Ist Alltagshomophobie weniger schlimm?

Schrift auf einer Steinmauer: Anna ist lesbisch - wobei das Wort lesbisch mit ß und ss falsch geschrieben ist.

Rechtschreibfehler: nicht schön, vielleicht auch nicht homophob / Foto: Rainer Hörmann

Der Grünen-OB Boris Palmer argumentiert für eine andere Debattenkultur und macht dafür eine problematische Trennung zwischen verschiedenen Formen von Homophobie, Rassismus und Sexismus.

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer versteht sich mit Teilen seiner eigenen Partei, den Grünen, nicht ganz so gut. Jedenfalls hat er zu manchen Dingen eine andere Meinung als die anderen. Die lässt er seine Partei dann über Artikel und Interviews in viel gelesenen Zeitungen zukommen. Und damit irgendwie auch all jenen, die nicht bei den Grünen sind.

So hat er jüngst in der "Welt" die Grünen gemahnt, mehr Toleranz für die zu zeigen, die es nicht so mit der Toleranz haben. Es bedürfe einer Toleranz auch gegenüber Menschen, die man für "reaktionär und kleingeistig" halte. Auch diese Leute hätten einen Anspruch darauf, ernstgenommen zu werden. Dann macht Palmer eine merkwürdige Unterscheidung zwischen Rassismus und Formen des Alltagsrassismus auf. "Ich trete der Theorie entgegen, dass man den Alltagsrassismus so entschieden bekämpfen muss wie den offen ausgelebten."

So ganz neu ist diese Sicht Palmers nicht. Bereits im letzten Jahr hatte er, weitaus allgemeiner, dazu aufgerufen, in Debatten nicht immer mit der großen Keule zu kommen. In "Entspannt Euch!" (man beachte den Imperativ!) erinnerte er etwa die Homosexuellen daran, dass es doch schon große Fortschritte in der rechtlichen Gleichstellung und hinsichtlich der Akzeptanz gegeben habe. Da könne man auch mal gelassener bleiben. Es helfe der Sache nicht, "den Vorwurf der Homophobie sofort auszupacken, wenn man sich kritisch über das volle Adoptionsrecht für Schwule und Lesben äußert oder an der (weitgehend von der Wirklichkeit überholten) Vorstellung einer besonderen Vorrangstellung der Ehe festhält". Und weiter:

"Dies ist kein Plädoyer, die immer noch zahlreichen rassistischen, sexistischen oder homophoben Übergriffe und Äußerungen zu bagatellisieren, ganz im Gegenteil: Würde man die gravierenden Fälle schärfer von sogenannten 'Alltagsformen' der jeweiligen Haltung trennen und sie nicht mit der gleichen Unerbittlichkeit verfolgen, so würde der gesellschaftliche Konsens gegen jede Art von Diskriminierung sich weiter festigen und verbreitern."

Letztlich fordert er also ein differenziertes Reaktionsmuster und einen differenzierten Umgang mit Rassismus, Sexismus und Homophobie.

Doch wo genau verläuft die Grenze zwischen einer Alltagshomophobie und einer Homophobie an sich? Die Gesetzgebung in manchen Ländern, die (oft unter Billigung der christlichen Kirchen) Homosexuelle kriminalisiert und verfolgt, ist ein anderes Kaliber von Homophobie als das homophobe Fluchen eines Trainers am Spielfeldrand, was der wahrscheinlich fünf Minuten später vergessen hat. Die offen ausgelebte, für Betroffene tödliche Ablehnung von Homosexualität ist etwas anderes als ein bisschen Wutabbau mit Griff ins Schatzkistlein diskriminierender Stereotype - gut ist beides nicht! Für wen zählt es zum "Alltag", mal einen Spruch gegen Lesben rauszuhauen, auch mal "Schwuchtel" zu rufen, Trans-Menschen auszulachen? Homosexuelle sollen Zweifel/Kritik etwa am Adoptionsrecht hinnehmen, ohne darauf hinzuweisen, dass diese Kritik selten ohne die Sicht auf Homosexuelle als fragwürdige Eltern auskommt? Es gibt auch eine Form von Menschenunfreundlichkeit, die in der unablässigen Wiederholung von "Sünder"-Rufen und der Rede von "Unnatürlichkeit" besteht, im kontinuierlichen Madigmachen und Herabsetzen. Kleine Nadelstiche, auch und gerade in der Kirche: Viele kleine Äußerungen tragen zur Aufrechterhaltung eines großen negativen Bildes bei. Ist das Alltagshomophobie oder Homophobie an sich?

Die Formulierung "Ich habe nichts gegen Homosexuelle, aber ..." ist wahrscheinlich nicht nur mir mittlerweile ein rotes Tuch. Tatsächlich ist es einerseits eine vielleicht nicht glückliche, aber ehrlich gemeinte Formulierung, die neben Kritik an "den" Homosexuellen auch das Bemühen ausdrückt, eben nicht pauschal "die" Homosexuelle zu meinen. Andererseits ist die Formulierung inzwischen von "Kritikern" missbraucht, die ziemlich heftig gegen Schwule und Lesben wettern, sich aber Kritik an ihrer Position von vornherein verbitten. Im Zweifel rettet sie - das ist wohl Palmers Unbehagen - so oder so nicht vor einer "unerbittlichen" Reaktion.

Ich finde nicht nur Palmers Trennung in Alltagsformen und in eine irgendwie schlimmere Form von Diskriminierung problematisch, sondern auch, dass sie die Beweislast umzukehren scheint. Nicht mehr der, der eine diskriminierende Äußerung tut, soll sich Gedanken machen, sondern die Betroffenen, die darauf reagieren, sollen sich Gedanken machen, wie sie dies tun. Und letztlich spricht Palmer eine Drohung aus: Wer mit seiner Kritik überzieht, der riskiert das Wohlwollen der Gesamtgesellschaft. Ist das so? Gibt es eine Kollektivhaftung einer Minderheit dafür, dass Teile, Gruppen dieser Minderheit nicht 'richtig' reagieren?

Ist nicht das wirklich Schlimme an "Alltagshomophobie" (wie an Alltagsrassismus, Alltagschristenfeindlichkeit etc.), dass sie stets den Einzelnen trifft und die/der sich meist einzeln wehren muss, sie aushalten muss? Abgewiesen zu werden, weil der Bäcker Homos keinen Kuchen bäckt und weil der Pfarrer für "solche Christen" keinen Segen sprechen will, in der Schule gemobbt zu werden, weil man irgendwie nicht der Norm zu entsprechen scheint ... für den Einzelnen ist dies möglicherweise weitaus schlimmer sein als jede große Meta-Debatte in den Medien. Dem Einzelnen im Alltag mit Entschiedenheit und starken Worten beistehen, kann wichtiger sein als auf die Ressentiments von möglichen Wählergruppen Rücksicht zu nehmen.