Wenn Journalismus zur Kommunikationsberatung für Entscheider-Gruppen wird

Die etablierten Medienunternehmen verlieren in signifikanten Teilen der Öffentlichkeit das Vertrauen. Das kann niemand bestreiten, der nicht ernsthaft Verschwörungstheorien zur Erklärung heranziehen will. Wie man das Vertrauen in die eigene Arbeit endgültig ruinieren kann, dokumentierte gestern der Tagesspiegel. So wie dieser seine Tagungen organisiert, stellen sich manche Leute eine Bilderberg-Konferenz vor: Als Kommunikationsberatung für Entscheider-Gruppen.

Zeitungen suchen ein neues Geschäftsmodell. Das betrifft auch den Tagesspiegel aus Berlin. Deshalb haben die Berliner Kollegen etwas entdeckt, was in der Branche mittlerweile groß in Mode ist. Man wechselt als Zeitung in das Fach des Event-Marketing. Beim Tagesspiegel heißt das Agenda 2015. Das Politik-Briefing für Deutschland. Dort trafen die kreativen Köpfe zusammen, die der Lobbyismus braucht, um seine Interessen durchzusetzen. Nun sind solche Lobby-Veranstaltungen in Berlin oder Brüssel das tägliche Brot. Ungewöhnlich ist nur die innovative Kraft, die der Tagesspiegel dabei an an den Tag legte. Lobby Control beschreibt die visionäre Idee hinter dieser Agenda 2015.

„In einer Broschüre wirbt die Zeitung bei Interessenvertretern mit dem Vorteil, als Partner „die eigenen Themen bei den Politikentscheidern auf Bundesebene früh [zu] verankern“. Als Anreiz für die Teilnehmer werden u.a. persönliche Gespräche mit Top-Politikentscheidern genannt. Gegen ein Entgelt von 36.000 Euro plus Mehrwertsteuer können Verbände etwa das „Paket Fachforum“ erwerben. Damit kaufen sich die zahlenden Lobbyisten ein Diskussionforum, dass auf ihre Interessen ausgerichtet ist und von einem Tagesspiegel-Journalisten moderiert wird. Außerdem erhalten sie unter dem Titel “Politik-Briefing” eine halbe Anzeigenseite im Tagesspiegel.“

Nun waren diese Umstände der Veranstaltung durchaus schon vorher bekannt gewesen. Aber die Medien-Journalistin des Cicero, Petra Sorge, hatte uns gestern durchaus noch Neuigkeiten zu berichten. Seit einem Jahr ist nämlich Sebastian Turner Mitgesellschafter des TagesspiegelDer Tausendsassa, schon einmal Bürgermeisterkandidat in Stuttgart, hat an der Umsetzung publizistischer Visionen seinen Anteil

"Sebastian Turner hatte in einem Dokument, das nur an die Lobbyisten ging, das eigentliche Ziel der Großveranstaltung erklärt: Der „ganze Kongress“ sei „den Impulsen von Interessengruppen gewidmet“. Gemeint waren etwa die Automobilindustrie, die deutschen Banken, die Zigarettenlobby oder der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Diese halten kurze Vorträge von fünf bis acht Minuten – sogenannte „Briefings“. „Vorstellungen für die Zukunft des Landes“ nennt Turner das. Ende November bedankte sich Turner in einem Brief bei den Betreffenden, „weil Sie uns ermöglichen, ein neuartiges Format zu realisieren, das die Kommunikation zwischen Interessengruppen und Politik verbessern soll“.

Der Kongress tanzt zwar nicht, aber dafür widmet er sich den Impulsen der Interessenvertreter, um deren Kontakte zur Politik zu verbessern. Frau Sorge erläutert noch weitere Details, etwa die Rolle des ansonsten mittlerweile schweigsam zu nennenden Kanzleramtsministers Peter Altmaier. Viele Journalisten seien wegen ihm zu dieser Veranstaltung erschienen. Was dieses Format des Tagesspiegel visionär und innovativ macht, um diese Deppen-Begriffe von PR-Clowns zu benutzen, ist die Bestätigung aller Vorurteile, die gegenüber dem professionellen Journalismus existieren – und etwa in der Kritik eines Udo Ulfkotte zum Ausdruck kommt. Journalismus sei eben nichts anderes als der verlängerte Arm von Lobbygruppen, die Berichterstattung kaufen, wie andere Leute einen Topf oder Hut. Turner hat daraus Vor-Urteile gemacht, was auch in der Personalpolitik des Tagesspiegel zum Ausdruck kommt, wie man beim Mediendienst Newsroom lesen kann.

