"Ich hoffe, dass dieser Ruf der Synode in der Politik gehört wird."

Thorsten Maruschke

Thorsten Maruschke / Foto: privat

Ein Memorandum von Ulrich Parzany und eine Entscheidung der rheinischen Kirche - Zu diesen beiden Aufregern und dazu, was dies für 2016 erwarten lässt, nachgefragt bei Pfarrer Thorsten Maruschke.

In der evangelischen Kirche setzt man ja gern aufs Gespräch. Die als Reaktion auf ein Memorandum Ulrich Parzanys veröffentlichte Pressemitteilung der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexualität und Kirche (HuK) schließt allerdings mit den Sätzen "Unverhohlener kann man die Diskussion kaum verweigern. Wer sich Parzany anschließt, stellt sich für eine ethische Diskussion auf der Höhe der Zeit ins Abseits". Mitverfasst hat dies Thorsten Maruschke. Der 37-Jährige ist Pfarrer in der evangelischen Gemeinde Gütersloh und innerhalb der HuK in der AG Evangelische Kirchenpolitik tätig.

Dass sich Teile der evangelischen Kirche / der Evangelikalen gegen homosexuelle Beziehungen bzw. deren Anerkennung (etwa durch Segnungen) aussprechen, ist nun wahrlich nichts Neues. Was also ist es, was Sie an Parzanys Memorandum besonders stört und eine Verständigung für Sie unmöglich macht?

Thorsten Maruschke: Er spricht aus, was manch anderer vielleicht gern sagen würde, aber meistens verschämt verschweigt: Er hält die Gleichberechtigung von homosexuellen Partnerschaften für Häresie. Das erkennt man daran, dass er sich im Stil an das Barmer Bekenntnis von 1934 [siehe Wikipedia] anlehnt, das den positiven Glaubensaussagen, also der "rechten Lehre", immer ein "Wir verwerfen die falsche Lehre, dass ..." gegenüberstellt und sich damit scharf von den Irrlehren der damaligen Gegner, der Deutschen Christen, abgrenzt. Schon in der alten Kirche hat man immer dann ein Bekenntnis formuliert, das rechte Lehre von Irrlehre oder Häresie unterscheidet, wenn man die Diskussion für beendet erklären wollte. Damit verbunden war immer der Ausschluss der irrlehrenden Häretiker aus der Kirchengemeinschaft. Genau das will Parzany wohl nun mit uns machen, die wir uns zusammen, z.B. mit der überwältigenden Mehrheit der rheinischen Synode, für die Gleichberechtigung homosexueller Lebensformen in den Kirchen stark machen. Er setzt uns den Stuhl vor die Tür, erklärt die Diskussion für beendet und verketzert uns. Er ist es, der die Diskussion unmöglich macht, nicht wir. Und diese Eskalationsstufe hatte die Debatte, so hart sie auch in vielen Fällen geführt wurde, bisher auf öffentlicher Ebene noch nicht erreicht. Wie gesagt, mancher hätte diesen Schluss vielleicht gern gezogen, hat sich aber bisher jedenfalls öffentlich aus guten Gründen zurückgehalten. Denn die Debatte auf dieser Ebene zu führen, halte ich auch für völlig unangemessen.

Gab es denn in letzter Zeit ein Gespräch oder ein Gesprächsangebot - von der HuK an Herrn Parzany bzw. von ihm an Sie?

Maruschke: Nein, das gab es nicht. Natürlich bleibt immer das Angebot zum Gespräch, aber nach seinen jüngsten Äußerungen müsste er sich bewegen.

Parzanys Memorandum ist ja zunächst ein innerevangelikaler Streit, der sich u.a. an der Position Michael Dieners entzündet, der keine Schwierigkeiten damit haben will, dass Schwule und Lesben in Gemeinden und Kirchen mitarbeiten. Welche Bedeutung sehen Sie für die evangelische Kirche insgesamt?

