Der Kampf ist noch lange nicht vorbei

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Foto: Matthias Albrecht

Die Ehe für alle ist beschlossen, doch der Kampf für die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen und Bisexuellen ist noch lange nicht vorbei. Besonders drastisch wird dies an einem jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erschienenen Kommentar deutlich.

"Der Kampf in der Gesellschaft ist lange nicht vorbei", formulierte Dietmar Bartsch (DIE LINKE.) während der Bundestagsdebatte um die Ehe für alle. Außerdem forderte er die Parlamentarier_innen auf: "Also lassen Sie uns den Kampf auch nach der Entscheidung heute fortführen". Diese Sätze gehören für mich zu den wichtigsten, die am vergangenen Freitag im Deutschen Bundestag gesprochen wurden.

Lesben und Schwule erhalten Zugang zur staatlichen Institution Ehe, das ist ein historischer Sieg. Ein Sieg zuallererst auf einer symbolischen Ebene, also auf jener Ebene, auf der verhandelt und entschieden wird, welchen Wert ein Mensch oder eine Sache in unserer Gesellschaft hat. Im Bundestag ist in der vergangenen Woche ein symbolischer Kampf ausgetragen worden. Viele Unionsabgeordnete versuchten den vermeintlichen Mehrwert heterosexueller Beziehungen unter allen Umständen zu verteidigen. Dabei konnten die Verfechter_innen keinerlei substantielle Argumente mehr vorbringen. Das wurde im persönlichen Statement der Bundeskanzlerin besonders deutlich. Sie stimmte gegen die Ehe-Öffnung. Anschließend erklärte Merkel, sie wäre dafür, homosexuellen Paaren ein Adoptionsrecht einzuräumen, aber eine Ehe sei für sie weiter die Verbindung aus Frau und Mann. Wie frappierend! Die Bundeskanzlerin will alle Unterschiede zwischen Ehe und Eingetragener Lebenspartnerschaft beseitigen, nur der Name soll die Institutionen und damit die Menschen weiter trennen. Wer darf sich wie nennen? Wer ist auf Grund des Namens mehr oder weniger wert? Und wer darf darüber entscheiden, was mehr und was weniger gilt? Wer beherrscht und wer wird beherrscht? Darum geht es bei der Frage der Gleichstellung Bi- und Homosexueller auf allen gesellschaftlichen Ebenen im Kern. Und dieser Kampf ist, wie auch Bartsch richtig erkennt, noch lange nicht vorbei.

Erst wenn die Frage, einen Menschen welchen Geschlechts ein Mensch liebt, keine Frage mehr ist, erst wenn daraus keine Zuschreibungen mehr resultieren, erst dann ist der symbolische Kampf und damit der Kampf gegen jede Form von Gewalt - worin ich Diskriminierung einschließe - gegen Bi- und Homosexuelle gewonnen. Ob dies vor dem Ende aller Zeiten erreichbar ist, soll hier nicht diskutiert werden. Aber auch eine Annäherung an jenen Zustand liegt heute in weiter Ferne.

Ein gleichermaßen alarmierendes, wie abscheuliches Beispiel, welche antibi- und anti-homosexuellen Diffamierungen nach wie vor öffentlich geäußert werden, liefert die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Dort deutet ein Kommentator in der Printausgabe vom letzten Freitag unverhohlen an, "dass adoptierte Kinder [bei homosexuellen Paaren] ungleich stärker der Gefahr sexuellen Missbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei Homosexuellen besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe". Diese Sätze sind nur der Höhepunkt einer Aneinanderreihung von Verleugnungen, Zuschreibungen und Diskriminierungen des Artikels. Der eigentliche Skandal an diesen Worten ist nicht, dass jemand so wie der Autor denkt. Es wird wahrscheinlich immer Menschen mit fundamentalistischen, fanatischen oder faschistischen Überzeugungen geben. Nein, der eigentliche Skandal ist, dass die FAZ, eine Zeitung, die sich in der Mitte der Gesellschaft verortet, einen solchen Text abdruckt. Und da nützt es auch rein gar nichts, dass sich die Zeitung nachträglich von dem Kommentar zu distanzieren versucht, gerade so als wäre er rein zufällig in die Printausgabe "gerutscht". Wie glaubwürdig ist das bei einer Tageszeitung, die sich selbst zu den Qualitätszeitungen zählt?

