Männlich und weiblich geschaffen

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Foto: Sébastien Pelletier

Unsere Gesellschaft mag Dichotomien. Als solche gelesene geschlechtliche Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten werden oft sanktioniert. Theologisch kann und muss man dagegen halten.

Ein Zeitungsartikel, gepostet von einer "Facebook-Freundin", macht mir wieder schlagartig deutlich: Das gesellschaftliche Diktat lautet: Wenn du schon anders bist, dann mach es wenigstens richtig. Der Zeitungsartikel berichtet über eine Frau, eine Unternehmerin, die durch ihre Transition "von Mann zu Frau" diverse Aufträge verloren hat und massiv unter den diskriminierenden Aussagen ihrer Geschäftspartner_innen, Freund_innen und der Behörden leidet. Sie musste Insolvenz anmelden.

Auf der Facebook-Pinnwand entspann sich eine Diskussion über das Passing, das der betroffenen Person nach Meinung der Poster_innen möglicherweise nicht gut genug geglückt ist. Passing meint das Vermögen einer Person, als zu dem Geschlecht zugehörig akzeptiert oder eingeordnet zu werden, mit dem sie sich identifiziert. Es gibt also bestimmte ideale Stereotype, die mir zu erfüllen aufoktroyiert werden, wenn ich zum Beispiel als Frau gelesen werden will. Wer die Schlüsselbilder nicht erfüllt, wird sanktioniert. Dabei gilt dies für Cismenschen[1] wie für Transmenschen, für Heterosexuelle wie Homosexuelle usw. Jedoch nimmt der Druck gerade für Transmenschen oft ein Ausmaß an, das weder möglich ist zu erfüllen noch dass es wünschenswert wäre, es zu erfüllen.

Die Kommentator_innen des Facebook-Posts, die meisten selbst trans*, berichten und beraten sich darüber, wie wichtig das "stimmige" Aussehen ist. Eine[2] erklärt, sie habe schon mal gutverdienenden Freund_innen vor dem Outing geraten, sie sollten – so hart es sei – das Geld für gewünschte körperliche Eingriffe ansparen und erst danach, in ein paar Jahren, die Transition beginnen. Denn nach einem Outing mit beginnenden ersten körperlichen Veränderungen gehe es vielen so, dass sie Aufträge und Jobs verlieren, wodurch die Wunsch-OPs noch weiter in die Zukunft rücken.

Das bedeutet konkret, dass Menschen von der Gesellschaft gezwungen werden, ihre eigentliche Rolle, ihre Identität, das, was sie – auch vor Gott – zum Menschen macht, (weitere) Jahre zu verleugnen und zu verheimlichen, obwohl sie sich längst im Klaren über ihre Identität sind.

Aber was stört so an Uneindeutigkeiten? Was macht es so unerträglich, wenn sich – ob temporär oder langfristig – im Aussehen oder der Identität eines Menschen keine klare Zuordnung ablesen lässt? Und auch: Warum lesen Menschen Uneindeutigkeiten, wo eigentlich jemand ganz klar "von Frau zu Mann" oder vice versa transitioniert (ist)? Warum glaubt mensch, in lesbischen Frauen männliche Züge und in schwulen Männern weibliche Züge zu sehen? Diese Fragen wurden bereits vielfach soziologisch, psychologisch und geschlechtertheoretisch untersucht und beleuchtet. Interessant hierbei ist es m. E. auch, der Frage nachzugehen, inwiefern es Unterschiede in der Diskriminierung von Frauen und Männern hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes gibt. Aus diversen Erzählungen, Workshops zum Thema und dem aufmerksamen Verfolgen von Trans*-Thematiken in den Medien erscheint es mir angemessen, auf die besondere Diskriminierung von trans* Frauen hinzuweisen. Sie sind nicht nur am häufigsten (von allen Geschlechtern) von (sexualisierter) Gewalt betroffen, sondern sind – wie Cisfrauen – mit einem Schönheitsideal konfrontiert, das zu erreichen unmöglich und gleichwohl nicht unbedingt erstrebenswert ist. Es geht also um die altbekannte Gender-Performance, und ich frage mich, warum es den meisten Menschen viel mehr um eine geradlinige Darstellung geschlechtlicher Attribute geht als darum, wie stimmig der Mensch mit sich selbst ist. Man nannte das einst Authentizität, bevor dieses Wort, gerade um Pseudo-Natürlichkeitszuschreibungen zu vermeiden, vor allem von Feminist_innen in Frage gestellt wurde.

