Die "Amokfahrt"-Berichterstattung

... war am Ende gar nicht so übel. Die deutschen Medien lernen aus Erfahrungen. Bloß die Lehre, dass nicht jeder jedes Stöckchen überspringen muss, gerät immer wieder in Vergessenheit.

Unfälle und Anschläge geschehen wie Naturkatastrophen niemals zu richtigen Zeitpunkten, auch deshalb heißen sie so. Das gilt auch für den mörderischen Vorfall am Samstag in Münster, für den sich im Lauf der Berichterstattung der Begriff "Amokfahrt" eingependelt hat.

Medien Vorwürfe zu machen, dass sie unangemessen über so etwas berichtet haben, ist leicht – und oft auch leicht schal. Unfälle, Anschläge und Katastrophen kommen eben zu falschen Zeitpunkten. Das Erste Programm der ARD etwa wurde von der Amokfahrt während seiner Frauenfußball-Länderspiel-Übertragung erwischt; zwischenzeitlich kündigte es auf verschiedenen Kanälen, darunter der Twitter-Account des umtriebigen Programmdirektors, eine "Brennpunkt"-Sondersendung am Abend an (siehe "taz"). Die lief dann doch nicht, der angekündigte Krimi begann zur angekündigten Zeit. Wäre es zynisch zu schreiben, dass es immerhin ein "Alpenkrimi" und kein Münster-Krimi war? Als Schauplatz einer jeweils humorigen ZDF-Samstags- und ARD-Sonntagskrimireihe ist Münster ja Fernsehkrimi-Hochburg. Jedenfalls wäre der "Brennpunkt" vermutlich dann ausgestrahlt worden, wenn der Vorfall sich als terroristischer Anschlag erwiesen hätte.

Heutzutage müssen viele Medien in Echtzeit reagieren, außer aktuellen Onlinemedien auch Radio und Fernsehen: indem sie Eilmeldungen einblenden und Sondersendungen programmieren oder nicht (wenn ihnen das Ereignis zu irrelevant dafür erscheint) oder Mittelwege wählen. Die ARD setzte zu Beginn der "Sportschau" ihre längliche Länderspiel-Nachbereitung fort und informierte zugleich in einem "Tagesschau"-blauem Rahmen ums Bildfenster herum knapp über das, was sie zu dem Zeitpunkt über den Münsteraner Vorfall wusste. Wie genau Medien am richtigsten gehandelt hätten, lässt sich immer am besten hinterher sagen. "Alles, was n-tv und Welt nicht so genau wissen", protokollierte etwa Boris Rosenkranz bei uebermedien.de. Da hat er recht, bloß liegt ein wesentlicher Teil dieses Problems darin, dass die privaten Nachrichtensender allenfalls tagsüber an Werktagen tatsächlich Nachrichtensender sind, jedoch mit kleinem Budget und viel kleinerem Korrespondentennetz als die öffentlich-rechtlichen Sender (die aus Wettbewerbsgründen aber keinen eigenständigen Nachrichtensender einrichten dürfen, der diesen Namen verdienen würde). Und mit der Umbenennung auf den klangvollen Namen "Welt" – nach der Springer-Tageszeitung, zu der es inzwischen gehört – hat N 24 sich auch keinen Gefallen getan.

Ethnische Herkunft deutlich benannt

Ein Kommentar in der Deutschlandfunk-Sendung "@mediasres" kritisierte an der Berichterstattung über Münster noch etwas anderes:

"Nicht nur gegenüber den Opfern und Angehörigen fehlte in vielen Tweets und Berichten der Respekt. Es wurde viel zu viel spekuliert darüber, welcher Nationalität, welcher Religion der Täter denn nun angehörte. Noch am Sonntag wurde diesem Aspekt etwa bei n-tv eine deutlich zu große Wichtigkeit eingeräumt",

Das kann man aus presseethischer Sicht natürlich sagen. Der Deutsche Presserat fordert ja (wie in dieser Medienkolumne schon mal Thema war):

"... Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse."