Höchst befremdlich ist auch, dass das Neue Deutschland (ND) nun der FAZ auch noch zur Seite springt. Zwar hält die sich als sozialistisch bezeichnende Tageszeitung das Argument der Gefahr des Kindesmissbrauches selbst für unhaltbar, beklagt dann aber den öffentlichen "Furor, mit dem diese Zurückweisung der totalitären Meinungsgleichschaltung das Wort redet". Ja, die Meinungsfreiheit ist eines der höchsten Güter jeder Demokratie. Gerade das Neue Deutschland, das jahrzehntelang als Sprachrohr der SED-Diktatur gedient hat, tut gut daran, dies hervorzuheben. Der Versuch, die heftigen Reaktionen auf den FAZ-Kommentar, wie etwa von Jasmin Schreiber oder Jacob Augstein und Anderen als "totalitäre Meinungsgleichschaltung" zu diffamieren, hat aber nichts mit der Verteidigung der Meinungsfreiheit zu tun, im Gegenteil. Wenn öffentlich suggeriert wird, homosexuelle Menschen seien ohne sexualethische Normen und unterlägen deshalb der Gefahr, Adoptivkinder zu missbrauchen, dann ist das ein Skandal. Und Skandale dürfen nicht nur, nein, sie müssen als solche benannt werden. Genauso wie Rassismus, Misogynie und Antisemitismus sind auch antibi- und antihomosexuelle Äußerungen und Ideologien keine Banalität, keine weitere neutral zu beurteilende Meinung innerhalb des bunten Konzertes unterschiedlichster Positionen im pluralen demokratischen Orchester. Wer Menschen jüdischen Glaubens genetische Dispositionen zur Geldgier unterstellt oder Frauen generelle emotionale Instabilität oder Homosexuellen die Abwesenheit von jeder sexualethischen Norm, tastet damit die grundgesetzlich garantierte Würde dieser Menschen an. Wer solches tut, schafft damit den Boden für Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung. Und darum müssen wir uns als Demokrat_innen auf das Unmissverständlichste gegen Äußerungen wie sie die FAZ publiziert, wehren. Wer versucht, aus dieser Gegenwehr einen Skandal zu machen, wer also die Skandalisierung des Skandals skandalisiert, der argumentiert gewollt oder ungewollt für die antibisexuelle oder antihomosexuelle Ideologie. Denn er fordert einen Freiraum, in dem Unterstellungen wie die des Kindesmissbrauchs geäußert werden dürfen, ohne dass diese legitim skandalisiert werden. Aber ein solcher "Freiraum" ist mit dem Wert der freien Meinungsäußerung nicht vereinbar. Ja, jeder Mensch hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Wer dabei allerdings Hetze verbreitet, der muss dann auch die Reaktionen wehrhafter Demokrat_innen aushalten. Daher muss im konkreten Fall auch unbedingt eine Beschwerde an den Presserat erfolgen.

In der Bundestagsdebatte haben die, die gegen die Ehe für alle argumentieren, Respekt und Akzeptanz eingefordert. In der Tat, ich muss mein Gegenüber, egal was es sagt, als Menschen mit unveräußerlichen Grundrechten respektieren, daran ist nicht zu rütteln. Antibisexuelle oder antihomosexuelle Ideologien, die muss ich allerdings nicht akzeptieren, die muss ich nur tolerieren, also aushalten. Ich habe jedes Recht dazu, die Diskussion, den Diskurs und den symbolischen Kampf zu eröffnen und dabei für die Gleichwertigkeit bi- und homosexueller Liebe und Beziehungen zu streiten! Um diese Gleichwertigkeit wird es noch viele Auseinandersetzungen geben.

Einer der wichtigsten, anstrengendsten, aber auch lohnendsten Kämpfe wird dabei der für die nachfolgenden Generationen sein. Es ist schön, dass Lesben und Schwule wenn sie 18 sind nun heiraten dürfen. Aber ich streite dafür, dass diesen Menschen bevor sie 18 werden die typischen negativen Erfahrungen, die fast jede_r heutige Bi- und Homosexuelle in der Jugend gemacht hat, erspart bleiben. Gefühle von "anders sein", von etwas, das zu einem "Coming-out" gebracht werden muss, die müssen der Vergangenheit angehören. Und dazu bedarf es wesentlicher Veränderungen in unserem Bildungs- und Erziehungssystem. Kein Kind soll mehr Heterosexualität als ideale Norm internalisieren müssen, denn genau das ist es doch, was die Entwicklung so vieler beeinträchtigt und Menschen lebenslang wider Willens quält. Die Gegenargumente sind benannt: Kinder würden verführt, zur Sexualität gezwungen und, besonders absurd, heterosexuelle Kinder sollten umerzogen werden – als würde das je gefordert! Es wird an uns sein, all dies sachlich, aber auch deutlich und in aller Schärfe zu widerlegen.

Am Freitag wurde ein wichtiger Etappensieg erreicht, bis zur Zielgeraden ist es aber noch sehr weit. Darum streiten wir, kämpfen wir und vertrauen auf Gott, der in Jesus Christus und durch seinen Heiligen Geist mit uns ist, weil für ihn jeder Mensch gleich wert ist.