Steine des Innehaltens

Im Gehweg eingelassener, messingfarbener "Stolperstein", der an den jüdischen Arzt Felix Abraham, Gritznerstr. 78, Berlin-Steglitz erinnert/ November 2016

Foto: Rainer Hörmann

Der November ist traditionell ein Monat des Gedenkens. Das muss nicht nur auf Friedhöfen oder an Mahnmalen geschehen. Das Projekt "Stolpersteine" erinnert im öffentlichen Raum an Verfolgte des Nazi-Regimes.

Noch bis zum 31. Januar 2017 ist im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin eine Ausstellung über die "Stolpersteine" zu sehen, ein Gedenkprojekt des Künstlers Gunter Demnig. Kleine Betonquader mit einer Kantenlänge von 10 cm und einer Messingplatte an der Oberseite, in die Name und Daten eingraviert sind, werden in Gehwegen, in öffentlichen Plätzen versenkt - dort, wo Menschen wohnten, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten verfolgt wurden: Juden, Sinti und Roma, Menschen aus dem politischen oder religiös motivierten Widerstand, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Opfer der "Euthanasie"-Morde, Menschen, die als "Asoziale" gebrandmarkt wurden.

Anlässlich der Ausstellungseröffnung verlegte Gunter Demnig Anfang November so auch vor dem Haus Gritznerstraße 78 in Berlin-Steglitz einen "Stolperstein" für den jüdischen Arzt Dr. Felix Abraham. Er arbeitete Ender der 1920er-Jahre an dem von Magnus Hirschfeld gegründeten Institut für Sexualwissenschaft, wo er sich u.a. durch die Beratung von Transvestiten und Transsexuellen einen Namen machte. 1933 wurde das Institut von den Nazis zerstört, 1937 emigrierte der jüdische Arzt nach Italien, wo er sich im September desselben Jahres das Leben nahm. (Mehr über ihn kann man auf der Internetseite der Magnus Hirschfeld Gesellschaft lesen, auf deren Initiative auch die Verlegung des "Stolpersteins" zurückgeht.)

Die Zahl der "Stolpersteine" für alle Opfergruppen wird mittlerweile für Deutschland mit über 7.000 und europaweit mit mehr als 60.000 angegeben. Finanziert werden die Steine durch Spenden. Einen seiner ersten "Stolpersteine" verlegte Gunter Demnig im Mai 1996 in der Berliner Oranienstraße, im Rahmen einer Ausstellung "Künstler forschen nach Auschwitz", an deren Organisation ich beteiligt war. Und so freut es mich, dass mittlerweile auch die Erinnerung an verfolgte Homosexuelle zu dem Projekt gehört.

Weitere "Stolpersteine" finden sich in Berlin in der Rosenthaler Vorstadt oder im Scheunenviertel.  Es gibt sie u.a. auch in Bochum, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen (mehr dazu auf der Internetseite des Vereins "Rosa Strippe" ), über 300 in Hamburg, in Stuttgart wurden 2010 die ersten beiden "Stolpersteine" verlegt: für Friedrich Hermann Enchelmayer und Willi Karl App, zwei Männer, die wegen ihrer Homosexualität in Nazi-Deutschland verhaftet, 1940 im KZ Neuengamme bzw. 1943 im KZ Sachsenhausen ermordet wurden.

Es gibt nicht nur Zustimmung für diese Art der Gedenkkultur und Intervention im öffentlichen Raum. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, empfindet es als Entwürdigung. Die Opfer der Nazi-Zeit würden erneut mit Füßen getreten. Mitunter verweigern Hausbesitzer eine Verlegung vor ihrem Haus, sei es, weil sie die Art der Erinnerung nicht befürworten oder weil sie ihr Eigentum durch einen solchen Stein gemindert sehen. Immer wieder gibt es Vandalismus, die Steine werden beschädigt oder ausgegraben.

Das Projekt "Stolpersteine" lebt vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Beim Recherchieren fand ich im Internet einen kurzen Beitrag über einen evangelischen Pfarrer in Herleshausen, der mit seinen Konfirmanden die Reinigung der dortigen "Stolpersteine", die an deportierte Jüdinnen und Juden erinnern, übernimmt und so die Jugendlichen mit den Biografien der Opfer des Holocaust vertraut macht.

Ich sehe in den "Stolpersteinen", über die man ja nur gedanklich stolpert, eine unauffällige wie auch unaufdringliche Form der Erinnerung. Ja, man kann vorbeigehen, man kann sogar unachtsam darüber hinweggehen. Es hängt oft von meiner Stimmung ab, ob ich die "Stolpersteine" bemerke, bemerken will. Doch wenn, dann ist es ein kurzer, wertvoller Moment, der mich innehalten lässt. Manchmal macht es mich traurig, manchmal stimmt es mich zuversichtlich, dass im öffentlichen Raum erinnert wird. Sie bedrängen mich nicht, sie überlassen es mir, was ich mit dem Impuls - mal ein historischer, mal ein spiritueller - mache. Manchmal suche ich zu Hause im Internet, ob ich mehr über die Geschichte der Menschen, deren Namen ich lese, erfahren kann, manchmal habe ich die Namen rasch vergessen. Manchmal kann ich die Steine gar nicht entdecken, jetzt, wenn im Herbst das Laub, im Winter der Schnee sie bedecken. Aber sie sind da. Sie sind Teil des Bodens, auf dem ich mich bewege - sie sind Teil der Geschichte(n), die meine Geschichte ist. Sie sind Teil von Trauer, Gedenken und Hoffnung.