Und nun komme ich zum theologischen Aspekt von "Schönheit" und ihrer Bewertung. Die Selbstliebe ist ein (An-)Gebot wie die Gottes- und die Nächstenliebe. Darauf wird in christlichen Kreisen viel zu selten hingewiesen. Durch Selbstliebe gelingt es mir, zu mir zu stehen, zu dem, was ich bin, sein will und sein werde. Ein Dasein entfernt von mir und meiner Identität ist ein Fern-Sein von Gott, ein Entzweit-Sein. (Manche nennen Letztes schließlich Sünde.)

Schönheit offenbart sich für mich in dem Bild, das eine Person abgibt, wenn sie ganz bei sich ist (was nicht ausschließt, dass man auch mal "neben sich" stehen darf). Es drückt vielleicht am besten die Gottebenbildlichkeit aus.

"Da schuf Gott (…) die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen", um Gen 1,27 mit der Bibel in gerechter Sprache zu zitieren. Geschaffen, also gewollt, sind alle Menschen. Und "männlich und weiblich". Fälschlicherweise wird an dieser Stelle oft "Mann und Frau" übersetzt. Ich finde das einen wichtigen Unterschied, denn die Adjektive männlich und weiblich lassen sich schließlich auf eine_n jede_n von uns anwenden. Nicht nur durch die Tiefenpsychologie ist gewiss, dass jeder Mensch weibliche wie männliche Anteile in sich vereint. Und ich persönlich wage nicht einmal zu definieren, was weibliche oder männliche sind.

Besonders interessant wird die Schriftlesung des Verses auch, wenn man das "und" betont. Hier steht nicht, dass die Menschen männlich ODER weiblich geschaffen wurden. Dies kann als besonderer Zuspruch Gottes an Menschen gelesen werden, die in ihrem Geschlecht uneindeutig sind oder sein wollen oder deren Geschlechtsempfinden von dem Geschlecht abweicht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Und es kann alle Menschen darin bestärken, (bewusst) aus der (Geschlechter-)Rolle zu fallen. Ich kann beides sein, männlich und weiblich. Und dabei stehen männlich und weiblich für die unzähligen anderen Facetten, die Geschlecht noch beinhalten kann. Man kann also Dichotomien auflösen oder Ambivalenzen aushalten. Beides bedeutet, Menschen in ihren Geschlechterrollen – ob cis oder trans – nicht vorzuschreiben, was und in welcher Form am besten zu ihnen passt. Und es bedeutet auch, die Gottebenbildlichkeit wirklich ernst zu nehmen. Passing würde dann überflüssig sein.

 

Veranstaltungsankündigung zum Thema:

Die Bibel hält noch mehr trans*-Inhalte (im Sinne des "darüber hinaus" usw.) bereit. Wer mehr zum Thema Trans* und Theologie/Kirche erfahren und diskutieren will, ist herzlich zum Vortrag "Trans* als Thema in der Theologie. Ein Blick auf Bibel, Kirche und Wissenschaft" an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. eingeladen. Der Vortrag findet am Dienstag, 19. Januar 2016 um 18h im Raum SH 0.101 im Seminarhaus Campus Westend der Universität Frankfurt statt. Referent_innen: Katharina Payk und Ines-Paul Baumann, mehr Infos hier: https://www.facebook.com/events/441282349394635/

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[1] Cis oder cis* bezeichnet Menschen, deren geschlechtliche Identität mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt (im Gegensatz zu Trans*). Am liebsten spreche ich von Menschen, ohne das trans* oder cis* zu betonen. Wenn ich aber auf die besondere Lage (z. B. in Bezug auf Diskriminierung) von trans* Menschen hinweisen will, komme ich nicht umhin, zu differenzieren. Ich finde den Begriff Cis* geeignet, um Normen und Normalitäten in Frage zu stellen und zu brechen, ja: sie ad absurdum zu führen. Cismenschen bekommen eine "sonderbare" Bezeichnung zugeordnet, die sowohl einer Erklärung bedarf als auch sie als "das Andere" markiert.

[2] Geschlecht ist für mich keine fixe Kategorie, die das ganze Leben Gültigkeit hat. Geschlecht ist fluide und wird durch Rollen(zuschreibungen) performt und verfestigt. Oft setze ich daher in meinen Texten hinter "Männer*" und "Frauen*" ein Sternchen, das die Durchlässigkeit und Uneindeutigkeit geschlechtlicher Kategorisierungen deutlich und ein Weiterdenken möglich macht. In diesem Blogbeitrag habe ich auf diese sog. Asteriske verzichtet. Ich bitte die Lesenden, mein Verständnis von Geschlecht bei Begriffen wie "weiblich" und "Mann" sowie bei jeglichen geschlechtsspezifischen Personalbezeichnungen (sie, er, Leserin usw.) mit zu denken.