(His) Last Christmas

George Michael

Foto: www.georgemichael.com

Am ersten Weihnachtsfeiertag ist eine weitere Musik-Ikone gestorben: George Michael. Ein Nachruf von Wolfgang Schürger.

Last Christmas - vermutlich gab es kaum einen Weihnachtsmarkt, auf dem dieser Song nicht irgendwann zu hören war. Vielleicht das Original, vielleicht in irgendeiner schnulzigen Coverversion. Für seinen Autor, George Michael, war dieses Weihnachtsfest sein letztes. Am 25. Dezember ist der Sänger gestorben.

Für viele gehört er zu den großen Musik-Ikonen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Kaum ein Dancefloor der 80er und 90er Jahre, auf der seine Hits nicht zu hören gewesen wären – und das gilt nicht nur für die schwulen Partys... Zu Wake me up, before you go-go strömten wir genauso auf die Tanzfläche wie zu I want your sex, baby oder Kissing a Fool. Liebe, Sex und dramatische Beziehungen waren allgegenwärtig in den frühen Texten von George Michael. Für uns Schwule Männer bot er damit natürlich ideale Projektionsflächen für unsere eigenen Sehnsüchte und Enttäuschungen. Ob er schwul war, darüber spekulierten in den 80er Jahren viele. Er selber verstand sich damals wohl noch als bisexuell, was sich allerdings änderte, nachdem er 1991 seinen späteren Lebensgefährten, den Brasilianer Anselmo Feleppa, kennen lernte.

Es ist aber beeindruckend zu sehen, wie Michael von Anfang an in seinen Texten mit den sexuellen Orientierungen spielt. Natürlich macht es ihm das Englische hier einfach, weil unbestimmte Pronomen wie "someone" keine eindeutige geschlechtliche Zuordnung haben. Dennoch: welcher schwule Mann wäre je nicht auf die Vorstellung gekommen, dass Michael in Last Christmas sein Herz nach der enttäuschenden Erfahrung des letzten Jahres im nächsten Jahr an einen ganz besonderen Mann verschenken wird!?

Nur kurz, nachdem die beiden sich kennengelernt haben, erfährt Anselmo, dass er mit HIV infiziert ist – Anfang der 90er Jahre bedeutet dies, dass er keine allzu lange Lebensperspektive mehr hat. Er stirbt 1993. George Michael verarbeitet seine Trauer in dem Lied Jesus to a Child: I guess You heard me cry. You smiled at me Like Jesus to a child. I'm blessed I know Heaven sent And Heaven stole. You smiled at me Like Jesus to a child. And what have I learned From all this pain I thought I'd never feel the same About anyone Or anything again. But now I know When you find love When you know that it exists Then the lover that you miss Will come to you on those cold, cold nights.

Ein öffentliches Outing gibt es in der Zeit des Zusammenlebens mit Anselmo nicht, auch wenn das Paar in Freundeskreis und Familie offen unterwegs ist. Die Fans spekulieren weiter über George Michaels sexuelle Orientierung… Gewissheit erhalten sie erst im April 1998, als George Michael in einer als Schwulen-Treff bekannten öffentlichen Toilette an einen als Köder eingesetzten Polizeibeamten gerät und wegen "unsittlichen Verhaltens" verurteilt wird. Auch diese Erfahrung verarbeitet George Michael musikalisch: Er schreibt Outside und dreht ein Musikvideo dazu, in dem unter anderem Verhaftungen wegen "unsittlichen Verhaltens" und zwei sich küssende Polizisten zu sehen sind. Der Polizist Marcelo Rodriguez, der Michael verhaftet hat, sieht sich durch das Video verspottet und beanstandet die Aussagen Michaels, er habe ihm eine Falle gestellt und seinen Penis gezeigt. Er verlangt Schadenersatz für erlittene Erniedrigung, emotionalen Stress und ärztliche Behandlung sowie eine zusätzliche Strafzahlung und die Übernahme der Gerichtskosten. Die Klage wird im Jahr 2000 erstinstanzlich, im Jahr 2002 letztinstanzlich abgewiesen.

Im 21. Jahrhundert werden George Michaels Lieder ruhiger, aber deswegen nicht weniger hörenswert. Das Album Patience aus dem Jahr 2004 wird zu einem Riesenerfolg. Darin enthalten unter anderem Shoot the Dog, ein Lied über George W. Bush und Tony Blair - in dem dazu aufgenommenen Musikvideo wird Blair als ein Hund dargestellt, der dem amerikanischen Präsidenten überall hin folgt. Political Correctness was sicher nie ein Ziel von George Michael, gerade deswegen engagierte er sich ab den neunziger Jahren auch immer wieder im Kampf gegen HIV und Aids und gegen die Ausgrenzung und Diskriminierung infizierter Menschen. Immer wieder finden sich in seine Songs auch religiöse Anspielungen – in Jesus to a Child war das bereits deutlich zu erkennen. Gesellschaftskritik und Glaube verbinden sich für mich in wunderbarer Weise in seinem Praying for Time aus dem Jahr 1990, dass doch gleichzeitig erschreckend aktuell ist:

Do you think we have time? Do you think we have time?

These are the days of the open hand. They will not be the last. Look around now. These are the days of the beggars and the choosers.

This is the year of the hungry man Whose place is in the past Hand in hand with ignorance And legitimate excuses.

The rich declare themselves poor And most of us are not sure If we have too much But we'll taking our chance to say. I sang twenty years and a day But nothing changed The human race found some other guy And walked into the flame

And it's hard to love, there's so much to hate. Hanging on to hope When there is no hope to speak of And the wounded skies above say it's much too late. Well maybe we should all be praying for time.

Doo oh oh

Do you think we have time? Do you Do you think we have time?

These are the days of the empty hand. Oh, you hold on to what you can And charity, charity is a coat you wear twice a year.

This is the year of the guilty man. Your television takes a stand And you find that what was over there is over here.

So you scream from behind your door Say what's mine is mine and not yours I may have too much but I'll take my chances. I sang twenty years and a day 'Cause nothing changed The human race found some other guy And walked into the flames.

It's hard to love, Jesus, there's so much to hate Hanging on to hope, there is no hope to speak of And the wounded skies above say it's much too late. Then maybe we should all be praying for time.

Doo doo doo Do you think we have time? Do you Do you think we have time?

Lord, give us time!

Herr, schenke uns Zeit! Zeit für Mitmenschlichkeit, Zeit, den verwundeten Himmel - und die verwundete Erde - zu heilen, Zeit einander zu lieben in Zeiten des Unfriedens. Ein wunderbares Vermächtnis des großen Sängers, der selber nun Zeit in Gottes Ewigkeit gefunden hat.

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