„Susan E. Knoll hat am 1. Dezember beim „Tagesspiegel“ die Aufgabe der Direktorin Politische Kommunikation übernommen. Sie kommt vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) und verantwortete als Geschäftsführerin Kommunikation zehn Jahre die strategische Konzeption, Planung und Durchführung der Kommunikationsarbeit des Verbands. Susan E. Knoll wird die Kommunikationsberatung für politische Entscheider-Gruppen beim Tagesspiegel übernehmen und ist verantwortlich für Konzeption, Vermarktung und Aufbau spezifischer Angebote für die Gesundheitswirtschaft.“

 Diese Agenda 2015 als Politik-Briefing ist ein medienpolitisches Desaster, das sich nur Leute ausdenken können, denen wie Turner der Journalismus schlicht gleichgültig ist. Er macht aus Vorurteilen gegenüber dem sogenannten Mainstream begründete Urteile. Oder glaubt irgendjemand noch an die journalistische Unabhängigkeit des Tagesspiegel, wenn er sich ansonsten meistbietend an Lobbys verkauft? Man das eigene Kerngeschäft so definiert, wie es bei Frau Knoll der Fall ist? Als “Kommunikationsberatung für politische Entscheider“. Es mag sich brutal anhören: Dieses Journalismus-Verständnis des Tagesspiegel ist längst in Moskau angekommen. Aber sicher wird uns Turner bald die Differenz zwischen guter PR in der freien Welt und den bösen Russen erläutern.

 

+++ Aber auch Newsroom hat ein Problem mit der Suche nach einem Geschäftsmodell. Am Dienstag verschickte war er seinen Newsletter an Abonnenten. Dort war folgendes zu lesen:

„Sehr geehrter Herr Lübberding, ich verantworte die Kommunikationsarbeit von Medela. In der über 50-jährigen Unternehmensgeschichte entwickelte sich unser Haus von einem kleinen, familiengeführten Unternehmen in der Schweiz zu einem international anerkannten Hersteller fortschrittlichster Milchpumpen und medizinischer Vakuumtechnologie. Darüber hinaus haben wir viele spannende Themen. Dank unserer Grundlagenforschung zum Stillen wissen wir zum Beispiel, dass es in der Muttermilch Stammzellen gibt. Wäre das nicht ein Thema für Sie?“

Nun bekommen sicher auch Journalisten des Tagesspiegel solche Themenvorschläge. Frau Knoll könnte jetzt für 36.000 € dem Kommunikationschef von Medela ein „spezifisches Angebot für die Gesundheitswirtschaft machen“. So ist ihre Tätigkeit dort bekanntlich zu verstehen. Aber der Herausgeber dieses Mediendienstes, Johann Oberauer, bringt in einer Mail von Mittwoch das Drama der Branche zum Ausdruck. „Wir stehen so wie alle anderen Medienhäuser – und Sie kennen das vermutlich auch – in der Situation, dass wir uns neue Erlösmodelle überlegen müssen, weil alte wegbrechen.“ Die Aussendung „Stammzellen und Muttermilch“ wäre ein erstmaliger Versuch gewesen, „einen neuen Weg zu gehen“Dann formuliert er jenen Punkt, den der Tagesspiegel schon positiv für sich beantwortet hat, aber Oberauer lässt noch Skrupel durchblicken.

„Wir machen mit Newsroom.de einen hoch ambitionierten Online-Dienst für Journalisten. Und das kostet Geld. Wenn Sie den Wert unserer Informationen anerkennen … dann bitte ich Sie um Verständnis, dass diese auch finanziert werden müssen. Und das geht in dieser Dimension nur mit Werbung. In diesem Sinne bitte ich grundsätzlich um Verständnis – auch dafür, dass wir alle mehr denn je gezwungen sind auszuprobieren, wie wir unsere Zukunft gestalten können. Auch wenn wir dabei Gefahr laufen bei einzelnen Leuten auf diesem neuen, unbekannten Boden Irritation, Unverständnis und sogar Ärger zu verursachen.“

Tatsächlich hatte der Onlinedienst, im Gegensatz zur Praxis im Tagesspiegel, seine Mail als Werbung gekennzeichnet. Es ist auch kein Skandal für Milchpumpen Interesse zu wecken. Aber es ist eben ein schmaler Grat, um nicht doch am Ende diese Milchpumpen in einem journalistischen Umfeld als Berichterstattung zu platzieren, also die journalistische Unabhängigkeit schlicht zu verhökern. Wer dann noch glaubt, seine Glaubwürdigkeit erhalten zu können, glaubt sicher auch an den Weihnachtsmann von Coca-Cola. Die Medien opfern mit neuen Geschäftsmodellen ihre Reputation. Sie war die Grundlage für ihre publizistische Relevanz.