Maruschke: Die Bedeutung solch evangelikaler Verspannungsübungen für die evangelische Kirche insgesamt halte ich für sehr begrenzt, auch wenn sie in einzelnen Landeskirchen immer noch eine renitente Sperrminorität bilden. Aber die Mehrheitsverhältnisse sind das Problem der evangelikalen Homo-Hasser: Sie wissen genau, dass ihnen in diesen Fragen der Lebensführung die Meinungsführerschaft schon längst abhanden gekommen ist und versuchen nun, das durch Lautstärke und Dreistigkeit zu überdecken. Sie werden damit keinen Erfolg haben.

Also Gefahr gebannt?

Maruschke: Eine Gefahr sähe ich nur dann, wenn wir aufhören würden, ihnen theologisch fundiert zu widersprechen. Man kann die Entscheidung der rheinischen Synode vom Freitag ja geradezu als eine landeskirchliche Antwort auf Parzanys Aussetzer lesen, der es an Deutlichkeit nicht mangelt. Der Unterschied zu Parzany ist nur: Die Landeskirche positioniert sich zwar klar, aber sie lässt die Tür zum Dialog offen, so schwer es auch angesichts mancher ausfallender Äußerungen fallen mag. Das halte ich für eine theologisch angemessene ethische Diskussionshaltung, die wir auch selbst versuchen, immer durchzuhalten. Erst wenn es das nicht mehr gäbe, dann sähe ich die Kirche wirklich in Gefahr.

Die ablehnende Haltung Parzanys gegen Homosexuelle bzw. Homosexualität ist schon lange bekannt. Dagegen fällt die Ankündigung eines "Netzwerks Bibel und Bekenntnis" aktuell in eine Zeit einer ohnehin aufgewühlten Gesellschaft, in der rigide Positionen der Abschottung und Ausgrenzung wieder mehrheitsfähig werden. Müsste statt einer Fokussierung auf die Person Parzanys er nicht als Teil einer breiteren, "anti-modernen" Bewegung gegen eine offene, pluralistische Gesellschaft verstanden werden?

Maruschke: Die Haltung zur Judenmission, die er in seinem Memorandum äußert, lässt auch für seine Haltung zur Integration des Islam und der Musliminnen und Muslime in die deutsche Gesellschaft nichts wirklich Offen-Pluralistisches hoffen. Diese Verbindung von Abschottung gegenüber Homosexuellen und Abschottung gegenüber den Fremden, insbesondere dem Islam und seinen Anhänger*innen, ist durchaus verbreitet, das ist wahr. Und dennoch gibt es häufig auch diese komisch-schizophrene Variante im konservativen Spektrum, die meint, unsere offene Gesellschaft und insbesondere unsere liberale Haltung zu homosexuellen Lebensformen gegenüber "dem Fremden" verteidigen zu müssen, bei der also eine Abschottung gegenüber Fremden mit einer, naja, jedenfalls pseudo-liberalen Einstellung zur Homosexualität einhergeht.

Die Vielstimmigkeit der evangelischen Christen und Kirchen zeigte sich am Wochenende. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat für eine Gleichsetzung der Segnung von Lebenspartnerschaften mit der Trauung von heterosexuellen Ehen gestimmt ...

Maruschke: Man kann der rheinischen Kirche und vor allem natürlich den Lesben und Schwulen dort nur gratulieren. Wieder einmal setzt sich die Rheinische Landeskirche an die Spitze der Erneuerung: Sie geht einen entscheidenden Schritt weiter als es die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau 2013 getan hat, denn im Rheinland darf endlich Trauung heißen, was sich für die Paare meistens schon so angefühlt hat. Denn trotz des kirchenrechtlichen "Abstandsgebotes" zwischen Trauung und Segnung einer Lebenspartnerschaft war ja Gott sei Dank der Unterschied in der Praxis meist marginal. Besonders hervorheben möchte ich, was wie ein zu vernachlässigendes Detail wirkt und wohl deshalb auch in der Berichterstattung meist nur kurz erwähnt wird: Die Paare, die in den letzten Jahren "nur" die Segnung bekommen haben, können sich diese nun nachträglich als "Trauung" umschreiben lassen. Das hätte die Synode nicht tun müssen. Aber daran erkennt man, dass es ihr ernst ist mit der Gleichstellung. Es soll nicht an der Gnade der späten Geburt scheitern, ob man sich kirchlich trauen lassen kann oder nicht.

