Ruth und Naomi

Naomi bedrängt Ruth und Orpa in das Land der Moabiter zurueckzukehren, Gemaelde von William Blake, 1795

Foto: William Blake/Scanned by H. Churchyard/Gemeinfrei/commons.wikimedia.org

Naomi bedrängt Ruth und Orpa in das Land der Moabiter zurueckzukehren, Gemaelde von William Blake, 1795

Das biblische Buch Ruth ist aufgrund der großen Treue zwischen Naomi und ihrer Schwiegertochter Ruth bekannt geworden. Ich werde die Geschichte heute aus queerer Perspektive vorstellen und auslegen.

Das Buch Ruth gehört zu den Büchern des Alten Testaments. Die Geschichte soll sich ca. 1100 vor Christus, also noch vor der Königszeit zurzeit der Richter in Israel zugetragen haben. Ich fasse zunächst den Inhalt zusammen. Dann kommentiere ich den Text anschließend aus einer queeren, also aus einer nicht heterosexuellen Perspektive.

Zum Inhalt

Der Bauer Elimelech und seine Frau Naomi aus Bethlehem brachen mit ihren zwei Söhnen Machlon und Kiljon ins Nachbarland Moab auf, weil in ihrer Heimat Bethlehem eine Hungersnot herrschte. Der Weg nach Moab war lang und beschwerlich. Überall lauerten Gefahren. Aber sie kamen sicher in Moab an und gründeten dort eine neue Existenz. Nach einiger Zeit heiratete der eine Sohn Machlon die Moabiterin Ruth. Der andere Sohn Kiljon heiratete die Moabiterin Orpa. Ruth und Orpa wurden herzlich in die Familie aufgenommen. Nicht lange nach dem Umzug nach Moab starb Elimelech an einer schweren Krankheit. Der Sohn Machlon starb an einem Fieber. Kurz danach verunglückte auch der andere Sohn Kiljon tödlich. Die drei Frauen Naomi mit ihren Schwiegertöchtern Ruth und Orpa blieben alleine zurück. Ihre Existenz war bedroht. Denn Frauen waren ohne Männer an ihrer Seite rechtlich und ökonomisch weder abgesichert noch geschützt. Als sei nicht schon genug Unglück geschehen, brach nun auch in Moab eine Hungersnot aus. Da entschied Naomi, wieder in ihre Heimat Israel zurückzukehren.

Naomi bereitete alles vor und eines Tages brach sie auf, um den langen Weg in ihre Heimat anzutreten. Ihre Schwiegertöchter begleiteten sie bis an die Grenze zwischen Moab und Israel. Dort kam es zur entscheidenden Wegkreuzung. Sie wurde für die drei Frauen zur Lebenskreuzung. Naomi bat ihre beiden Schwiegertöchter wieder nach Moab zurückzukehren. Sie sollten sich andere Männer suchen, um ihre Existenz zu sichern. Orpa drehte darauf nach kurzer Überlegung weinend um und kehrte nach Moab zurück. Ruth entschied sich anders. Sie versprach Naomi, bei ihr zu bleiben und ihr treu zu dienen. Ruth entschied sich damit für ein Leben mit Naomi, obwohl sie wusste, dass zwei Witwen alleine ohne Männer in jener Zeit nicht überlebensfähig waren.

Was Ruth zu Naomi sagte:

"Überrede mich nicht, dich zu verlassen. Ich will mit dir gehen. Wo du hingehst, will ich auch hingehen, und wo du lebst, will ich auch leben. Dein Volk wird mein Volk sein und dein Gott wird mein Gott sein. Wo du stirbst, will ich auch sterben, und dort will ich begraben werden. Gott tue mir dies und das, nur der Tod wird mich von dir scheiden." (Ruth 1,16)

Eine Zwischenbetrachtung

Der Ausspruch von Ruth gegenüber ihrer Schweigermutter Naomi ist bemerkenswert. Er ist ein starkes Zeichen von Liebe, Loyalität und Fürsorge. Er klingt wie der Treueschwur einer Liebenden. Tatsächlich ist dieser biblische Text aus dem Buch Ruth im Laufe der Zeit bis heute einer der beliebtesten (heterosexuellen) Trausprüche geworden. Er wird bei kirchlichen Trauungen oft verwendet. Zumeist wird er allerdings zitiert, ohne dass die Beteiligten den Zusammenhang kennen. Die wenigsten wissen, dass der Text eigentlich ein Treueschwur von einer Frau zu einer anderen ist.

