Keine Diskussion!?

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Foto: Lubo Bechny

In den slowakischen Medien zieht gerade der Fall eines jungen Theologen die Aufmerksamkeit auf sich, dessen Dienstvertrag in der Lutherischen Kirche nicht verlängert wurde, weil er in seinem Verständnis von Ehe keinen Unterschied zwischen heterosexuellen und homosexuellen Partnerschaften macht.

"Ein lutherischer Pfarrer wird gekündigt wegen seiner Meinung zur Ehe. Es gibt keine Diskussion über LGBT in der Kirche", titelte die slowakische Tageszeitung Denník N [The N Daily Newspaper][1]. Die Autorin Ria Gehrerová führt in dem Artikel vom 11.08.2016 ein Interview mit dem 26-jährigen Theologen Jakub Pavlús, dessen Dienstverhältnis in der Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnis (A.B.) vorzeitig beendet wurde, da er seine persönliche Meinung zur Ehe äußerte.

Blicken wir ins Jahr 2015: Im Frühjahr gab es in der Slowakei ein Referendum gegen die Gleichberechtigung von homosexuellen Menschen, angeführt von der sog. "Allianz für die Familie", einer Initiative, in der sich sowohl Nicht-Konfessionelle als auch katholische und evangelische Homosexuellen-Gegner_innen tummelten. Die meisten Kirchen riefen durch ihre offiziellen Stellungnahmen zur Teilnahme am Referendum auf. Die evangelischen Bischöfe taten so durch einen Hirtenbrief, der am 25. 12. 2014 in den Kirchen verlesen wurde.

Die Beteiligung an diesem Volksentscheid war aber mit 21 Prozent gering, darunter stimmten allerdings ca. 90 Prozent gegen eine Gleichberechtigung von Homosexuellen. Das Referendum zielte darauf ab, die eh schon geringen bzw. nicht vorhandenen Rechte für lesbisch oder schwul lebende Menschen weiter zu beschneiden. Das Referendum scheiterte an der geringen Wahlbeteiligung. Der Boykott des Referendums war eine Möglichkeit gegen die Suggestivfragen, die sich gegen Ehe und Adoption für homosexuelle Paare sowie gegen Sexualkundeunterricht in Schulen richteten, zu protestieren.

Der junge Vikar Jakub Pavlús gehörte zu den Theolog_innen, die vor dem Referendum 2015 eine Stellungnahme unterzeichneten und veröffentlichten. Diese beinhaltete den Wunsch nach einer friedlichen gesellschaftlichen Diskussion mit Expert_innen, anstatt Entscheidungen über das Thema in einem Referendum, zumal in aufgeheizter Stimmung, zu treffen. Außerdem hatte die Gruppe der kritischen Theolog_innen darauf hingewiesen, dass die Art und Weise wie die Kirchen in die Sache involviert waren, zu überdenken sei. Alle Unterzeichner_innen waren in Folge der Stellungnahme zu einer Vorsprache vor der Bischofskonferenz geladen und zu ihrer Meinung bezüglich der Ehe befragt worden. Pavlús hatte also im Oktober 2015 wiederholt, was er mitunterzeichnet hatte. Seine Meinung war und ist eine andere als die der Bischöfe, sagte er im Interview mit der slowakischen Tageszeitung Denník N.

