Die Frage der Woche, Folge 97: Wieviel #DigitaleKirche war auf der re:publica?

In Berlin ist die größte Konferenz zu Netzkultur, Netzpolitik und Digitalvisionen zu Ende gegangen: die re:publica. Vier Beobachtungen aus der Sicht von #DigitaleKirche.

Die re:publica ist eine dreitägige, digital-positive Druckbetankung. Vier Beobachtungen von Deutschlands wichtigster Zusammenkunft für digitale politische und kulturelle Diskussionen, die 2017 unter dem Motto "Love Out Loud" stand:

1 Kirche ist auch da

Kirche ist auch da auf der re:publica. Zweimal auf großer Bühne, einmal mit der evangelischen Professorin Johanna Haberer als Headliner und einmal mit der katholischen Clearingstelle Medienkompetenz und der Bundestagsabgeordneten Saskia Esken. Felix Neumann auf katholisch.de hat dazu ebenso wie Ralf Peter Reimann auf Theonet schon ausführliche Beobachtungen aufgeschrieben, das muss ich nicht wiederholen. Die anderen Sessions zu Kirchenthemen, die wir eingereicht hatten (ich weiß von vier weiteren), haben es leider nicht ins Programm geschafft. Immerhin war allerdings auch das #Netzgemeindefest – ein zwangloses Zusammenkommen der vielen Menschen mit Bindung zu Kirche – sehr gut besucht.

Ist es überraschend, dass sich auf der re:publica, einer im Grunde durchsäkularisierten Konferenz, mehr als 50 Menschen zusammenfinden, um sich in losen Gruppen über #DigitaleKirche auszutauschen? Bei der Menge an Besuchern, die da waren, eigentlich nicht. Trotzdem ist der Anteil der kirchlich verbundenen Menschen in der digital crowd, die sich in Berlin eingefunden hat, deutlich kleiner als ihr Anteil in der Gesamtbevölkerung. Das merkt man schon daran, dass rund 50 Kirchenmenschen auf einmal auffallen, weil viele Menschen drumherum gar nicht damit rechnen, überhaupt auf "Kirche" zu treffen. Es waren so viele, dass nach dem ersten Meet-Up eine kleinere, genauso bunte Runde das Gespräch zu #DigitaleKirche am nächsten Abend noch ein bisschen weitergeführt hat. War gut.

Aber: Dass Kirche im digitalen Kontext immer noch für Überraschungen sorgt, einfach weil sie da ist, zeigt, wie weit sich die Mainstream-Kultur, die ihren Kirchentag auf der re:publica  feiert, von Kirche als gesellschaftlicher Akteurin entfernt hat.

2 Die Kirche hat eine Technik(visionen)lücke

Die Ideen und Anstöße zu #DigitaleKirche in den letzten Wochen kontrastiert mit dem Showfloor auf der re:publica haben mir gezeigt: Wir (die Kirche) sind gut, wenn wir über Inhalte reden, aber spielen zu wenig mit der Form. Das Lied können alle, die sich an #DigitalerKirche beteiligen, singen: Die Ressourcen für Technik und Design fallen im Vergleich zu den Inhalten massiv ab.

Prägnantes Beispiel: Auf der re:publica waren überall VR-Brillen zu sehen, entweder "echte" oder die Smartphone-Varianten. Um den Kölner Dom in 360° zu erleben, muss man aber zum WDR gehen, nicht zur Kirche. Das finde ich gar nicht schlimm, die Fernsehsender sind in Sachen Bewegtbild ja kompetent und der Dom ist auch architektonisch interessant. VR-Erkundung von Kirchenräumen hat auch das Bistum Mainz auf dem Katholikentag mit "Dom@Home" schon angeboten, das gibt es also auch von Kirchens – das ist gut.

