10 Gründe gegen ein Adoptionsrecht für Homosexuelle? Eine Replik

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Foto: Matthias Albrecht

Bald können Homosexuelle in Deutschland nicht nur heiraten, sie besitzen auch das volle Adoptionsrecht. Während sich eine große Mehrheit darüber freut, hetzen andere weiter. Christel Vonholdt etwa formuliert zehn Gründe gegen ein Adoptionsrecht für Lesben und Schwule. Dabei offenbart die Medizinerin vor allem eines, ihr zutiefst anti-homosexuelles Menschen- und Weltbild.

Laut Selbstbeschreibung forscht und informiert das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) "über zukunftsfähige Lebensgrundlagen und nachhaltige Entwicklungsarbeit in den Bereichen Lebenskultur, Ehe und Familie, Identität, Sexualität, Homosexualität, Menschenrechte, Diakonat". Von Wissenschaftlichkeit und dem Gedanken, Familien in ihrer Vielfalt ernstlich zu fördern, fehlt auf der Homepage des Institutes jedoch in den weitesten Teilen jede Spur. Stattdessen finden sich zahlreiche Texte, die nicht heteronormative Lebensweisen wie etwa Regenbogen-Familien mit pseudowissenschaftlicher Argumentation zu diskreditieren versuchen. Viele dieser Schriften stammen aus der Feder der Ärztin und früheren Leiterin des DIJG Christel Vonholdt.

Das DIJG ist ein Studienzentrum der Offensive Junger Christen e.V.. Dieser Verein wiederum ist eine ökumenische Kommunität in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und im Fachverband im Diakonischen Werk der EKD. Aufgrund dieser Zugehörigkeit ist es notwendig, die Aktivitäten sowie Publikationen des DIJG einer kritischen Lektüre zu unterziehen und die Frage zu stellen, ob die dort vertretenen Positionen mit dem Evangelium beziehungsweise den Grundsätzen der Evangelischen in Kirche Deutschland (EKD) sowie des Diakonischen Werks der EKD vereinbar sind. Dazu greife ich im Folgenden einige der zentralen Thesen aus Vonholdts Text Das Recht des Kindes auf Vater und Mutter. Zehn Gründe gegen ein Adoptionsrecht für homosexuell lebende Paare auf. Meine Fragen dabei sind: Welches Menschenbild drückt sich in diesen Thesen aus? Und wieviel Substanz hat die Argumentation?

In These neun erklärt Vonholdt: "Für das Mädchen ist der Vater das wichtigste Rollenvorbild dafür, was es selbst einmal von einem Mann erwarten kann". Das ist eine krasse Überschätzung und auch Überhöhung der Funktion der Elternfiguren für die psychische und soziale Entwicklung des Kindes. Zweifelsohne sind Eltern als die primären Bezugspersonen in vielerlei Hinsicht prägend für ihren Nachwuchs. Was allerdings die Entwicklung von seelischen Dispositionen bezüglich der Geschlechtlichkeit angeht, spielt der Einfluss der Gesellschaft eine viel stärkere Rolle. Ich illustriere dies an einem Beispiel: Stellen wir uns vor, in einer Familie ginge die Mutter einer Berufstätigkeit nach und würde allein für das Einkommen sorgen. Die Pflege der Kinder sowie den größten Teil der Hausarbeit übernähme der Vater. Nach Vonholdts Theorie müsste der Nachwuchs die väterliche, also männliche Rolle, mit Hausarbeit, Fürsorge und Kindererziehung assoziieren. Doch eben dies passiert nicht. Weil die Kinder sich in ihrem sozialen Umfeld sehr bald gewahr würden, dass der Vater eine Ausnahme darstellt und Hausarbeit, Fürsorge und Kindererziehung weiblich konnotiert sind.

Familie ist nur ein Ort, an dem Kinder Geschlechtsrollen internalisieren, ausprobieren und bestenfalls auch kritisieren. Geschlecht durchdringt aber als primäres Ordnungsprinzip alle Bereiche der Gesellschaft. Geschlecht und eben auch Geschlechtsstereotype werden in der Schule geprägt, wenn der Lehrer Mädchen und Jungen segregiert, Geschlecht wird im Spielzeuggeschäft geprägt, wenn auf der Verpackung für die Puppenküche nur Mädchen und auf der Verpackung für die kleine Werkbank nur Jungen abgebildet sind, Geschlecht wird durch das Fernsehen geprägt, das hilfsbedürftige Prinzessinnen und starke Helden zeigt.

Wenn Frau Vonholdt schreibt, der Vater sei das wichtigste Rollenvorbild, dann impliziert das auch die Frage, welches Rollenvorbild sie meint. Ein Vorbild welcher Rolle? Der des Mannes? Aber wer ist der Mann? Scheinbar gibt es für die Medizinerin nur eine Männlichkeit, eine Form Mann zu sein, eine Form Frau zu sein, ein Rollenarrangement, wie Frauen und Männer sind und sich in der Interaktion zu verhalten haben. Das aber ist eine unhaltbare Simplifizierung menschlichen Lebens.

