Solidarität statt Ausgrenzung

Zum Start der Kampagne zum Welt-Aids-Tag 2017 halten engagierte Menschen Plakate hoch, die zu Solidarität aufrufen

Foto (Detail): Sandra Kühnapfel / Pressefoto

Im Vorfeld des Welt-Aids-Tages wird für ein solidarisches Miteinander von Menschen mit und ohne HIV geworben. Eine Botschaft, die auch angesichts neuer Medikamente aktuell ist.

Ende Oktober wurde die diesjährige Informationskampagne zum Welt-Aids-Tag gestartet (Foto). Die Kampagne hat sich zum Ziel gesetzt, gegen Ausgrenzung und Ängste mehrere Geschichten des gelingenden Zusammenlebens von Menschen mit und ohne HIV zu setzen, so wie etwa die der 47-jährigen, aus Uganda stammenden Christin Lilian oder des 32-jährigen Henning aus Berlin. Gezeigt werden soll ein selbstbewusster Umgang mit der HIV-Infektion in einem solidarischen Umfeld. Für viele Betroffene, so ein nachdenklich stimmendes Fazit auf der Internetseite der Kampagne, wiege "Zurückweisung und Ausgrenzung aufgrund einer HIV-Infektion sowie die Angst davor angesichts einer verbesserten medizinischen Versorgungslage heute meist schwerer als die gesundheitlichen Folgen der Infektion".

Im Laufe des Novembers werden neue Zahlen zur Situation bekanntgegeben werden. Nach derzeitigem Stand lebten Ende 2015 in Deutschland rund 85.000 Menschen mit HIV. Davon erhalten weit über 80 Prozent HIV-Medikamente, so dass bei 93 Prozent von ihnen keine Infektion mehr nachweisbar ist. Männer, die Sex mit anderen Männern haben, sind mit 54.100 nach wie vor die größte Gruppe der HIV Betroffenen. Die Zahl der Todesfälle wird vom Robert-Koch-Institut für 2015 auf 460 Menschen geschätzt.

Während etwa zwei Drittel trotz Infektion und mit wirksamer Therapie weiterhin erwerbstätig sind, sind in der Gruppe derer, die mit Begleiterkrankungen zu kämpfen haben, Frauen (davon die Hälfte alleinerziehende Mütter) und Migrantinnen und Migranten besonders von Armut bedroht.

Für die wirksame Therapie einer HIV-Infektion ist es wichtig, möglichst früh mit der Behandlung zu beginnen. Dennoch erfahren rund 1.200 Menschen jedes Jahr erst von ihrer HIV-Infektion, wenn sie bereits das Vollbild der Erkrankung beziehungsweise einen schweren Immundefekt haben.

Noch besser ist es freilich, sich gar nicht erst zu infizieren. In der Debatte um Prävention wird verstärkt PrEP - die Präexpositionsprophylaxe - debattiert. Gemeint ist das Medikament Truvada, das die Vermehrung von HIV-Zellen im Körper verhindert. Erst seit Kurzem ist in Deutschland ein kostengünstiges Nachahmerprodukt zugelassen und in ausgewählten Apotheken in einigen Großstädten erhältlich. Um es zu erhalten, ist ein Privatrezept nötig, die Kosten werden nicht von den Krankenkassen übernommen. Für einen dauerhaften Schutz muss täglich eine Tablette geschluckt werden. Regelmäßige Arztbesuche und HIV-Tests bleiben erforderlich!

In (schwulen) Medien wurde und wird - teils heftig - über diese Form der Prävention gestritten. Das Hauptargument ist dabei, dass mit PrEP der Verzicht aufs Kondom propagiert würde und es zum Anstieg von Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Tripper oder Chlamydien komme, gegen die die Tablette keinen Schutz bietet. Tatsächlich hat Holger Wicht von der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) schon im letzten Jahr im "Tagesspiegel" darauf hingewiesen, dass Truvada kein Wundermittel, sondern allenfalls ein Baustein unter vielen in der Prävention sei.

In London sank - laut eines Artikels des "Guardian" / dt. Bericht im "Magazin HIV" - die Infektionsrate unter schwulen und bisexuellen Männern zuletzt um 25 Prozent. Der Rückgang wird auch auf die Ausgabe von PrEP-Medikamenten zurückgeführt, allerdings im Verbund mit allen anderen Angeboten der Prävention, um eine Übertragung von HIV zu unterbinden: Kondome, HIV-Test, frühe medikamentöse Therapie, wodurch Betroffene das Virus nicht mehr übertragen.

Es ist erstaunlich, wie schwer man sich in Deutschland mit schnellen, pragmatischen Möglichkeiten der Prävention tut. Mitunter scheint es, als müsse einer neuen Welle des Hedonismus vorgebeugt werden, einer neuen Sorglosigkeit. Da wird HIV-Prävention gern mit Belehrung über den richtigen Lebenswandel verwechselt nach dem Motto: Besser kein zur Verfügung stehendes Medikament anbieten, dann benehmen sich die Leute. Das Gegenargument der Deutschen Aids-Hilfe: "Was Menschen vor einer HIV-Infektion bewahren kann, muss auch zum Einsatz kommen." Und das mit sachkundiger, ärztlicher Beratung und nicht auf Schleichwegen auf dem grauen Markt.

Für das "gute, alte" Kondom spricht übrigens, dass es nach wie vor schneller und preiswerter verfügbar ist und außer vor einer HIV-Infektion auch vor weiteren Geschlechtskrankheiten schützen kann.

Es sind, paradoxerweise, gerade die Erfolge in der medikamentösen Therapie, die aus HIV eine chronische Erkrankung gemacht haben, die der Einzelne selbst managen kann. Das macht die Arbeit von Aidshilfen und Beratungsstellen noch lange nicht überflüssig. Denn wie die eingangs zitierten Aussagen der Kampagne zum Welt-Aids-Tag zeigen, ist die Diskriminierung ebenso wie die Furcht vor Diskriminierung immer noch hoch. Allgemein wie auch in der homosexuellen Community. In der Solidarität mit Betroffenen trifft sich ihre im Umgang mit der Epidemie erworbene Stärke mit dem christlichen Ideal der Nächstenliebe. Dabei kommen für mich die Erinnerung an die Toten und die Kämpfe der Vergangenheit, selbstbewusstes und verantwortungsvolles Handeln in der Gegenwart und die Aussicht auf eine bessere Zukunft zusammen. Ich könnte auch sagen: Trauer, Trost und Dankbarkeit - ein Dreiklang, den es unverändert zu bewahren gilt.  

Info: Zum Welt-Aids-Tag 2017 gibt es bundesweit Gottesdienste. Eine Auswahl: Berlin: 30. November, 19 Uhr, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche | Bielefeld: 1. Dezember, 19 Uhr, Süsterkirche | Bremen: 1. Dezember, 19 Uhr, Friedensgemeinde (Kirche) | Lübeck: 1. Dezember, 18 Uhr, St. Marienkirche | Würzburg: 1. Dezember, 18 Uhr, Franziskanerkirche