Frau Kelle und die Ideologie

Birgit Kelle glaubt, die „Gender-Ideologie“ entdeckt zu haben und sagt ihr den Kampf an. Doch argumentiert die Autorin dabei selbst höchst ideologisch. Eine Analyse.

Birgit Kelle hat Angst. Sie befürchtet, dass "eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will". Diese These verbreitet die Publizistin aktuell in ihrem Bestseller Gender Gaga, in diversen christlichen und weltlichen Nachrichtenmagazinen, sowie zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Zur Zeit trägt Kelle besondere Sorge, wie sie uns in ihrer Kolumne vom 17. März in The European wissen lässt, dass die Landesregierung von Baden-Württemberg "hinter verschlossenen Türen" "aus totalitärem Denken" heraus eine "Gehirnwäsche" vorbereitet, als deren Ergebnis es "dem gesamten Bundesland an den Kragen geht." Worauf beziehen sich ihre Befürchtungen?

Die Publizistin hat Angst vor dem Ende der Heteronormativität. Davor also, dass es nicht länger gesellschaftliche Norm ist, seinen Körper den biologischen Geschlechtern Mann oder Frau zuordnen zu müssen und sich auch dementsprechend sozial zu verhalten, was besonders ein heterosexuelles Begehren voraussetzt. Konkreten Anlass dazu bereiten ihr die noch internen Beratungen der baden-württembergischen Regierungsfraktionen über einen Gesetzentwurf, der die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuellen, Intersexuellen und Queer's im gesamten öffentlichen Handeln berücksichtigt will.

Der Bevölkerung solle laut Kelle auf diese Weise eine "neue Geschlechterrealität vorgegaukelt" werden. Dagegen läuft sie Sturm und argumentiert in genau der Art, die sie den von ihr kritisierten Personen und Organisationen immer wieder so massiv zur Last legt: ideologisch! Ideologisches Handeln wird gemeinhin als eines verstanden, dass die soziale Realität im Sinne eigener Machtinteressen zurecht biegt. Nichts anderes verfolgt die Publizistin mit ihren Forderungen. Getreu dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, bestreitet Kelle vehement das Recht auf öffentliche Sichtbarkeit nicht heteronormierter Lebensweisen. Ob in Schulbüchern, auf Verwaltungsformularen oder bei Fortbildungen von Altenheimpersonal, nirgends sollen vermeintliche Normabweichungen thematisiert werden – und wenn doch, dann höchstens als Sonderfall. Statt die ja real gegebene Präsenz und auch Notwendigkeit des Aufzeigens vielfältiger geschlechtlicher und sexueller Identitäten anzuerkennen, fordert die Autorin, die Realität weiterhin dem Ideal einer widerspruchsfreien Heteronormativität zu beugen oder mit ihren eigenen Worten formuliert, diese Geschlechterrealität vorzugaukeln.

Wie sich homosexuelle Schüler_innen fühlen, wenn ihnen auf einigen tausend Seiten Schulbuch, die sie in ihrem Leben erblicken, kein einziges homosexuelles Paar begegnet und sie das Wort "schwul" in ihrer Lehranstalt ausschließlich als Schimpfwort hören, das blendet Kelle aus. Was es für eine transsexuelle Bewohnerin bedeutet, neu in ein Altenheim zu kommen, in dem auf ihre spezifische Situation kein Mensch vorbereitet ist, scheint sie nicht zu interessieren. Stattdessen sorgt sie sich um die Legitimation dafür, weiterhin Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle und Queer's diskriminieren zu dürfen. Die Bestrebungen der Landesregierung, Antidiskriminierungsstellen einzurichten, die Fälle von Diskriminierungen in Schulen oder durch die Medien dokumentieren, setzt sie in Zusammenhang mit der Existenz der STASI - dem Geheimdienst des diktatorischen Regimes der ehemaligen DDR, der Menschen gezielt ausspioniert, inhaftiert und gefoltert hat. Es ist nach Kelle also nicht redlich, diejenigen, die diskriminiert werden zu schützen, sondern der Staat soll diejenigen, die diskriminieren, weiterhin folgenlos gewähren lassen. Dieser Standpunkt stellt die ideologische Pervertierung unserer Rechtsstaatlichkeit dar.

Immer wieder erklärt die Autorin, eine Minderheit wolle einer Mehrheit ihre Ideologie aufzwingen. Auch dies ist eine Verdrehung der Realität. Denn der Gesetzentwurf kann nur durch eine Mehrheit im Landtag verabschiedet werden. Und die Mehrheitsverhältnisse in diesem Parlament hat die Mehrheit der Bevölkerung, sprich die Bürger_innen von Baden-Württemberg, in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl bestimmt.

Ein für Kelle wichtiges Argument ist in diesem Zusammenhang, dass es sich bei Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuellen, Intersexuellen und Queer's um eine numerische Minderheit handelt. Das mag sein oder nicht. Aber was soll daraus folgen? Die Bundesrepublik Deutschland hat sich bewusst ein Grundgesetz gegeben, das die Grundrechte jedes Menschen schützt und für unveräußerlich erklärt, egal ob es acht, achtzig oder achtzig Millionen sind. Und auf dieser Grundfeste konstituiert sich nicht nur unsere Demokratie, sondern erst recht das Königreich Gottes, denn so spricht Jesus, der Herr: "Was ihr für einen der geringsten unter meinen Geschwistern getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40).