Altpapierkorb

+++ In der Schweizer Tageswoche geht es ebenfalls um das Thema Kommunikationsberatung. Allerdings stehen dort nicht die Entscheidergruppen des Tagesspiegel im Vordergrund, sondern die Leute, die ihnen misstrauen. "Wie so oft im Kampf um die Deutungshoheit verlief die ideologische Front dabei zwischen einer privilegierten Minderheit «alter» Eliten (den Chefredaktoren der bisherigen Leitmedien) und einer zunehmenden Masse Unzufriedener, welche sich mit der Agenda dieser Berichterstattung nicht mehr identifizieren konnte. Schauplatz des Kampfs war zum ersten Mal nicht die vielgerühmte «Strasse», sondern das Web 2.0. Zunehmend entwickelte sich der Aufstand der Leser in den Online-Foren zu einem «Shitstorm» epischen Ausmasses: oft ergossen sich Hunderte empörte, kritische Voten über die Kommentarspalten der grossen Newsportale. ... . Denn vielerorts hätte bereits ein Blick in die eigene Userstatistik gezeigt, dass die Mehrheit der Kritik von der eigenen Stammklientel ausging: Einerseits von Seiten des Bildungsbürgertums, den traditionellen Nutzern der «Qualitätsmedien», und andererseits aus einer jungen Generation medienaffiner Digital Natives, welche mit Datenschutzskandalen und NSA-Überwachung politisiert worden ist, und welche den herkömmlichen Institutionen zunehmend kritisch gegenübersteht."

+++ Ansonsten ist der digitale Wandel nicht mehr aufzuhalten. So gab der Axel Springer Verlag die Übernahme von European Voice bekannt. Es passt in die Strategie des Konzerns, der immerhin im Gegensatz zum Tagesspiegel ein journalistisches Geschäftsmodell zu entwickeln versucht. Die Bild hat ihre Entscheidergruppen bekanntlich dafür schon immer am Kiosk gesucht. Was bisweilen aber zu Märchenstunden in der Bild am Sonntag führt.

+++ Was der Spiegel in Zukunft vor hat, außer schon Samstags zu erscheinen, ist noch nicht klar. Dafür meldete der Mediendienst turi einen Umsatzanstieg bei den Werbeeinnahmen von Spiegel online. In der aktuellen Zeit beschäftigt sich aber Götz Hamann mit dem Blatt. was er dort thematisiert: Die Eigentümerstruktur beim Spiegel mit der Dominanz der Mitarbeiter-KG. Dazu auch der Hinweis auf das Altpapier von Montag. Ansonsten hat sich auch Zapp mit dem Nachrichtenmagazin beschäftigt.

+++ Hans Hoff berichtet auf DWDL über den "verblüffenden Wandel" der ZDF-Satiresendung "Die Anstalt". Er meint damit den kritischen Umgang mit Turners Entscheidergruppen. Vor allem diagnostiziert er bei Max Uthoff und Claus von Wagner etwas namens Haltung.

+++ Nur zum Thema Haltung. Mark Zuckerberg als fleißiger Student des chinesischen Sozialismus? Zu finden im Blog von Katharin Tai bei der NZZ. Damit wir in Zukunft, wie der Facebook-Zampano, zu jeder Zeit Haltung bewahren, entwickelt er einen entsprechenden Algorithmus, um uns vor den größten Dummheiten zu bewahren.

+++ Über die Arbeitsbedingungen des Journalismus macht sich der Blog Feynsinn Gedanken. Außerdem heute Morgen Jens Rehländer, Kommunikationschef der Volkswagen-Stiftung. "Kurioserweise haben es ausgerechnet die Journalisten geschafft, den Existenzkampf ihres Gewerbes bis zum heutigen Tag vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Das Zielpublikum hat keine Ahnung, unter welchen zunehmend schlechten Bedingungen Zeitungen und Zeitschriften entstehen. Und sie wissen nicht, was für unsere demokratisch verfasste Zivilgesellschaft auf dem Spiel steht, wenn der kritische Qualitätsjournalismus verschwindet. Hat man je davon gehört, dass eine/n Journalist/in bei der Entgegennahme eines dieser zahllosen Journalistenpreise die Chance genutzt hätte, in der Dankesrede dem Publikum reinen Wein einzuschenken? Ihm mitzuteilen, dass in vielen Regionen hierzulande die Meinungsvielfalt verloren gegangen ist? Dass ökonomische und politische Abhängigkeiten die Kritikmöglichkeiten der Journalisten zunehmend einschränken? Dass Zeitdruck als Folge von Arbeitsüberlastung Journalisten daran hindert, tiefer in wichtige Themen einzusteigen, länger dranzubleiben?" Wenn ein PR-Vertreter erklären muss, was unter Journalismus zu verstehen ist, läuft etwas schief. Aber Rehländer erinnert auch den nörgelnden Konsumenten an seine Verantwortung: "Muss das die Verbraucher des Produkts Journalismus überhaupt interessieren? Ich meine, ja!"

