Bisher nur Show

Was bedeutet der Deal zwischen Axel Springer und dem Funke-Konzern? Viel seltsame Wehmut und ein paar neue Fragen, die statt nur Springer auch Funke – früher bekannt als WAZ-Gruppe – betreffen. Friede Springer will Bild- und Welt-Gruppe nicht antasten. Wer mag, kann bei dem Zitat an die jüngsten "Umstrukturierungen" bei der Bild-Gruppe denken. Die FAZ/FAS streitet mit dem griechischen Oppositionsführer. Und Dinge über Netflix.

Worin besteht eigentlich das Erbe von Axel Cäsar Springer? Scheint angemessen, das mal zu fragen angesichts der vielen Menschen, die ihre Betroffenheit kundtun über die Verramschung desselben durch Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner. Dass er das Erbe verschleudere, das gehörte schon am Donnerstag und Freitag zu den am weitesten verbreiteten Deutungen der dieser Tage meistgespreadeten Mediengeschichte (vgl. Carta vom Donnerstag: "Nicht wenige schreiben am heutigen Donnerstag, dass Verlagsgründer Axel Springer sich ob dieser Entscheidung im Grab umdrehen wird"). Heute gehört sie immer noch dazu.

Für die Neueinsteiger: Es geht um den Verkauf diverser Springer-Zeitungen und -Zeitschriften an The Group formerly known as WAZ (TGFKAW), neuerdings known as FGM (Funke Mediengruppe) für 920 Millionen Euro (sick!), darunter erstens "die für Springer einst identitätsstiftende Hörzu" (Kurt Kister, SZ vom Samstag), zweitens das Hamburger Abendblatt ("Axel Springers erste Tageszeitung. Ermutigt durch diesen Erfolg hat er die 'Bild'-Zeitung entwickelt, die größte Tageszeitung Europas – das kann ich doch nicht verkaufen!' Und dann würde ich es aus rein nostalgischen Gründen wieder vom Tisch nehmen", Sonntags-SpOn-Kolumne von Silke Burmester) und drittens die Berliner Morgenpost (die beim "Störenfriede ausmerzen" 1968 ihre großbuchstabigen Momente in der Springer-Geschichte hatte).

Es klingt also, kurz gesagt, Wehmut darüber an, dass der Springer-Verlag jetzt publizistisch nicht mehr so groß sein wird. Vor Wehmut trieft die Unterzeile des Michael-Jürgs-Textes, der am Samstag in der SZ stand: "Dass der Axel-Springer-Verlag ausgerechnet die Titel verkauft, die seinem Gründer so wichtig waren, ist Grund für Wehmut", hieß es da – und im Artikel dann relativierend:

"Bleibt etwa nur der Blick zurück im Zorn über das Heute? Ach was. Wehmut ist zwar erlaubt, aber Schwermut unnötig. Denn die Medienhauptstadt Hamburg lebt. Der Rauswurf ausgerechnet der vom Gründer Axel Springer besonders geliebten und von ihm gezeugten Blätter Hamburger Abendblatt und Hörzu, die das Fundament bildeten, auf dem er den Verlag zum größten Europas bauen ließ, ist nicht irgendein Deal auf dem Medienmarkt, aber auch kein Anlass für Totenglöckchen, an deren Seilen die üblichen Seilschaften der Theoretiker ziehen."

Wie der ehemalige Stern-Chefredakteur Jürgs hier nebenbei mitteilt, dass er ein individueller Geist ist, der auch richtig was von der Praxis versteht – bewundernswert subtil. Was genau all die Besäufnisgeschichten, die er en passant von den superen alten Verlegerhengsten erzählt, aber mit der aktuellen Geschichte zu tun haben, ist eines der Geheimnisse, hinter die all jene nie steigen werden, die sich mit 16 keine Poster von Axel Springer, John Jahr und Rudolf Augstein ("trank Bier"!) an die Wand gehängt haben.

Ebenfalls am Fass mit der Branchennostalgie genippt hat am Wochenende Michael Spreng, einst Chefredakteur im Springer-Verlag. Er schrieb über den 1985 gestorbenen Verleger Springer als Mutter Teresa, die Springer-PR-Abteilung hätte es zum 100. von Gott hab ihn selig seinerzeit nicht schöner formulieren können:

"Er liebte Journalisten, wie es ein Patriarch tut – besitzergreifend, bestimmend, aber voller verlegerischer Leidenschaft und großer sozialer Fürsorglichkeit."

Fehlt der weitere Nebensatz: arbeitete in einer boomenden Branche, und hätte er je von einer Krise geredet, wäre ihm das seinerzeit als persönliches Versagen ausgelegt worden, weshalb er es tunlichst bleiben ließ. Vorschlag für alle Springer-Biographen zur Ergänzung: Axel Springer würde heute womöglich voller Leidenschaft Zalando gründen.

Nicht nur Jürgs und Spreng, auch amtierende Chefredakteure kommentieren das Thema. Kurt Kister von der SZ, direkt und scharf wie immer, pöbelt rum und benennt auch deutlich das eigentliche Objekt der Kritik, das andere hinter einem Vorhang aus papierner Melancholie verbergen: Es ist Vorstandschef Mathias Döpfner. Der schon erwähnte Kister schrieb, Döpfner sei ein Mensch,

"der auch die Brandrodung des Amazonas-Dschungels als ökologisch notwendig und ästhetisch bemerkenswert darstellen könnte".