Müssten wir jedoch Technik und Inhalt nicht noch viel mehr verknüpfen? Zum Nachdenken hat mich die Meditiations-Installation "Deep" gebracht, die auch auf der re:publica zu erleben war. Dafür hat ein Künstler eine stilisierte Tiefsee-Erkundung in Virtual Reality programmiert und sie mit einem Atemsensor kombiniert. Die Bewegung des Oberkörpers beim Atmen bestimmt die Geschwindigkeit, mit der man in die Richtung schwimmt, in die man schaut. Zu Sphärenklängen bewegt man sich mit Atemzügen in die Richtung fort, in die man schaut.

Danach dachte ich: Wer bezahlt ein Team aus einem Künstler, einem Programmierer und einem Theologen, um sich ein halbes Jahr für die Entwicklung eines explizit spirituellen VR-Projekts zusammenzusetzen? Und ein Erlebnis zu schaffen, das die Kirche bei der re:publica, auf dem Kirchentag und sonstwo zeigen könnte? (Zum Beispiel auf Basis von Taizé-Andachten, so als erster Gedanke?) Virtual Reality ist noch lange kein Massenmarkt. Aber es stünde der Kirche gut zu Gesicht, zu zeigen, wo christliche Spirtualität zu finden sein kann – und zwar auch auf der bleeding edge der technischen Möglichkeiten. Dort ist Kirche zu selten zu finden.

Leider hatte ich diese Idee zu spät (nämlich erst auf der re:publica), um sie in die jüngste Diskussion im Rat der EKD einzuspeisen, wo es auch um Geld für Digital-Ideen ging. Aber ich stelle sie hier mal so in den Raum. Fände ich cool.

3 Jesus hätte sich hier wohlgefühlt

Spannend fand ich, dass an vielen Stellen auf der re:publica ein im Prinzip christlich-evangelischer Appell an die individuelle Verantwortung zur Menschenliebe zu hören war. "Individual Social Responsibility" hat Günter Dueck in seinem Vortrag gefordert…

Auch re:papst Sascha Lobo stieß in seinem Vortrag ins gleiche Horn. Lobo hat ein Jahr lang Dialoge mit Menschen geführt, die von ihm gefühlt als politisch rechts eingeordnet wurden. Sein Vortrag endete mit dem Appell, den Gegenüber auch bei abseitigen Meinungen als Mensch anzunehmen; eine klare Kante zu zeigen, aber abweichende Meinungen zu diskutieren; letztlich mit counter speech, also positiv gewandter Gegenrede, den rechten Rand der Gesellschaft kleiner zu machen. Die Herangehensweise hätte Jesus vermutlich auch retweetet.

Der Vortrag von Sascha Lobo war sehenswert – das Video ist noch nicht online, aber hier gibt's eine gute Zusammenfassung von Dennis Horn.

4 Gesamtstimmung: Optimistische Empörung

Anschließend an den Lobo-Vortrag ist mir auch auf dem Rest der Digitalkonferenz eine optimistische Empörung als Grundtenor aufgefallen. Die meisten Speaker*innen waren und sind den Möglichkeiten der digitalisierten Welt gegenüber ja sehr aufgeschlossen, sprachen aber an allen Ecken und Enden über Missbrauch der Möglichkeiten, Fehlentwicklungen der Technik, Entmündigung der Nutzer*innen, mangelnde Ethik. Das lässt sich alles beheben und besser machen, wenn man der re:publica folgt. (Ich glaube das auch.) Ihren Anspruch, der zentrale Diskussionsmarktplatz für diese digitale Weltverbesserung zu sein, erfüllt die re:publica trotz der mainstreamigen Anmutung nach wie vor gut. Wer über Digitalisierung reden will, kommt an der re:publica nicht vorbei. Nächster Plan: dass die re:publica an #DigitaleKirche nicht mehr vorbei kommt, wenn die #DigitaleKirche 2018 auf der re:publica vorbeikommt.

Ich wünsche euch und Ihnen ein gesegnetes Wochenende!


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