Bibelwissenschaftler und Exegetinnen haben zudem herausgearbeitet, dass das Wort mitgehen (hebräisch davka) dasselbe Wort ist, das im 1. Buch Mose 2,24 benutzt wird, um die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau bei einer Eheschließung zu beschreiben (seiner Frau "anhangen"). Diese Tatsache unterstreicht, dass es bei dem Ausspruch um einen Treueschwur geht.

Um den Satz verstehen zu können, ist es wichtig, den Kontext dieses Ausspruchs zu verdeutlichen. Die beiden Frauen lebten in einem streng patriarchalen System, in dem Männer das Sagen hatten und Witwen ohne Kinder Freiwild ohne Schutz und ohne ökonomische Absicherung waren. Aber statt zurück nach Moab zu gehen und sich einen neuen Mann zu suchen, entschied sich Ruth bei ihrer Schwiegermutter Naomi zu bleiben. Sie war dazu bereit, Naomis Sprache zu lernen, ihren Gott und ihre Religion anzunehmen und in ihrem Land zu leben. Ruth entschied sich mit allen Konsequenzen für ein Leben mit Naomi. Alle, die Migrationsgeschichten kennen oder selbst erlebt haben, wissen, wie schwierig und schmerzhaft das ist.

In einer queeren Lesart des Textes kann Ruths Entscheidung als Entscheidung für ein Lebensbündnis angesehen werden, ohne das Zusammenleben näher etikettieren zu müssen. Diese Form des Zusammenlebens ging über Generations-, Geschlechter-, Religions- und Ländergrenzen hinweg. Manche Forscherinnen und Forscher bezeichnen diese Verbindung daher als Liebesverbindung zwischen zwei Frauen. Ob es so war, wissen wir nicht. Es ist auf jeden Fall denkbar. Es ist aber gar nicht nötig, dieser Verbindung einen Namen zu geben. Denn sie steht für sich. Klar ist, dass die beiden Frauen eine besonders enge Gemeinschaft und Fürsorge füreinander verbunden hat.

Wie die Geschichte weiter ging

Nach langer Wanderschaft kamen die beiden Frauen wohlbehalten in Bethlehem an. Sie zogen in das leerstehende Haus von Naomis verstorbenem Ehemann Elimelech. Ihre Situation war prekär. Sie hatten kein Einkommen und keine Absicherung.

Aber Naomi hatte aufgrund ihrer Kenntnis des jüdischen Rechts und der traditionellen Gegebenheiten eine Überlebensstrategie entworfen. Sie plante eine so genannte "Leviratsehe", zu deutsch Schwagerehe, zwischen Ruth und Boas (vgl. zur Leviratsehe 5. Buch Mose 25, 5 ff). Boas war ein Schwager von Naomi. Im jüdischen Recht war vorgesehen, dass eine kinderlose Witwe von einem Bruder des Verstorbenen geheiratet werden sollte, damit die Frau Nachkommen bekommen und versorgt werden konnte. Anders war das Überleben für Frauen damals nicht denkbar. Naomi wusste um das Recht von Witwen auf eine Leviratsehe und plante sie für Ruth. Naomi wurde damit zur Akteurin und Strippenzieherin der nachfolgenden Geschichte. Ruth ihrerseits vertraute Naomis Plan und ließ sich darauf ein. Beide waren realistisch genug zu wissen, dass sie keine andere Wahl hatten, wenn sie überleben wollten.

Ruth besuchte daraufhin auf Anraten von Naomi regelmäßig die Weizenfelder von Boas, um dort Ähren aufzulesen. Denn der zehnte Teil der Ernte blieb nach jüdischem Recht für Arme, Fremde und Witwen liegen, um ihnen eine Existenzsicherung zu bieten. Nach einigen Tagen wurde Boas auf Ruth aufmerksam, erkundigte sich nach ihr und machte sich mit ihr bekannt. Von da an stellte er sie unter seinen Schutz.