Ist der Beschluss nur von lokaler Bedeutung?

Maruschke: Die rheinische Kirche setzt mit ihrem Beschluss auch ein politisches Signal. Was sie nämlich tut, ist nichts weniger als die vollständige Gleichstellung homosexueller mit heterosexuellen Partnerschaften in ihrem Bereich. Man kann hier endlich mit vollem Recht von "Homo-Ehe" sprechen. Sie geht damit dem staatlichen Gesetzgeber voraus, der die volle Gleichberechtigung ja immer noch nicht umgesetzt hat. Dort haben die vielen Anträge der Opposition immer noch keine Chance gegen Merkels "Bauchgefühl". Das parlamentarisch oft beanspruchte Argument, "die" christliche Ehe sei nun einmal exklusiv heterosexuell zu verstehen, wird von dem rheinischen Beschluss endlich als das entlarvt, was es immer schon war: eine Schimäre. Ich hoffe, dass dieser Ruf der Synode in der Politik gehört wird: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Was sind Ihre Erwartungen an das Jahr 2016 allgemein vor dem Hintergrund schroffer Töne wie etwa von Parzany einerseits und versöhnlicher Signale wie im Rheinland andererseits?

Maruschke: Ich freue mich auf die Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und erwarte, dass auch die Synodalen von der Prignitz bis zur Oberlausitz einen ähnlichen Beschluss wie die Rheinländer fassen. Und dann beginnen die Mühen der Ebene in den anderen Landeskirchen. Die evangelische Föderal-Struktur bringt es mit sich, dass die Synoden aller Landeskirchen nach und nach dieselbe Diskussion führen müssen, damit die Gleichstellung nicht nur in Nordhessen, im Rheinland und in Berlin-Brandenburg durchgesetzt wird. Und ich will nicht verschweigen, dass einige Landeskirchen noch sehr weit davon entfernt sind, dem guten Beispiel des Rheinlandes zu folgen. Hier stehen noch ganz andere Diskussionen an, die teilweise auch von Parzany und seinen Mitstreiter*innen geprägt sind. Wenn ich auch glaube, dass sich die Gleichstellung nicht mehr aufhalten lässt, so wird es bis zu ihrer Durchsetzung doch noch dauern. Wir brauchen in allen Landeskirchen Verbündete und dürfen in unserem Druck nicht nachlassen.

2016 steht in der Reformationsdekade unter dem Thema "Reformation und die Eine Welt". Auch das ein Thema für Sie bzw. die HuK?

Maruschke: Wenn wir in diesem Jahr feiern, wie die Reformation auch in anderen Erdteilen Fuß gefasst hat, wenn wir uns und unsere guten und geschwisterlichen ökumenischen Beziehungen in alle Welt feiern, dann darf dabei ein Thema nicht länger peinlich verschwiegen werden: Wir müssen endlich auch mit unseren ökumenischen Partnern über ihre Haltung zur Homosexualität sprechen, die allzu oft derjenigen von Parzany nahe steht oder sie sogar noch übertrifft. Wir dürfen als Kirchen nicht schweigen, wenn einzelne unserer ökumenischen Partner zur Jagd auf Homosexuelle aufrufen. Gerade weil wir so gut miteinander im Gespräch sind, werden wir doch wohl freundlich aber bestimmt auch einmal kritische Töne anschlagen können? Bisher empfinde ich, dass sich die deutschen Kirchen hier vor ihrer Verantwortung wegducken und eine Politik des "Don't ask, don't tell" verfolgen. Wenn wir 2016 in die Ökumene schauen, dann darf dieses Thema nicht fehlen. Deshalb wollen wir im zweiten Halbjahr eine Tagung dazu veranstalten.