Miosga klettert auf Tisch

Wie die ARD eine womöglich hoch und elegant übersprungene Messlatte mit dem Hintern doch noch reißt. Was passiert, wenn die Nachtredaktion in New York ein Häkchen zu setzen vergisst. Eine funkelnde Satire (?). Außerdem: Im Namen* welches Automobilherstellers bald Journalismus gefördert werden könnte.Erst mal etwas Schönes:

"Christian Nitsche, zweiter Chefredakteur ARD-aktuell, sagte dem Tagesspiegel: 'Die ganze Redaktion stand hinter der Idee, die Umsetzung war eine Teamleistung, bei der alle mitgeholfen haben, vom Beleuchter, Regisseur bis hin zu Caren Miosga. Sie hat die Idee sehr charmant umgesetzt und war von Anfang an überzeugt, dass wir bei diesem Thema aus größerer Höhe moderieren sollten. Aus den Reihen der ARD haben uns nur positive, meist euphorische Stimmen erreicht.'"

Kann Christian Nitsche, der die genannte Position tatsächlich bekleidet, so etwas geäußert haben? Oder ist solch überschwängliches Eigenlob nicht einmal der ARD zuzutrauen? Der Text, den Joachim Huber da in Bezug auf das #aufdietische-Wögchen sowie den merkwürdigen allgemeinen "Candystorm für Caren Miosga" (Altpapier gestern, ebenfalls ganz oben) für seinen Tagesspiegel geschrieben hat, funkelt raffiniert auf dem schmalen, sich laufend verändernden Grat zwischen alltäglichem Medienjournalismus und Satire.Die ARD-Mediathek stellt die Original-Pose inzwischen als 20-sekündiges Video zur Verfügung. Die Überschrift "'Tagesthemen'-Moderatorin Miosga klettert auf Tisch" wird als Meisterstück des Zeilenmachens (der Suchmaschinenoptimierung?) im Gedächtnis bleiben. Und die irrsten ernsten Meinungspositionen dazu haben Vertreter der Springer-Presse bezogen (Bild-Zeitungs Gossengoethe an Miosga: "Sie haben den anrührendsten Nachruf auf Robin Williams moderiert"; welt.des Alan Posener: "Miosgas Geste ist peinlich und verlogen ... John Keating war ein schlechter Lehrer, weil er halbe Kinder intellektuell und moralisch überforderte. Die ARD hingegen unterfordert ständig ihre erwachsenen Zuschauer"). Womit mindestens genug gesagt wäre, jeweils.Am Rande: Hätte dann gestern abend, als Nachruf, Claus Kleber im Trenchcoat moderieren sollen? Nein, Miosga hätte sich eine Zigarette anzünden oder die Augen aufschlagen müssen. Genau das mit den Augen hatte sie einst ja beherrscht![+++] Jetzt das Schlimme. Es stand u.a. unter dem eben verlinkten bild.de-Text, wo man es freilich erwarten musste, aber auch ganz anderswo.Mats Schönauer erklärt für bildblog.de erst noch mal, was der "Werther-Effekt" ist und warum, dessentwegen, Medien "zurückhaltend über Suizide berichten" sollten, "insbesondere dann, wenn es sich um einen Prominenten handelt". Und dann listet er auf, welche Medien beim Berichten über Robin Williams' Tod "ausführlich auf die 'traurigen Details seiner letzten Minuten'" eingehen:

"Beschrieben werden die  Begleitumstände unter anderem bei den Agenturen AFP und AP, in der 'Berliner Morgenpost', im 'Südkurier', im 'Express', bei 'RP Online', 'Focus Online' und der 'Huffington Post', auf den Internetseiten der 'Tagesschau', der 'Welt', der 'FAZ', der 'Deutschen Welle', der 'tz', des 'Hamburger  Abendblatts', der 'Mopo', der 'Gala', der 'Bunten', der 'inTouch', von N24, RTL, der österreichischen 'Krone', dem Schweizer 'Blick' und vielen, vielen mehr."

