Fetter Santa?

Foto zeigt eine Weihnachtsmannfigur, weißer Bart

Foto: Rainer Hörmann

Der Körper ist eine ziemlich sichtbare Tatsache. Und deshalb wird er zunehmend dem Diktat der Leistung unterworfen. Wir betreiben gern öffentliches „Bodyshaming“, um andere abzuwerten.

Da kommt er wieder, der dicke "HoHoHo"-Mann, auch nicht mehr der Jüngste, unvorteilhaft die Wampe in eine rote Jacke gezwängt und mit breitem Gürtel eingeschnürt, Gemütlichkeit vortäuschend. Der weiße Bart lässt sein Gesicht noch breiter erscheinen und taugt nicht mal entfernt dazu, in ihm einen stylishen Hipster zu sehen. Er bringt Geschenke und Süßigkeiten im Stiefel mit, damit man sich überhaupt mit ihm abgibt.

In der Schwulenszene - wenn es nicht gerade die Nische der Bären-Community ist - hätten Santa-Claus-Typen wenig Chancen. Jedenfalls legt das eine amerikanische Studie nahe, die vom Online-Magazin "Ze.tt" aufgegriffen und mit der griffigen Überschrift "Warum Schwule die krassesten Bodyshamer sind" versehen wurde. Der Studie ging es nicht nur um die Zurückweisung, die Männer durch einen potenziellen Partner aufgrund ihres Gewichtes erfahren, sondern auch darum, dass die Furcht vor einer solchen Zurückweisung schwule Männer an sich, ihre Körperwahrnehmung und ihr Verhalten, beeinflusst - und zwar auch jene, die nicht als übergewichtig gelten.

Schwule Magazine sind - wie Magazine an sich - voll mit schönen, wohlgeformten Six-Pack-Menschen. Doch mit der Freude über die genormte und normierende Schönheit in Medien ist es nicht getan, wir fordern diese auch in unserem Leben. Interessanterweise völlig unabhängig davon, ob wir ihr selbst genügen würden. "Keine Tunten und Transen", "Keine Fetten und Femininen" ... Bevor auch nur ein Blick oder gar ein Wort ausgetauscht sind, ist immer schon klar, was nicht geht. Und im unsozialen Zeitalter der Dating-Apps sind Typen, die zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu viel, zu wenig behaart sind, sowieso schon von vornherein herausgefiltert und geblockt.

Ich würde gerne sagen, dass ich über solche Äußerlichkeiten erhaben bin. Dass bei mir nur die inneren Werte eines Menschen zählen. Dass ich mich und meinen Körper nicht von anderen qualifizieren oder gar abqualifizieren lasse. Dass ich mich ganz und gar annehme, wie ich körperlich bin. Der jüngste Besuch in einer Therme ging jedenfalls nicht ohne vorherige schamvolle Blicke in den Spiegel - ganz zu schweigen vom Entschluss einige Tage später, nicht an einem Zigarrenabend in einer schwulen Kneipe teilzunehmen, weil ich mich äußerlich/körperlich als nicht, nennen wir es mal, "kompatibel" empfand. Etwas, worüber ich in einem anderen Rahmen möglicherweise nicht nachgedacht hätte. Da hätte ich wahrscheinlich nicht im Hinterkopf gehabt, dass ein wenig Flirten unter Seinesgleichen eine schöne Sache ist. Wie gesagt, ich wäre gern über all solche Äußerlichkeiten erhaben. Und ich wäre gern so souverän, dass ich nicht vorab darüber nachdenke, was andere über mich und meinen Körper denken könnten.

Warum fügen uns andere, warum fügen wir uns selbst diese Abwertungen zu? Warum lassen wir überhaupt solche Abwertungen, dieses Richten über unseren Körper zu? Warum lassen wir andere diese Abwertungen spüren? Weil in einer vom Effizienz- und Leistungsgedanken geprägten Gesellschaft Körperdisziplin und Körperarbeit als Nachweis verlangt werden, dass man dazugehört, dass man dazu gehören will? Weil wir in einer von Konkurrenz geprägten Gesellschaft leben, die den Körper und eine verallgemeinerte Norm als Mittel der Ausgrenzung benutzt? Wurden Menschen nicht immer schon wegen ihres Körpers belächelt, diskriminiert? Der modische Begriff "Bodyshaming" - also das (öffentliche) Beschämen eines Menschen durch Kritik/Herabsetzung an dessen Körper - zeigt zumindest, dass unser Aussehen immer noch und wieder neu ein Thema ist.

Psalm 139,14 hört sich gut an: "Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele."

Trotzdem spiele ich mit dem Gedanken, nun doch ins Fitnessstudio zu gehen. Sicher ist sicher - und wenn die Lederhose erst wieder passt, dann fällt es ja auch gleich leichter, sich an dem Psalm zu erfreuen und daran zu denken, dass es eine Gnade ist, von Gott angenommen zu sein, als der, der man ist.

Vielleicht ist das vor uns liegende Weihnachtsfest eine gute Zeit, über den Körper nachzudenken. Nicht, um reflexartig mit der Entsagung zuckriger Süßigkeiten zu reagieren, sondern um sich in Erinnerung zu rufen, dass Gott in Jesus einen Leib bekommt. Jene Leiblichkeit, die jede und jeder selbst kennt und spürt, die Grundbedingung unseres In-der-Welt-Seins ist. Eine Leiblichkeit, die mit unserer Seele, unserem Glauben verflochten ist. Eine Leiblichkeit, die es doch eigentlich wertzuschätzen gilt - durch uns selbst und durch andere - und die uns zugleich so verletzlich macht.