Jakob Aug- und Harald Martenstein

Die Lage verschärft sich überall. Von Mistgabel-Rhetorik angefeuert gegen Reporter-Handys; in sogenannten sozialen Medien auch gegen Frauen, die über #koelnhbf berichteten. Mittelwege ebenfalls in der Kritik. Der DJV kommt mit dem Protestieren kaum mehr hinterher. Polen verurteilt deutsche Proteste nicht nur, sondern bittet auch darum. Außerdem: "Deutschland ist eine Neidgesellschaft"; der NDR hat gegoogelt, die CDU eine Entscheidung (!) getroffen; Neues vom Übermedienjournalist.

Es eskaliert weiter an allen Ecken und Enden.

Der MDR, die ARD-Anstalt, die unter anderem für Sachsen zuständig ist und außerdem die frisch gebackene ARD-Vorsitzende stellt, kündigte per (etwas seltsam gerahmter) Pressemitteilung an, seine Reporterinnen und Reporter "künftig generell von Sicherheitspersonal begleiten zu lassen", wenn sie über Pe- und andere -gida-Demonstrationen berichten.

Warum genau, schildert die Reporterin des Radiosenders MDR Info, Ine Dippmann, im Tagesspiegel-Interview:

" ... Nach dem zweiten Foto wurde mir das Handy von hinten links aus der Hand geschlagen. Der zweite Schlag hat mich dann ins Gesicht getroffen, am rechten Wangenknochen. Als ich mich umdrehte, sah ich eine ältere Frau vor mir, ich schätze mal so 55, 60, relativ groß, weißhaarig mit Brille. Die Täterin war also jemand, von dem man - wenigstens ich - es am allerwenigsten erwartet hätte."

Die Schläge waren aber nicht das Widerlichste.

"Das Widerlichste war, dass mir gesagt wurde: 'Geh doch nach Hause, leg dich hin, lass dir unter den Rock fassen.' Es war übrigens der Vorabend zu meinem 41. Geburtstag ..."

Den Kontext gibt Interviewer Matthias Meisner:

"Sie haben, wenn Sie Tatjana Festerlings Rede nicht gehört haben, auch die Passage verpasst, in der sie aufrief, zu Mistgabeln zu greifen und, wie sie sich ausdrückte, die 'volksverratenden Eliten' unter anderem aus den Pressehäusern zu prügeln. ..."

Um da nichts aus dem Kontext zu reißen: In einem Atemzug mit den Pressehäusern nannte Feisterling auch Parlamente, Gerichte und Kirchen. "Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln", lautet z.B. FAZ, SZ sowie dem Zeitungsverlegerverband zufolge das Originalzitat.

An anderen Fronten der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen sieht es nicht besser aus. Einen komplizierten Spin, den die Ereignisse der vor allem Kölner Silvesternacht nahmen, schildert der SWR per Text und Film: wie eine junge Koblenzerin, nachdem sie im Fernsehen von ihren Erlebnissen berichtet hatte und mit ihrem Klarnamen genannt wurde, "als rassistisch und rechtsradikal beschimpft" wurde. Offenbar anhand remixter Samples aus dem Fernsehmaterial geschah das.

Insofern kein Wunder, dass jene Anja Meier, die am Montagabend am Anfang der ersten (natürlich viel und kontrovers besprochenen) politischen Talkshow des Jahres eindrucksvoll schilderte, was ihr in Köln geschehen war, dann doch gar nicht Anja Meier heißt, wie Frank Plasberg anschließend mitteilte. Zu Gast in der "Maischberger"-Sendung "Angstrepublik Deutschland" heute abend ist u.a. eine Michelle (nicht die gleichnamige Schlagersängerin). 

[+++] Jedenfalls kommen Zeitgenossen, die ihre Follower und Fangemeinden mit meinungskräftigen Near-by-Echtzeit-Gesellschaftsanalysen zu unterhalten pflegen, ob sie nun eher rechts oder im Zweifel links stehen, kaum hinterher, alles einzupflegen, was ins jeweilige Weltbild auch noch rein passt, ja, es schärfer kontuiert.

"Und die anderen sind der dumpfe Mainstream, der einfach der Wahrheit nicht ins Auge sehen will. So geht es übrigens nicht nur in der Debatte um die Silvesternacht von Köln zu. Merkt denn keiner, wie viel intellektuelle Spießigkeit dahintersteckt, wie viel Angst um den eigenen geistigen Vorgarten?",

fragt Matthias Drobinski auf der SZ-Meinungsseite. Lesenswert ist der Leitartikel auch, weil er die Kolumnisten Jakob Aug- und Harald Martenstein einander als zwei Seiten einer Medaille gegenüberstellt.