Dass sie dieser Theorie jedoch anzuhängen scheint, offenbart Vonholdt auch in ihrer achten These, dort heißt es: "Für die lesbisch lebende Frau ist es kennzeichnend, dass sie den Mann und das Männliche in der Nähebeziehung nicht haben will oder haben kann. Dies wird sich erschwerend und hemmend auf die männliche Identitätsentwicklung von Jungen auswirken." Hier wird zunächst mit einer absoluten Stereotypisierung gearbeitet. Vonholdt behauptet, es gäbe die lesbisch lebende Frau, demnach glichen sich alle lesbischen Frauen in ihren Kennzeichen, also Einstellungen, Begehrensweisen, Interessen usw. und diese lesbisch lebende Frau, die will den Mann und das Männliche nicht in der "Nähebeziehung" haben. Es klingt so, als wolle die Medizinerin sagen, alle lesbischen Frauen hassten Männer und dieser Hass, würde die Identitätsentwicklung ihres männlichen Nachwuchses negativ beeinflussen. Was viele lesbische Frauen - und nicht nur diese - in der Tat ablehnen ist das Patriarchat, die Herrschaft heterosexueller Männer über Frauen und Homosexuelle. Denn von dieser Form der Herrschaft werden sie unterdrückt, marginalisiert und diskriminiert und das in doppelter Weise - als Frauen und als Homosexuelle. Und es ist zu hoffen, dass nicht nur lesbische Frauen die Nähe zu Männern, die diese Form der Männlichkeit leben, meiden und ihren Söhnen diese nicht als Rollenvorbild anempfehlen. Das sollte vielmehr eine Selbstverständlichkeit in der Erziehung jeden Kindes sein, egal wo es aufwächst.

Es ist auffällig, dass Vonholdt in keiner ihrer Thesen näher bestimmt, was denn nun den Mann respektive die Frau in ihrer jeweils spezifischen geschlechtlichen Rolle ausmacht. Die Ärztin postuliert einfach einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern, den sie aber unbestimmt lässt, was sie nicht daran hindert, diesen zu einer unerlässlichen Entwicklungsvoraussetzung für Kinder zu erheben. Der Nachwuchs brauche Mutter und Vater, deren Verschiedenheit, die elterliche verschiedengeschlechtliche Spannung sei unerlässlich für eine positive Entwicklung, postuliert Vonholt in der dritten und vierten These. Doch darin klingt eine Überhöhung der geschlechtlichen Differenz, quasi eine Kosmologie der Geschlechter an. Gerade so als würde sich das gesamte Spektrum der menschlichen Diversität wesentlich und zentral in der Einheit der Pole aus Frau und Mann, aus Vater und Mutter widerspiegelnm, so wie Yin und Yang. Oder wie die Theorie der Geschlechtscharaktere aus dem 19. Jahrhundert, die der Frau etwa das Emotionale und dem Mann das Rationale, der Frau das Häusliche und dem Mann das Öffentliche, der Frau die Sanftheit und dem Mann die Härte normativ zuschreibt. Nur vor solchen Folien lassen sich gleichgeschlechtliche Elternschaften skandalisieren, weil den Kindern dieser Logik zufolge Fundamentales fehlen würde. Doch es handelt sich dabei um eine tiefgreifende Verkennung menschlicher, ja vielmehr schöpferischer Vielfalt. Jeder Mensch hat einen unterschiedlichen Charakter, eine individuelle Art sein Geschlecht zu leben, unverwechselbare Leidenschaften, Wesenszüge usw. Und es gibt nicht den Mann, die Frau, die Lesbe und auch nicht den Vater, die Mutter.

Es kommt nicht darauf an, wer die Eltern der Kinder sind, sondern was für Eltern sie sind. Dass sie ihren Kindern Liebe, als das Wichtigste und Elementarste überhaupt geben. Dass sie sie respektieren und sie Respekt vor Gott und den Menschen lehren. Es stünde Frau Vonholdt gut an, statt sich hinter pseudowissenschaftlichen Studien, Allgemeinplätzen, Leerstellen, Mutmaßungen und abstrusesten Argumentationen zu verstecken, einmal in die Familien zu gehen, wo Kinder und gleichgeschlechtliche Eltern leben, mit ihnen eine Zeit zu leben, zu sehen, wie die Beziehungen dort gelebt werden und die Augen für das offen zu haben, was da ist.

Doch - und das ist bitter - darum geht es Frau Vonholdt, dem DIJG und vielen anderen scheinbar gar nicht. Sie wollen lieber eine tote Form, die der heteronormativen (nicht der heterosexuellen!) Kleinfamilie, so wie diese als Ideal in ihren Köpfen verankert ist, verteidigen. Sie wollen ordnen, klassifizieren und kategorisieren, was nicht überschaubar zu machen ist und was uns als Menschen auch nicht zusteht. Ein Baukasten, in dem es die Schablone für den Mann und die Frau gibt, mag Sicherheit in einer unsicheren Welt bieten. Doch diese Form der Sicherheit ist eine Illusion. Eine Illusion, die dazu noch blind macht für Gottes Schöpfung, die in ihrer Vielfalt unergründlich, unermeßlich und bis zum Bersten überbordend ist und bleibt.

Ich wünsche Frau Vonholdt, dem DIJG und vielen Anderen aufrichtig, dass es ihnen gelingt, ihre Herzen zu öffnen. Dass sie beginnen, Familien, Kinder, Mütter, Väter dort zusehen, wo sie es bislang noch nicht begreifen. Vielleicht kann dann ihr Brennen für Familie, für die Zukunft der Schöpfung und ihren Erhalt zu einem wahren Segen werden.