Das Erbe Frère Rogers

Taizé-Büder laufen von einem freien Feld aus durch das Dorf Taizé.

Foto: Vera Rüttimann

Taizé-Büder laufen von einem freien Feld aus durch das Dorf Taizé.

Zehn Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihres Gründers hat die ökumenische Brüderschaft von Taizé "Woche für eine neue Solidarität" veranstaltet. Frère Rogers Erbe bleibt lebendig.

Durch den Morgennebel eilen Menschen zum Gebet. Über das Dorf hinaus klingen die vertrauten Glocken. In der orange ausgeleuchteten Versöhnungskirche sitzen die Leute Schulter an Schulter. Keiner will verpassen, wenn ein Bruder mit dem charakteristischen "Alleluja" von Taizé die Andacht eröffnet. Auf dem Platz, wo sonst Roger Schutz saß, betet nun sein Nachfolger, Frère Alois Löser. Während der Andacht sitzen Kinder zu seinen Füßen. Eine Melodie schwillt vom Hügel hinab zu einem Klangteppich an.

Fotos, Filme und ein Wandgrafitti

Viele der Jugendlichen, die in der Versöhungskirche sitzen, haben an einer "Woche für eine neue Solidarität" teilgenommen, die das Erbe des vor zehn Jahren erstochenen Taizé-Gründers feierte. In Taizé ist der reformierte Theologe auch visuell präsent. An einem Haus haben Jugendliche ein großes Grafitti mit seinem Bildnis angebracht. Fotografien einer Ausstellung in der Versöhnungskirche zeigen Frère Roger beim Gebet in der alten Dorfkirche in den 1940er Jahren, oder am "Konzil der Jugend" 1974. Im Gästehaus "La morada" sehen die Teilnehmer eine Filmdokumentation, die daran erinnert, wie sehr Rogers Schutz mit seiner offen ökumenischen Ausrichtung anfangs in manchen protestantischen Genfer Kreisen kritisiert wurde.

Heute ist Taizé ein Dauerbrenner für die kirchliche Jugend der ganzen Welt. Unter den 7.000 Jugendlichen, die zur "Woche für eine neue Solidarität" angereist waren, sind auffällig viele asiatische Gesichter zu sehen. Dominierte früher das innereuropäische Ost-West-Thema, ist Taizé 2015 das Abbild eines globalen Dorfes.

Auf die Frage, was von Frère Rogers Geist in Taizé bis heute lebendig ist, antwortete Prior Alois Löser: "Kampf und Kontemplation." Der gebürtige Stuttgarter sagt: "Die Jugendlichen wollen den Glauben nicht zurückgezogen in frommen Winkeln leben. Sie sind der Sauerteig dieser Kirche. Sie sind es, was vom Erbe Frère Rogers hier lebendig bleibt."

In Erinnerung an Frère Rogers spirituelles Erbe finden Workshops statt, in denen es um Solidarität, Barmherzigkeit und Versöhnung geht, den Hauptanliegen des Taizé-Gründers. Vertreter der Welternährungsorganisation und Europa-Abgeordnete wie Sven Gigold und Philippe Lambert denken in Taizé über eine solidarische Wirtschaftsordnung nach. Christliche Gemeinschaften, die sich im karitativen Bereich engagieren, wie der Jesuiten Flüchtlingsdienst oder Mouvement du Nid mit ihrem Kampf gegen Prostitution, berichten über ihre Projekte. Die Taizé-Brüder erzählen von einer Familie aus dem Irak, die sie auf eigene Rechnung aufgenommen haben, weil sie anders in Frankreich nicht geduldet würde.