Die Lutherische Kirche (Evangelische Kirche Augsburger Bekenntnis, EKAB) der Slowakei verweigerte dem Nachwuchspfarrer, der jüngst Vater von Zwillingen geworden ist, nun die Verlängerung seines Dienstvertrages. In einem erneuten Vorsprechen im August 2016, welches nur die (sonst übliche) Verlängerung seines Dienstverhältnisses betraf, wurde er über sein Eheverständnis ausgefragt. Die Bischöfe wollten seine persönliche Meinung, seine Definition von Ehe wissen. Er antwortete, dass die Ehe für ihn eine Verbindung sei, die aus freier Entscheidung und dem Willen zu lebenslanger gegenseitiger Zusage und Liebe zwischen zwei erwachsenen Personen geschlossen wird. Auf die Frage hin, ob Pavlús darauf bestünde, dass die zwei beteiligten Personen verschiedenen Geschlechts sein müssten, antwortete er mit Nein – solange es hier um seine private Meinung ginge, die die staatliche Gesetzgebung beträfe. Weitere – beispielsweise theologische, kirchenpolitische Fragen, sowie andere mögliche Fragen, die seine Eignung als Pfarrer beträfen – wurden dem Vikar nicht gestellt. Offensichtlich diskreditierte ihn seine Haltung zur wohlbemerkt staatlichen Ehe vom Beruf des Pfarrers. Von einer kirchlichen Trauung war übrigens nicht einmal die Rede.

"Es gibt kein kirchliches Gesetz, das Pfarrer_innen verbietet, eine private Meinung zu haben. Ich habe nie ein kirchliches Gesetz angefochten, das sich auf die Ehe bezieht", erklärt Pavlús im Interview mit Ria Gehrerová.

Jakub Pavlús hatte sich in seiner Theologie-Masterthesis mit einem LGB-Thema befasst: Es ging um Stellungnahmen der lutherischen Kirchen weltweit zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Der Professor, der diese Abschlussarbeit betreut hatte, war nicht unbedingt der gleichen Meinung wie Pavlús gewesen, eher konservativer. Trotzdem hatten vernünftige und unaufgeregte Diskussionen zwischen Dozent und Student stattgefunden, die konstruktiv und lösungsorientiert waren und der Vergabe der Bestnote auf diese Arbeit nicht im Weg standen.

Pavlús habe selbst erlebt, wie sich seine Haltung während seiner Forschungen zum Thema modifiziert haben: Vorher war er eher skeptisch einer offenen Haltung gegenüber lesbischen und schwulen Partnerschaften gewesen, doch die Argumente der progressiven Kirchen haben ihn überzeugt.

Die Lutherische Kirche in der Slowakei gehört allerdings offenkundig nicht zu diesen Kirchen. Das Thema Homosexualität werde eher gemieden als diskutiert, so Pavlús. Obwohl es in der Welt sehr wohl ein Thema von Relevanz ist.

Gegen die Nicht-Verlängerung seines Vertrages, die einer Kündigung gleichkommt, ist kein Einspruch möglich. 14 Dozent_innen und Doktorand_innen der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Comenius-Universität in Bratislava, darunter Dr. Ondrej Prostredník, der sich immer wieder wissenschaftlich wie gesellschaftspolitisch zu LGBT-Themen in der Slowakei äußert, schrieben einen offenen Brief an das Bischofskollegium und den Kirchenvorstand der EKAB, in dem sie sich mit Pavlús solidarisch erklärten und ihre Bestürzung über den Fall kundtaten.

Die unterzeichnenden Theolog_innen prangern die Vorgehensweise und die Begründung der "Entlassung" des Vikars an. Sie argumentieren, dass innerhalb der evangelischen Kirchen "die eigene Position zur Ehe nicht den sogenannten ‚status confessionis' zugeschrieben werde, somit handele es sich nicht um eine Erlösungsfrage bzw. um keine Frage, bei welcher die verträglichen Grenzen der Meinungsvielfalt in der Kirche nicht überschritten werden können". Dabei berufen sie sich auf den Lutherischen Weltbund (Ehe, Familie und menschliche Sexualität. Lund, März 2007, S. 7).