Links enthält der Bildblog-Beitrag ausnahmsweise nicht, aus selbstverständlichen Gründen nicht. Wir haben ja hier gefestigte Leser und verlinken daher dennoch unauffällig zum leicht auffindbaren Bericht auf tagesschau.de, also einem rundfunkbeitrags-finanzierten Angebot. Er zeigt: Falls Miosgas Pose eine schöne Geste gewesen sein sollte, dann hat ARD-aktuell mit seiner elektronischen Presse, in einem leichtathletischen Bild formuliert, die so souverän übersprungene Messlatte mit den Fersen oder dem, ähm, Hintern doch noch eingerissen, Herr Nitsche!

[+++] "56 Kommentare zur Meldung. Kommentierung der Meldung beendet", steht unter dem eben verlinkten tagesschau.de-Text. Damit zu etwas anderem Schlimmen im selben Zusammenhang. Schlimm im Sinn von: leider symptomatisch.

"Sehr geehrte Damen und Herren, da viele der hier eingehenden Kommentare unangebracht und geschmacklos sind, haben wir uns dazu entschieden, den Kommentarbereich zu schließen.  Diejenigen unter Ihnen, die lediglich Ihr Mitgefühl in wenigen Worten mitteilen wollen, bitten wir dafür um Verständnis. Mit freundlichen Grüßen ...",

steht als Kommentar Nr. 310 unter der relativ identischen, bloß die Suizidmethode nicht beschreibenden zeit.de-Meldung. "Kommentatoren missbrauchen Foren bei 'Zeit Online' für Hetze", meldet dazu heute die SZ-Medienseite 26. Es habe "Dutzende, oft grammatikalisch falsche, widerliche Einträge, die zu wiederholen der Anstand verbietet", gegeben. "In den Einträgen wird von einem 'jüdischen Hollywood' geschrieben und Williams mit dem jüngsten Gaza-Krieg in Verbindung gebracht".Wie dieses Internet so strukturiert ist, sind solche in der Originalquelle gelöschten, nicht wiederholenswerten Einträge dennoch auffindbar. Achgut.com hat welche, natürlich ebenfalls von Interessen geleitet, aber jedenfalls in anti-antisemitischer Absicht aufbewahrt.

"Bei Zeit Online beobachte man, dass die Schwelle, verunglimpfende, hasserfüllte Kommentare zu posten, niedriger geworden sei: 'Da ändert sich momentan etwas'",

zitiert die SZ dann noch die Vize-Chefredakteurin des Portals, Domenika Ahlrichs. Zuletzt um das "Problem mit den Kommentaren im Internet" ging es hier im Altpapier vom Dienstag. Der dort erwähnte Dirk von Gehlen-Text steht inzwischen frei online. Ebenfalls lesenswert bleibt im Kontext (SZ: "Ahlrichs erklärte, die in New York sitzende Nachtschicht-Redaktion von Zeit Online habe vergessen, die  Kommentarfunktion auszuschalten, was bei Todesmeldungen üblicherweise praktiziert werde") der neulich hier erwähnte handelsblatt.com-Artikel, der mit den Sätzen "'Beim Israel-Artikel ist noch die Kommentarfunktion an!' Jeder bei uns im Newsroom bei Handelsblatt Online kennt diesen Zuruf ..." beginnt.[+++] Muss man sich um den Journalismus sorgen? "Sollen sich Stiftungen um den Journalismus sorgen?" Diese Frage wurde auch bereits häufiger diskutiert - aber noch nicht von Kommunikationschefs von milliarden- bzw. millionenschwerer Stiftungen. In diesem Sinne ist Jens Rehländers Artikel auf Carta interessant. Die zuletzt gestellte Frage bildet die Überschrift. "Die Antwort ist vielschichtig", schreibt Rehländer und fasst dann zusammen, was in den letzten Monaten und Wochen so über Pro Publica, Correct!v und Dr. Eumanns staatlich nordrhein-westfälische Vielfaltsstiftung (vgl. etwa dieses Altpapier) berichtet wurde, um zu folgender Pointe zu gelangen:

"Dass sich Verlagslobbyisten und meinungsstarke Journalisten leidenschaftlich gegen stiftungsfinanzierten Journalismus wehren, ist  eigentlich unnötig. Denn die weitaus meisten der mehr als 20.000 deutschen Stiftungen denken gar nicht daran, Journalismus zu fördern!"

Allerdings, das wäre dann die gute Nachricht, denken sie Rehländer zufolge auch deshalb gar nicht daran, weil sie noch gar nichts von Journalismuskrisen wissen. Denn:

"In ihren leidenschaftlich selbstreferentiellen Diskussionen übersehen Journalisten, dass 'die Krise' außerhalb der Medien-Blase überhaupt kein Thema ist."