Mittelwege stehen natürlich auch in der Kritik. Zum Beispiel heute auf der FAZ-Medienseite der, den u.a. die #aufschrei-bekannte Anne Wizorek einschlug:

"In der wohlfeilen Allgemeinplatzhaftigkeit aber liegt der Knackpunkt der '#ausnahmslos'-Kampagne. Sie nimmt die massenweisen Attacken, die – so verstörend der Tatbestand ist, man kommt an ihm nicht vorbei – ganz überwiegend Migranten aus dem islamischen Kulturkreis auf Frauen verübt haben, zum Anlass, diskursiv quasi in Sekundenschnelle vom Konkreten auf das Allgemeine umzuschwenken: sexualisierte Gewalt in Deutschland insgesamt. Das aber ist argumentativ eine Fluchtbewegung weg von dem bisher nicht Dagewesenen auf vertrautes Terrain, wo eingeschliffene feministische Narrative entfaltet werden können",

kritisiert Ursula Scheer.

[+++] Eben kam hier bereits ein Verlegerverband vor, weil der auf den Mistgabel-Aufruf, mit der Forderung, Pegida das Handwerk zu legen, reagierte (und also im Sprachbild blieb). Versäumt etwa die Journalistengwerkschaft DJV, seitdem Michael Konken ihr nicht mehr vorsteht, sich zu empören?

Keineswegs. Nachfolger Frank Überall protestiert nach Kräften "scharf" und mit Recht. Zum Beispiel "gegen die von der türkischen Regierung verhängte Nachrichtensperre über den Terroranschlag in Istanbul" am gestrigen Dienstag (die sich womöglich bis in die sogenannten sozialen Medien hierzulande auswirkte).

Ähnlich scharf kritisierte der DJV am vergangenen Freitag auch "die Desinformationspolitik der Polizeibehörden" in Köln. Mit mehr Recht, da Inland? Oder sollten Entwicklungen im Ausland, in dem viele Deutsche die Lage naturgemäß weniger gut beurteilen können, doch mit ähnlicher Schärfe kritisiert werden?

Sollten sie, fordert zumindest der polnische Gazeta Wyborcza-Journalist Bartosz Wielinski im sueddeutsche.de-Gastbeitrag "Ich bitte die Deutschen, nicht zu schweigen":

"Wenn Sie diesen Artikel lesen, werden im Internet sicher ein paar Einträge auftauchen, in denen man mich des Verrats an Polen beschuldigt - weil ich es angeblich gewagt habe, mein Land bei den Deutschen anzuschwärzen ...",

schreibt er, bevor er tatsächlich zum Wahrwerden seiner "schwärzesten Albträume" gelangt. Es ist die Entwicklung im polnischen Staatsfernsehen (siehe Altpapierkorb vom Montag), die hierzulande tatsächlich blass bleibt. Vielleicht bemüht sich Wielinski mehr um eine deutsche Perspektive als deutsche Leser es derzeit schätzen (Sätze wie den der Partei PiS zugeschriebenen "Was auch immer sich Schlimmes ereignet, die Deutschen werden schuld sein" würde ja Jakob Augstein sofort unterschreiben, und vielleicht in seiner aktuellen Stimmungslage gar Dr. Kissler ...). Aber lesenswert ist der Beitrag.

Und immerhin hat der DJV auch bereits gegen Polens Medienpolitik protestiert.

[+++] Wo bleibt das Positive? Auch in Köln. DuMonts Stadtanzeiger berichtet weiterhin vielfältig und dokumentiert u.a. auch ein Flugblatt, das die Initiative "Syrische Männer für Fairness" in Köln verteilte.

Falls Sie den Stadtanzeiger, derzeit "ein seltenes Beispiel für großartigen Lokaljournalismus" (@petrasorge), mit weiteren Klicks belohnen möchten, wäre überdies aktuell ein großes Interview mit Richard David Precht zu haben, das ebenfall in den Kontext passt:

"... Der Stimmungsumschwung zeichnete sich schon länger ab. Ich glaube, diese Bewegung folgt den Gesetzen der medialen Aufregungs- und Entrüstungsindustrie, insbesondere des Fernsehens. Ganz am Anfang war ja selbst die 'Bild'-Zeitung den Asylsuchenden sehr positiv gesonnen. Das hat mich zwar gefreut, ich fand es allerdings fast schon ein bisschen spooky, gespenstisch, wie harmonisch das Loblied der Willkommenskultur klang. Aber zu viel Harmonie – das halten die Medienmacher, die auf Dissonanzen gepolt sind, nicht allzu lange aus. Also war klar, irgendwann wird das kippen",

sagt der attraktive Fernseh-Philosoph da u.a..

[+++] "Wissen sie, Deutschland ist eine Neidgesellschaft, da gönnt der eine dem anderen nichts. Darauf gebe ich aber nichts",

sagt entspannt jemand völlig anderes, der sich gerade auf jede Menge Medienaufmerksamkeit in den kommenden Wochen freut. Schließlich ist er im Begriff, sich seinen Traum zu erfüllen:

"Ich bin seit neun Jahren großer Fan des Dschungelcamps und habe mich immer gefragt: Warum sitze ich vor dem Fernseher und nicht im Dschungel? Nun habe ich endlich das Glück gehabt, dass man auf mich zugekommen ist",

gab Thorsten Legat, ehemaliger Fußballspieler, nun Fußballtrainer in der sechsten Liga und ab 22. Januar Dschungelcamp-Insasse der DPA (wiederum ksta.de) zu Protokoll.