Solche Kritik ist in diesem Fall jedoch überhaupt nicht verdient, würde ich (wie schon kurz im Altpapier) sagen. Hätten die diensthabenden Redakteure abwarten und zusehen sollen, wie der wie gewohnt vieldiskutierte Tweet Beatrix von Storchs weiter seine Kreise zieht? Die AfD-Politikerin, der man einiges vorwerfen kann, aber nicht, dass sie die sogenannten sozialen Medien nicht für ihre Zwecke zu nützen verstünde, hatte einfach nur "Wir schaffen das" in Großbuchstaben mit einem Emoji getwittert. Das heißt, dass alles, was immer wer auch immer sich dazu dachte, in den jeweiligen Köpfen stattfand – so, wie gutgemachte Werbung das auch anstrebt.

Dass es den von von Storch intendierten Zusammenhang des Münsteraner Vorfalls mit der deutschen Flüchtlingspolitik nicht gab, wurde genau dann deutlich, als praktisch alle Medien die ethnische Herkunft des Täters als "deutsch ohne Migrationshintergrund" benannten. Das wurde mit der Quelle "nach Informationen von NDR, WDR und 'Süddeutscher Zeitung'" vermeldet und geschah wohl erstmals so umfassend in dieser Deutlichkeit. Falls es ein Täter mit Migrationshintergrund gewesen wäre, hätte diese Information wegzulassen anderen geholfen als denen, die "Lügen-" oder "Lückenpresse" fürs Weglassen oder Falsch-Gewichten von Informationen kritisieren?

Aktuell werden Nachrichten als mindestens unvollständig empfunden, wenn Medien die ethnische Herkunft der Täter oder Verdächtigen ausblenden. Schon weil Informationen über die Herkunft ohnehin zirkulieren, die falsch oder halbfalsch sein können, ist es geradezu die Pflicht von Medien, alle aktuell richtigen Informationen (die natürlich zeitweise darin bestehen können, dass noch nicht genug bekannt ist) zu verbreiten.

Beim nächsten Vorfall, der ein Anschlag sein könnte – und hoffentlich in weiter Ferne liegt – werden wesentlich mehr Journalisten, Mediennutzer und Kommentatoren in mehr unterschiedliche Richtungen denken und nicht von vornherein islamistische Kontexte für wahrscheinlich halten. Das ist sozusagen das Positive.

Das Schättchen jedes neuen Stöckchens

Ist es den Angehörigen "egal, welche Religion der Täter hat", wie dann noch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet vor Kameras (u.a. des Ex-N24-Senders Welt) sagte? Eine weitere schwierige Frage, die eigentlich die Angehörigen beantworten müssten und die gar nicht unbedingt gestellt zu werden bräuchte. Das Laschet-Zitat gehört zu den vielfältigen Reaktionen auf den von-Storch-Tweet. Die AfD-Frau bekam wieder gründlich Bescheid gestoßen. "Die Armseligkeit der Storch-Tweets", lautete die erste Überschrift bei Spiegel Online. Der Generalsekretär der CSU – die manche Kritiker ja nicht für die aller AfD-fernste Partei halten, die aber ihren nächsten Wahlkampf vor allem gegen die AfD führt – forderte, von Storch solle, wenn sie "auch nur einen Funken Anstand und Verstand hat, ... ihr Mandat im deutschen Bundestag zurückgeben". Ob es hilft, wenn alle noch mal in eigenen Worten ihre Kritik formulieren, wozu sie (bzw. die Medien, die es dann melden) ja erst noch mal den Kontext skizzieren müssen, am einfachsten, indem sie den Original-Tweet einbinden, ist eine andere schwierige Frage.

Viele vergessen, dass es inzwischen allen Parteien – außer vielleicht der CSU in Bayern – weniger darauf ankommt, eine Mehrheit zu überzeugen, als in ihren potenziellen Zielgruppen mehr Anhänger zu gewinnen. Da helfen viele Reaktionen der jeweiligen Gegenseite, die wiederum zu Solidarisierungen führen. Nicht über jedes Stöckchen zu springen, ist besonders in der Formulierung "nicht über jedes Stöckchen der AfD" eine Phrase, die immer und immer wieder als zu ziehende Lehre formuliert wird. Doch sobald ein neues Stöckchen sein Schättchen zu werfen beginnt, wird sie vergessen. Im Vergleich war die Berichterstattung der Medien über die Amokfahrt in Münster gar nicht übel.

Allein dass Medien relativ angemessen berichten, macht Unfälle, Anschläge, Naturkatastrophen und andere Vorfälle natürlich keinen Deut weniger schlimm für die Opfer und alle anderen Betroffenen.