Fast jedenfalls scheint die Volkswagen-Stiftung Lust zu haben, auch etwas Journalismus zu fördern.[+++] In der Spitze der täglichen Nische übersieht man natürlich auch, dass Rankingshow-Skandale in anderen Bereichen der Gesellschaft noch längst nicht ausreichend Thema gewesen sind. Neues dazu, und es ist viel, im Altpapierkorb. 


Altpapierkorb

+++ Aktueller Nachzügler, was Manipulationendetails betrifft ist der Hessische Rundfunk (Steffen Grimberg berichtet bei ndr.de und verlinkt auch noch mal die "525 Sendungen, die ein Hesse gesehen haben muss" der Funkkorrespondenz; Clou dieser Auflistung: Die Zahl 525 scheint nicht satirisch gemeint). Gute Nachricht für regelmäßige Altpapier-Leser: Die hier schon mehrfach (u.a.) exemplarisch genannten "Beliebtesten Dialekte der Hessen" sind nach aktuellem Stand nicht von Manipulationen betroffen! +++ Der Tagesspiegel rehabilitiert indes den RBB ein bisschen, indem er eine Manipulation in dessen Rankingshow "21 Dinge, die man in Berlin erlebt haben muss" öffentlich macht:  Bei der Online-Abstimmung sei die Berliner Ringbahn, die S-Bahn-Strecke, die rund um die Innenstadt im weiteren Sinne führt, "auf einem hervorragenden zweiten Platz" gelandet. Doch "in den Augen der RBB-Redaktion" sei "die Ringbahn jedoch 'das in den vergangenen Jahren durchaus problembehaftete Berliner Wahrzeichen für viele Menschen eher Teil eines täglichen 'Leidensweges' als eines 'Erlebnisses'" gewesen - eine nachvollziehbare Haltung, würde ich als Berliner sagen. Daher war die S-Bahn in der Show nur das dreizehnterlebenswerteste Ding. +++ Stefan Niggemeier hat für die FAZ-Medienseite die Rankingshow-Skandale diverser ARD-Anstalten zusammengefasst. Er leitet seinen Artikel mit einer imaginären "Hitliste der traurigsten Pressemitteilungen aller Zeiten" ein und fächert weitere heitere bzw. traurige Details auf: "Bei der Wahl der 'besten Witze des Nordens' landeten die 'Bauern-Witze' mit 114 Stimmen vor den 'Ostfriesen- Witzen' (106) und den 'Klein-Erna-Witzen' (64)." +++ "Da drehen sich jedem Empiriker die Fußnägel auf links", würde Jürn Kruse auf taz.de sagen, der auch auf den kürzesten Nenner bringt, was Niggemeier sowie Thomas Steinfeld wohl unterschreiben würden: Die Manipulationen der Rankingshowredaktionen sind "blöd, aber nicht so blöd wie die Ranking-Shows an sich". +++ Steinfeld formuliert es am Ende seines popkulturhistorisch gelehrten Feuilletons auf der SZ-Medienseite unter besonderer Berücksichtung von Todd Storz so: Da "werden sich die Unterhaltungsdirektoren von ZDF und WDR und NDR nun wundern, wenn sie einer solchen Manipulation wegen sich nun entschuldigen oder gar ihr Amt aufgeben müssen. Vielleicht sagen sie sich jetzt, sie hätten eine Dummheit begangenen [sic]. Aber das ist eine Verharmlosung. Das Veranstalten sinnloser Wettbewerbe ist eine viel größere Dummheit." +++ Einen bedenkenswerten Bezug zur internationalen Fernseh-Gegenwart stellt Alexander Krei bei dwdl.de her: "Da ruft die halbe Welt das 'New Golden Age of Television' aus - und wir in Deutschland reden allen Ernstes über Manipulationen von aberwitzigen  Rankingshows." +++

+++ Hey, regionenbezogene Sendungen ohne Ranking! Die Süddeutsche stellt "Vier in einem Boot" vor, eine "Aktion, bei der 100 Redakteure und Techniker aus allen vier Ländern sechs Tage lang gemeinsam Programm machen - für Radio, Fernsehen und das Internet". Die Länder sind Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein, die alle um den Bodensee herum liegen. Die SZ gibt bei der Gelegenheit auch dem "Akademikersender" 3sat einen mit, der nicht wirklich dazu tauge, dass die deutschsprachigen Staaten etwas übereinander erfahren. +++