Im deutschen Fernsehen ist also alles in Ordnung bzw. zumindest wie immer. Beliebte sog. Events mit zwölf Kandidaten zum nacheinander Ausscheiden bzw. nur zehn, die aber ebenfalls für "Vielfalt und Buntheit" (ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber) stehen, auch wenn sie keine Kakerlaken verzehren, sondern Songs performen sollen, werfen ihre üblichen Schatten voraus. Was den Grand Prix-Vorentscheid betrifft, hat Imre Grimm von der Madsack-Presse schon mal nachgegoogelt und konstatiert:

"Diesmal haben sie ausführlich gegoogelt in Hamburg: Keiner von ihnen", also den vielen Bunten, "ist je bei einem Treffen der Reichsbürger aufgetreten. Keiner birgt auch nur die geringste Shitstormgefahr."

Mag auch alles eskalieren und die Gesellschaft sich weiter spalten, im Unterhaltungsfernsehen begegnen sich RTL und NDR, privat und öffentlich-rechtlich, auf niedrigschwelligster Augenhöhe.

Dazu passt noch, dass heute in Düsseldorf schon wieder der Deutsche Fernsehpreis, bekannt v.a. durch die Weigerung des späten Marcel Reich-Ranicki, ihn anzunehmen, verliehen wird. "Der Rote Teppich findet in kleinerem Rahmen statt als in den vergangenen Jahren ..." (deutscher-fernsehpreis.de)  


Altpapierkorb

+++ Was macht der Übermedienjournalist? Um 9.30 Uhr noch nichts los bei Stefan Niggemeiers neuem Projekt uebermedien.de. +++ Aber Zeitungen berichten schon mal: die SZ kürzer und die TAZ länger. Sie interessiert auch für Boris Rosenkranz (und bat, ihn dieses Xavier-Naidoo-Video zu erklären). +++

+++ Breaking oder zumindest sensationell: Die CDU, also die von Bundeskanzlerin geführte Partei, hat eine Entscheidung getroffen, sogar eine mit weitreichenden Folgen, und zwar, "dass die ohne Anlass gespeicherten Gesprächs- und Bewegungsdaten samt IP-Adressen und Internet-Nutzungsinformationen aller Personen 'auch Verfassungsschutzbehörden nutzen' können sollen". Das heißt, die von der im vergangenen Jahr gegen viel Protest beschlossenen Vorratsdatenspeicherung soll auch den Geheimdiensten, den sympathischen und erfolgreichen deutschen und damit gewiss auch deren internationalen, ähm, Kooperationspartnern zur Verfügung stehen. "Die Stimmung nach den Übergriffen von Köln und den Anschlägen von Paris wird schlicht missbraucht für eine Durchsetzung neuer Überwachungsmaßnahmen. Auf dieser Welle reitend, konnte der Wunschzettel der Geheimdienste wieder aus der Schublade geholt werden", berichtet Constanze Kurz (faz.net). +++ Siehe auch netzpolitik.org in der Vorwoche. +++

+++ Über das Aus der ARD-"Stadlshow" berichten die SZ ("Mit dem Andy wäre das nicht passiert") und alpenländisch gut informiert inklusive Rückschau ("... Und dabei schaffte man auch den Sprung ins Ausland, jedenfalls was die Drehorte betraf ..."). +++ Außerdem auf der SZ-Medienseite: ein spannendes Interview mit Schauspieler Karl Markovics ("Warum machen Sie sich im Fernsehen so rar?", "Was hat Sie bewogen, die Rolle im Münchner Polizeiruf 110 anzunehmen?") +++

+++ Die Berliner Stadtzeitschriften Zitty und Tip werden unter wieder neuen Eigentümern weiter verschmolzen. "Ob es zu einem Stellenabbau kommt, wurde nicht mitgeteilt" (Tagesspiegel). +++

+++ Auf der FAZ-Medienseite geht es um Barack Obama als "Präsident der Vereinigten Staaten von Social Media" sowie um den neuen polnischen Staatssender-Intendanten Jacek Burski als Bullterrier, der "schon die ersten Leute weg" "beißt". +++

+++ Was noch gar nicht vorkam in diesem Altpapier: das frische Unwort. Siehe unwortdesjahres.net (PDF). +++

+++ Und während das neue Jahr längst voller im Gange ist als viele es wahrscheinlich gerne hätten, erscheinen ausgeruhte Jahresrückblicke konfessioneller Mediendienste frei online: auf medienpolitische Jahr 2015 (epd medien), aufs Fernsehsportjahr 2015 (Medienkorrespondenz). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.