Wieder war es nun Naomi, die den nächsten Schritt plante. Sie wies Ruth an, abends zum Zelt von Boas zurückzukehren und sich neben ihn aufs Lager zu legen. Boas sollte sie "auslösen", indem er sie schwängerte. Kalkuliertes Ziel war die Heirat der beiden.

Es kam genau zu diesem Familienarrangement zwischen Ruth und dem viel älteren Boas. Es war ein Arrangement im Rahmen des damals gültigen jüdischen Rechts. Die Leviratsehe war so etwas wie die Sozialversicherung für kinderlose Witwen.

Boas wurde also zum "Auslöser" für Ruth, damit sie Nachkommen bekommen konnte und in der patriarchalen Logik wieder eine gesicherte Position in der Gemeinschaft einer Familie erhielt. Auch Naomi konnte dadurch wieder einen Platz in einem ökonomisch und sozial gesicherten Familienverband finden. Das Arrangement wurde auch von den anderen Frauen in Bethlehem anerkannt. Sie kommentierten die Entwicklung. Sie priesen Gott und dankten ihm, dass Naomi und Ruth einen "Löser" gefunden hatten. Dann riefen sie: "Naomi ist ein Sohn geboren worden." (Ruth, 4,17) Das ist eine bemerkenswerte Wortwahl. Die Frauen sagten nicht, dass Ruth einen Sohn für Boas geboren hatte, sondern für Naomi. Dieser Kommentar der Frauen bestätigt den Eindruck, dass zwischen Ruth und Naomi eine starke Bindung bestanden haben musste. Boas gehörte in dieses Arrangement. Aber die emotionale Bindung herrschte vor allem zwischen Ruth und Naomi.

Ruth und Boas nannten ihren Sohn Obed. Er ist der Großvater Davids, des späteren König Davids und des Ahnherrn Jesu. Eine Mehrgenerationen-Patchworkfamilie wurde damit König Davids Familie.

Schlussbetrachtung

Ruths Liebe zu Naomi dominiert die biblische Geschichte. Ruth gab ihre Zukunft in Moab auf, um als verwitwete Frau ihrer Schwiegermutter Naomi zu folgen. Sie nahm es auf sich, in der Fremde ohne gesicherte Existenz zu leben. Liebe, Treue und Fürsorge für Naomi zählten für Ruth mehr als ihr eigenes Schicksal. Es ging um Frauensolidarität und gegenseitge Fürsorge.

Ruth und Naomi sind die Subjekte dieser Geschichte. Sie übernahmen die Initiative. Naomi plante die nächsten Schritte und Ruth sezte sie um. Sie nutzten dafür die patriarchale Rechtsprechung. Gleichzeitig unterliefen sie diese, indem sie sie nach ihren Interessen steuerten. Ökonomisch sicherten sie sich damit innerhalb des Systems ab. Es war eine Überlebensstrategie. Im Buch Ruth hat Gott diese Überlebensstrategie gesegnet. Ruth fand unter Gottes Flügeln (hebräisch kanap) Schutz (Ruth 2,12), so wie sie unter Boas Gewand (kanap) ausgelöst wurde (Ruth 3,9). Das gleiche hebräische Wort kanap unterstreicht den doppelten Schutz, der Ruth zuteil wurde. Und Ruth wurde schwanger und bekam einen Sohn. Damit war ihre und Naomis Altersversorgung gesichert und die Generationsabfolge bis zu König David auch.

Das Familienarrangement zwischen Boas, Ruth und Naomi hat einen Freiraum im Kontext eines patriarchalen Rechtssystems genutzt. Man kann dieses Arrangement nicht gleichgeschlechtlich oder queer nennen. Das sind moderne Begriffe. Aber die beiden Frauen nutzten Spielräume, um mit Boas und Sohn Obed gemeinsam leben zu können. Heute würde man Regenbogenfamilie dazu sagen.

Zum Weiterlesen

Mona West: Ruth, in: Deryn Guest/Robert E. Goss/ Mona West/Thomas Bohache (Hg.), The Queer  Bible Commentary, SCM Press (/London) 2006, S. 190 - 194.

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