Spannende Persönlichkeiten von Rang, die einst unbetretene Pfade betraten, haben Taizé die Aufwartung gemacht: So etwa Jean Vanier, der 86-jährige katholische Gründer der internationalen ökumenischen "Arche"-Gemeinschaften. Der Franko-Kanadier berichtet über die Einrichtungen, in denen Menschen mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam leben und arbeiten können. Eine charismatische Gründergestalt mit ansteckender Begeisterung in den Augen, dem die Jugendlichen aufmerksam zuhören. So wie Miguel Ángel Estrella, dem
UNESCO-Sonderbotschafter für Kultur des Friedens und Toleranz durch Musik. Im Haus, wo Frère Rogers Schwester Geneviève bis zu ihrem Tod gelebt hatte, spielte er ein berührendes Klavierkonzert.

Die Zelte und Häuser, in denen die Workshops stattfinden, sind brechend voll. Athmosphärisch findet ein Mix aus Kirchentag und der Sommer-Uni der französischen Grünen statt. In den Augen von Prior Alois Löser, der die Workshopleiter später in das Zimmer Frère Rogers empfing, schien ein ständiges Staunen aufzuleuchten, wie sich Taizé enwickelt hat. Statt zu welken, scheint Taizé zu wachsen. Es erfindet sich gerade wieder einmal neu. "Die jungen Leute bringen eine neue Dynamik mit. Das zeigt, dass das Ganze nicht an die Person von Frère Roger gebunden war."

Gelebte Einfachheit

Unverändert voll ist die Versöhnungskirche. Selbst in der Nacht stehen, sitzen und liegen hier die Leute. Vom Kind bis zum Greis. Es ist ein Raum, in dem nichts veranstaltet wird und dennoch so viel passiert. Diese Kirche ist ein weltweiter Magnet und folgt eigenen Regeln. Das erlebte auch Kurienkardinal Kurt Koch, als er am Sonntag hier eine katholische Messe hielt. Jugendliche betraten die Kirche barfuß und in ärmellosen T-Shirts. Es sind zwei Kulturen, die hier aufeinandertreffen. In den Augen vieler war der Mann aus dem Vatikan der Vertreter der "anderen" Kirche, die sich hinter Mauern verschanzt.

Die  hohen Würdenträger erleben auf der ockerfarbenen Erde des Burgundes mit, wie sehr Taizé noch immer von jener stilprägenden Einfachheit geprägt ist, die alle Taizé-Generationen hier erleben. Taizé ist nicht zu einem geleckten Pilgerort wie Santiago de Compostela geworden, das von Touristen überspült wird. Da sind noch immer die einfachen Holzbänke, die roten Plastikschalen zum Tee und der Schlafplatz in der stickigen Holzbaracke. Da sind noch immer die Volunteers, die die Kirche staubsaugen und die Toiletten putzen. Zelebriert werden noch immer alte Taizé-Lieder "Nadate turbe", die sich längst in den Gehörgängen vieler eingenistet haben.

Historische Zusammenkunft

Die Kontinuität im Beten, Singen und Arbeiten ist für die Kommunität ein bewusster Akt. Prior Alois Löser sagt: "In diesem von Krisen gebeutelten Europa sagen uns viele: 'Einfach schon zu wissen, dass ihr da seid und dreimal am Tag betet, ist uns eine Stütze. Das gibt auch uns Kraft.'"

Solidarität erlebten die Taizé-Brüder auch, als sie sich zur Feier von Frère Rogers zehntem Todestag am vergangenen Sonntag zu einer Gebetsfeier in der Versöhnungskirche versammelten. Erstmals in der Geschichte der 75-jährigen Kommunität waren alle Brüder aus den Fraternitäten nach Taizé gekommen. Unter ihnen waren über 100 Vertreter von christlichen Religionen und anderen Konfessionen. Anschließend luden die Taizé-Brüder zu einem Fest in ihren Garten ein. Bei Redebeiträgen und leckeren Speisen trafen hochrangige kirchliche Würdenträger, Jugendliche, Dorfbewohner und Taizé-Brüder aufeinander. Roger Schutz hätte dieses Bild bestimmt gefallen.