkäse, den sie noch im Auto verspeisen, und zwar so genussvoll, dass man sich ernsthaft überlegt, das Zeug mal wieder zu probieren", lobt Claudia Tieschky auf der SZ-Medienseite den Fernsehfilm "Leberkäseland", der am Montag in der ARD-Themenwoche "Heimat" läuft. +++ Außerdem geht es ebd. um die Magazine Heimfocus und Cameo, die Flüchtlinge "selbst zu Wort kommen" lassen. (Was heute übrigens etwa auch die heutige TAZ-Wochenendausgabe tut und gestern zeit.de tat).  +++ Und Alex Rühle ernennt Maxim Biller zum Erben von Marcel Reich-Ranicki, denn der "hat die Gesetze des Fernsehens besser verstanden als die anderen drei". Rühle ist einer von vielen Fernsehkritikern, die der Aufzeichnung der ersten neuen Ausgabe der Literaturkritikershow "Das Literarische Quartett" beiwohnten. +++

+++ "Das Konzept bleibt das alte, der Mitteilungsdrang der Literaturkritiker gleich. Langweilig ist das nicht, jedoch weniger lustig als früher" (Lena Guntenhöner, cicero.de).  +++ Erster beim Kritik-Veröffentlichen war bereits gestern der Tsp.. +++ "Wer sorgt dafür, dass es knallt? Maxim Biller selbstverständlich, Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ..." (Michael Hanfeld im FAZ-Feuilleton). +++

+++ Die FAZ-Medienseite bespricht einen Arte-Film, den wenig erfolgreich im Kino gelaufenen "Banklady" und die Cologne Conference, etwa eine "Tagung mit dem verunglückten Titel 'Der Große Culture Day 2015'': "Dass Kultur zur besten Sendezeit überhaupt nicht mehr zu finden ist und sich oft auf PR ('das neue Buch von Jonathan Franzen') beschränkt, analysierte Matthias Kremin, Programmleiter Kultur und Wissenschaft im WDR, durchaus hart und richtig. Ein vielsagendes Missverständnis schloss sich an: Bertrand Villegas, dessen Genfer Firma The Wit das weltweite Fernsehgeschehen auswertet, sollte Leuchtturmprojekte der Kulturvermittlung aufzeigen. Mit einer clownesken Definition von Kultur stellte er dem verdutzten Publikum erbärmliche Talent- und Realityshows vor, in denen Amateure Beethovens Neunte fiedeln oder Übergewichtige Schwanensee tanzen. Deutlicher kann man die Kapitulation des Geistigen auf dem Flachbildschirm nicht unterstreichen. ... Der größte Fehler dieser Konferenz aber war die enge Kooperation mit dem WDR, denn so wurde die live gestreamte Veranstaltung zu einer schamlosen Selbstbeweihräucherung des Senders". +++ Außerdem geht's in der FAZ um die merkwürdige Fast-Absetzung einer Sendung mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse im Schweizer Fernsehen (siehe frei online tagesanzeiger.ch). +++

+++ "Aus Bundesrepublik und DDR ist in einem Vierteljahrhundert mehr als nur ein Staat geworden", steht heute auf der Süddeutschen drauf. Einen abgebrühten Überblick über Zeitungs-Titelseiten zum Einheits-Jubiläum gibt ("Morgen wird durchgeatmet (alles zu), Sonntag wird eingekauft (alles offen), und in 25 Jahren sprechen wir uns in dieser Angelegenheit wieder.") Lorenz Maroldt im Tagesspiegel-"Checkpoint"-Newsletter. +++

Am Montag gibt's auch wieder neues Altpapier.