Grundsteine

Was geschieht, wenn man in aller Unterschiedlichkeit plötzlich Gemeinsames entdeckt.

Es ist eine Woche voller Wortschätze. Gemeinsam mit 14 anderen Frauen verbringe ich sie am Meer. In Schreibexerzitien auf Norderney. Zwischen Ebbe und Flut: Zeit zum Teilen von Lebens- und Liebesgeschichten, Strandgut und Schreibgut, Angeschwemmtem und Aufgeschriebenem.

Schreibend kommen wir unserer eigenen Seele auf die Spur. Und immer wieder begegnen wir dabei auch Gott. Jede auf ihre ganz eigene Schreibweise. Denn wir 15 Frauen sind sehr unterschiedlich. Unterschiedlich lebenserfahren, unterschiedlich schreiberfahren. Unsere Biographien sind nicht die gleichen, manche unserer Lebensgeschichten ähneln sich nicht mal. Wir kommen aus allen Teilen Deutschlands. Man hört das daran, wie wir unsere Worte betonen, und ob wir Semmeln bestellen oder Schrippen. Wir kommen aus allen Kirchen Deutschlands. Evangelisch, katholisch, freikirchlich und orthodox. Man hört das daran, wie wir über Jesus sprechen und über den Heiligen Geist, welche Lieder uns vertraut sind und in welche wir uns erst einhören müssen.

Wir sind 15 Frauen. Begrenzt in Raum und Zeit. (Wir befinden uns auf einer Insel und die Fähren fahren tideabhängig!) Unsere Fragen, Wünsche, Bedürfnisse sind verschieden. Trotzdem eine Woche lang Leben miteinander zu teilen, kann daher herausfordernd sein. Potential für Streit, Missverständnisse und Zerwürfnisse gäbe es sicherlich viel.

Und doch – in aller Unterschiedlichkeit–  verstehen wir uns, sind uns seltsam nah, achten aufeinander, achten einander. Denn da ist etwas, das verbindet. Mehr noch, als Lebens-und Liebesgeschichten, Alter oder Wohnort. Ein roter Faden, der sich durch die Woche schlängelt und irgendwie auch durch unser aller Leben.

Jeden Tag beginnen wir gemeinsam im Raum der Stille, der in früherer Zeit einmal ein Kreißsaal war. Hier wurde geschrien, geweint und geboren. Hier kam Leben zur Welt und hier wurden Grundsteine für Lebensgeschichten gelegt. Viele, viele Male.

Wir beginnen an diesem Ort mit der vertrauten Formel: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Manche begleiten die Worte mit einem Kreuzzeichen. Damit legen auch wir einen Grundstein. Wir setzen unsere Füße darauf. In der Hoffnung, diesen Tag, diese Nacht, dieses Leben, nicht allein bestreiten zu müssen. In der Hoffnung, dass nicht alles allein in unserem Namen geschehen möge. Sondern in dem, eines anderen. Wir tun das jeden Tag gleich. Teilen diesen Grundstein, diesen Wortschatz. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Morgens und abends. Dazwischen ist jede frei, wie sie den Tag gestaltet, ob sie lieber schreibt oder spazieren geht, ob sie vorliest, was entstanden ist oder es für sich behält. Aber morgens und abends, da sind wir zusammen. Wir 15. So unterschiedlich, und doch so gleich. Wir gründen uns in etwas Gemeinsamem, das trägt. Über Woche und Meer hinaus.