+++ Zur Farce des Ermittlungsverfahrens der Bundesanwaltschaft wegen des Abhörens des Handys der Kanzlerin äußert sich jetzt der Spiegel in seinem Blog.

+++ Ob Pathos dem Spiegel hilft? Manfred Bissinger versucht es gerade: "Wir dürfen nie vergessen, dass der „Spiegel“ ein Teil unserer Geschichte ist, pathetisch gesagt: unserer Demokratie. Ihn in billigen Ränkespielen verkommen zu lassen, ist sträflich. Schuld haben: zuallererst die Mitarbeiter-KG, weil sie die Mehrheit hat, aber auch die übrigen Gesellschafter, die jetzt Krokodilstränen vergießen. Sie sollten sich schämen und alle Kraft darauf verwenden, von sofort an einen besseren „Spiegel“ zu machen. Einen, der den Bruderkampf einstellt und sich wieder den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlt. Alles andere haben die „Spiegel“-Leserinnen und -Leser nicht verdient.

+++ Frau Knoll vom Tagesspiegel war nicht nur beim Verband der forschenden Pharmaunternehmen beschäftigt. In der Süddeutschen Zeitung war schon 2003 folgendes zu lesen: "So übernahm die langjährige MDR-Sprecherin und Reiter-Vertraute Susan E. Knoll im Mai 2001 das wenige Wochen zuvor eröffnete Leipziger WMP-Büro. Werben& Verkaufen vertraute sie damals an, sie wolle sich für WMP auch beim alten Arbeitgeber um Aufträge bemühen: "Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass ich dem MDR Leistungen erbringen werde." Im Netzwerken kennt sich Frau Knoll zweifellos aus.

+++ Worauf uns Kai Rüsberg hingewiesen hat. Jens Rehländer ist Kommunikationschef der VW-Stiftung, wie dem Link zu seinem Blog auch zu entnehmen ist.

+++ Ansonsten wartet die Nation schon gespannt auf den großen und letzten Auftritt ihres TV-Dinosauriers namens "Wetten dass". Das wird die Fernsehkritiker am Sonntagmorgen nicht ruhen lassen. Heute Abend wird aber Wieland Backes von seinem Nachtcafe im SWR Abschied nehmen. Die taz würdigt ihn heute entsprechend. "Doch bei Backes geht es um "Kontexte öffentlichen Interesses" und um "Wahrheitssuche", wie die Kritikerin Barbara Sichtermann schrieb. Doch weil auch der intellektuelle Ministerpräsident die geistige Vertiefung nur zurückhaltend vorantreibt und gelegentlich einen Max Weber einwirft, müssen es wieder einmal die nicht prominenten Gäste richten."

+++ Zum Schluss noch der Hinweis auf einen Artikel, den Patrick Bahners heute auf der Medienseite der FAZ hat. Er beschäftigt sich mit einer Reportage des Rolling Stone über eine Massenvergewaltigung an der University of Virgina. Der Artikel löste in den USA einen Sturm der Entrüstung aus, nur gibt es jetzt begründete Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit. "Die Debatte ist ein neues Kapitel des Kulturkampfes, der Züge eines innenpolitischen Stellvertreterkrieges hat. Konservative Kommentatoren werfen Feministinnen vor, sie wollten durch pauschale Verdächtigung der Männer den Frauen den Status einer privilegierten Klasse verschaffen ... ." Die Autorin "wollte mit ihrer Reportage der Debatte einen Schub versetzen", so Bahners, bis besagte Zweifel auftauchten. Am Ende geht es um die Frage, ob das bewusste Nicht-Anhören der Beschuldigten mit journalistischen Standards zu vereinbaren ist. Das hatte der Rolling Stone nämlich bewusst versäumt - und ist in den USA in solchen Fällen wohl gängige Praxis. Journalistische Unabhängigkeit ist eben erst die Voraussetzung, um Missstände aufzudecken. Das macht der Bahners-Artikel deutlich.

Das Altpapier gibt es wieder am Montag.