+++ Damit's die SZ-Medienseite nicht zu elitär wird, stehen unter Steinfelds Feuilleton "Zum Start von "Promi Big Brother" ein paar Vorschläge für künftige Bewohner" mit ein paar Scherzen über Thommy Gottschalk ("Die Frauen neben ihm auf dem Sofa umwirbt er mit Fruchtgummi in Sat-1-Farben"), Hartmut Mehdorn usw.. +++

+++ Print, geh sterben! Tommy Knüwer wieder, inspiriert vom "Jedermann" ("Manchmal ist das Leben eine ironische Sau") sowie vom laangen Zeitungszukunfts-Beitrag aus der jüngsten FAS (Altpapier vom Montag). +++ Print lebt! Den Eindruck nahm zumindest Anne Fromm für die TAZ von der Ausstellung namens "Visual Leader" in Hamburg mit. Wermutstopfen: "Angesichts der Tatsache, dass Online mittlerweile mehr Leser erreicht als Print, ist die Präsentation der Webnominierungen in den Deichtorhallen ziemlich bescheiden". +++

+++ Der bekannte Medienanwalt Christian Schertz sorgt für Hallo mit einem "presserechtliches Informationsschreiben", das mit dem Satz "Es ist nicht zur Veröffentlichung bestimmt" endet, das er selbst aber "über den Pressemitteilungsverteiler 'na presseportal' in der großen weiten Medienwelt verteilt" (Zapp-Blog). +++ "Ich hoffe, der geschätzte Kollege bewertet meine Verlinkung auf seine Onlineveröffentlichung jetzt bloß nicht als unzulässige Veröffentlichung", schertzt Thomas Stadler in seinem Blog. Mit einer Verlinkung darauf sollte man auf der sicheren Seite sein. ++++++ Möchten Sie sich in Zukunft von Sascha Lobo "von einem bunten Themenstrauß überraschen lassen" statt immerzu wg. der NSA-Skandale aufgerüttelt zu werden? Dann können Sie hier bei SPON voten! Denn Lobo ahnt, "dass sich in die allwöchentliche Behandlung des Themas eine Ritualisierung eingeschliffen haben könnte. Und die kann sehr schädlich sein, denn erwartbare Gewohnheitsempörung entfaltet kaum mehr eine Wirkung". +++ Edward Snowden selbst sprach mit der amerikanischen Wired bei "Cokes and ... a giant room-service pepperoni pizza", auf deutsch leicht zusammengefasst bei meedia.de (inkl. eingebundenem, aufschlussreichen Tweet des bild.de-Chefredakteurs Julian Reichelt). +++ Und Bill/ William Binney, Ex-Direktor bei der NSA sowie kürzlich im deutschen NSA-Untersuchungsausschuss gewesen, weilt in Österreich, wo ein Dokumentarfilm über ihn gedreht wird. Der Zeitung Die Presse gab er ein Interview, in dem er den "totalitären Ansatz" der NSA mit "Gestapo, ... Stasi, ... KGB und so weiter" vergleicht. +++

+++ Die FAZ-Medienseite stellt dann noch die US-Serie "Manhattan" vor, die Arbeit des "Manhattan-Projekts" schildert, das in den 1940ern die schließlich über Japan abgeworfenen Atombomben entwickelte. +++ Die 16-folgige "Dramedy" namens "Dating Daisy", die die ARD im Oktober im Werberahmenprogramm startet, hatte ursprünglich "RTL ... pilotieren lassen, dann allerdings wieder verworfen" (dwdl.de). +++

+++ Und dass die deutsche Facebook-Filiale in Hamburg "nicht in den Springer-Bau" umzieht, "sondern in Büroräume direkt hinter dem ehemaligen Komplex, in dem die Bild und weitere Springer-Blätter entstanden", habe den Grund, dass Mark Zuckerberg "eine offene Architektur ohne hierarchische Hürden" bevorzuge (meedia.de). Vielleicht war der Springer-Bau aber auch einfach zu groß für eine Handvoll Vermarkter und eine Pressesprecherin. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.