Sie fordern eindringlich, dass die Stellungnahme des Bischofskollegiums bezüglich des "Falls" Pavlús anders bewertet wird und ihm ein weiteres Arbeitsverhältnis in der slowakischen EKAB angeboten wird. Außerdem schreiben sie deutlich und scharf in dem Brief: "[…] Wir verlangen von Ihnen, dass Sie in der Kirche eine Atmosphäre der Freiheit und des Vertrauens schaffen, in der es möglich ist, offen über verschiedene Positionen und Meinungen zur Ehe und Familie im Geist des Reformationsprinzips zu diskutieren, dass die Kirche 'semper reformanda' (immer zu reformieren) ist – vor allem im Vorbereitungsjahr für das 500-jährige Reformationsjubiläum." Aber es gibt keine Diskussion.

In der Slowakei ist weder die Ehe noch eine Art eingetragene Partnerschaft für Homosexuelle möglich. Seit 2014 gibt es ein verfassungsrechtliches Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe, wie in einigen anderen osteuropäischen Ländern. Die Regierungsparteien sorgten vor: Dieses Verbot wurde "im stillen Kämmerlein" durchgesetzt – in slowakischer Kirche und Staat diskutiert man offensichtlich nicht gerne, vielleicht weil man weiß, dass Gemeindemitglieder und Volk durchaus anderer Meinung sein könnten?

Jakub Pavlús hat sich, heterosexuell lebend, als "Ally" (Verbündeter) für die Gleichberechtigung homosexuell Lebender ausgesprochen, seinen Job riskiert – und verloren. Ich ziehe meinen Hut. Auch der offene Brief ist eine widerständige Solidaritätshandlung. In einem Land, dessen Regierung die Rechte Homosexueller mehr und mehr mit Füßen tritt, in einer Kirche, die einen ihrer Nachwuchspfarrer – übrigens eher händeringend gesucht als im Überfluss vorhanden – entlässt, weil er sich, nach sozialer Gerechtigkeit strebend, auf leisen Sohlen für die Gleichberechtigung von schwulLesBischen Lebensformen einsetzt, ist das Unterzeichnen eines solchen Schreibens weder selbstverständlich noch unbedingt zuträglich für die eigene (theologische) Karriere. Wer wird als Nächste_r zur Vorsprache vor den Bischöfen vorgeladen? Wem wird als nächstes ein Dienstverhältnis verweigert oder gekündigt?

Gemeindemitglieder in Turany verabschieden sich von Jakub Pavlús
Jakub Pavlús ist auf jeden Fall erst einmal arbeitslos. Ob er in seiner Kirche wieder eingestellt wird, ist fraglich. Seine Gemeinde in Turany würde ihn schon gerne behalten. Aber sie hat keinen Einfluss auf die Entscheidung des obersten Bischofs. Vielleicht zieht Pavlús mit seiner Ehefrau und seinen Kindern vorerst zu seinen Eltern nach Myjava.

Die Hoffnung auf Veränderung hat Pavlús nicht aufgegeben: Viele Kirchenmitglieder haben ihm im Privaten gesagt, dass sie ihm zustimmen. Unter den slowakischen Kirchen schreite die altkatholische Gemeinde in Bratislava als Vorbild in Sachen Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren voran. Ist es wirklich so abwegig, sich als evangelische (!) Kirche dem anzuschließen? Aber diese rhetorische Frage geht genauso an Kirchen und Gemeinden in Ländern, wo es staatlicherseits immerhin wenigstens eine eingetragene Partnerschaft gibt, exempli gratia Österreich und Deutschland.

 

[Vielen Dank an Ondrej Prostdredník und alle anderen Beteiligten für die Übersetzungen ins Englische und Deutsche.]

 

[1] Gehrerová, Ria, 'Evanjelický kňaz v práci skončil za názor na manželstvo: V cirkvi sa o LGBT nediskutuje [A Lutheran Minister was Fired for his Opinion on Marriage: There is no Discussion on LGBT in the Church.]', Denník N  [The N Daily Newspaper] [website], https://dennikn.sk/534094/evanjelicky-knaz-v-praci-skoncil-za-nazor-na-manzelstvo-v-cirkvi-sa-o-lgbt-nediskutuje/?ref=mpm

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