Ein wenig Romantik steckt auch in seinem Blick auf den Springer-Verlag: "Mit Ausnahme von Bild und Welt ist nicht mehr viel da, was noch die Bezeichnung Springer-'Verlag' rechtfertigen würde." Stimmt zwar – aber wer auf der Axel-Springer-Seite irgendwo das Wort "Verlag" zur Selbstbeschreibung findet, kriegt einen Keks. Wir sprechen, wenn wir von Axel Springer sprechen, schon länger von einer AG und einem Medienunternehmen.

Am wenigsten romantisch, nämlich gar nicht, blickt von den kommentierenden Chefredakteuren Cicero-Chef Christoph Schwennicke auf das Geschehen:

"Nein, die Demarkationslinie verläuft in Wahrheit nicht zwischen Print und Digital. Sie verläuft zwischen bezahlt und umsonst. Das Missverständnis, dies mit den Begriffen Print und Digital oder Online gleichzusetzen, hat seinen Ursprung darin, dass die Verlage einst online und umsonst gleichsetzten. Man begab sich ins Netz nach dem Prinzip „Erst mal dabei sein, dann sehen wir weiter“ und machte dabei den verhängnisvollen (vielleicht auch seinerzeit unausweichlichen) Fehler, im Zuge dieses Schrittes ins Netz die Umsonstkultur eingeführt und die Leser daran gewöhnt zu haben.Hinter diesen Fehler wieder zurückzukommen, und vor allem wie? Das ist die 100-Millionen-Frage des Verlagsjournalismus. Wenn man nicht nur sein Mütchen an Springer kühlt, weil man das immer schon getan hat, dann könnte man stattdessen zugunsten von Mathias Döpfner auch annehmen, dass ihn genau diese Fragen umtreiben – und nicht der Vorsatz, Axel Springers feine Traditionsmarken zu verkloppen und zu zerdeppern."

Wirtschaftlich argumentiert auch Frank Zimmer, der in seinem Blog von "theatralischen Reaktionen" schreibt und einordnet, der Verkauf der Medien an die Funkes sei keine Frage des publizistischen Erbes, sondern eine Frage der Rendite. Journalisten hören nicht gern, dass sie für die Aktionäre auch nichts anderes sind als Fließbandarbeiter im Weinberg ihrer Herrn. Aber so ist es halt nun mal, insofern ist Zimmer damit sicher auf der einer richtigen Spur:

"Die 'Wurzeln' des Hauses haben ein börsennotiertes Unternehmen nicht zu interessieren. Wenn es an der Börse um die 'Wurzeln des Hauses' gehen würde, dann produzierte VW immer noch den Käfer und Nokia Gummistiefel."

Der eigentliche Vorwurf hinter der viel gemachten Behauptung, Axel würde sich im Grabe herumdrehen, ist daher wohl: Der Verkauf der Medien an den Funke-Konzern ist ein wirtschaftlich zwar wohl konsequenter, journalistisch aber fragwürdiger und menschlich rücksichtsloser Coup. Im Spiegel, der im Großen und Ganzen Döpfners Digitalstrategie als Windnummer interpretiert ("bisher nur Show") und nebenbei den sehr richtigen Satz raushaut, "Als ob der Journalismus tot wäre, wenn die digitale Boulevardbutze 'Bildplus' nicht funktioniert", ist die menschliche Komponente am ausführlichsten berücksichtigt:

"Die Betriebsräte erfuhren zum Teil erst wenige Minuten vor der öffentlichen Bekanntgabe davon [also von dem Deal]. Die Vorsitzende des Berliner Gesamtbetriebsrats, Petra Pulver, sei daraufhin in Tränen ausgebrochen, heißt es aus Redaktionskreisen. (...) Pulver soll bei der Versammlung mit rund 500 Mitarbeitern von einem 'Skandal' und der 'Zerschlagung des Hauses' gesprochen haben. Döpfner habe sich dagegen verwahrt. Sie solle den Begriff 'Zerschlagung' unterlassen, das habe 'Totschlagcharakter'."

Latent zynisch wirkt in diesem Zusammenhang ein Satz Döpfners in einem am Samstag online veröffentlichten Interview mit der Schweiz am Sonntag (das "vor Bekanntwerden des Zeitungsverkaufs geführt worden war"). Auf die Frage "Was erwarten Sie von einer Führungskraft?" antwortete er:

"Zuallererst Empathie und Respekt vor den Mitarbeitern."

Humor hat er ja.

+++ Es gibt, zusätzlich zu den bereits aufgeworfenen, noch ein paar gute Fragen rund um die Geschichte. "Komisch ist (...), dass keiner der mit Einschätzungen herumwerfenden Kollegen den Käufer all der profitablen Titel für den verlegerischen Mut lobt, in gedruckte Zeitungen zu investieren", schreibt Harald Staun in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Über Ähnliches wundert sich der Spiegel: "Niemand schreibt die Geschichte auf, dass die Funke-Gruppe zum Verlagsriesen wird, dass da ein neuer mächtiger Konzern entsteht, der das Regionalzeitungsgeschäft dominiert und im Zeitschriftenmarkt auf Augenhöhe kommt mit den bisherigen Platzhirschen Burda und Bauer." Und nochmal Staun fragt sich, wie man in Essen, also bei Funkes, wohl

"die beliebten Synergieeffekte erzielt, ohne die teuer eingekauften Redakteure so schnell wie möglich wieder zu entlassen, etwa jene der Springer-Fernsehzeitschriften. Recherchieren die künftig mit den Kollegen von 'Gong' und 'TV neu' um die Wette, wann der nächste 'Tatort' läuft"?

Auch keine Antworten gibt es darauf von Zeitungsforscher Horst Röper, der qua Herkunft – sein Institut weilt in Dortmund – potenzieller Funke-Medien-Leser ist. Auch er analysierte am Wochenende im Interview mit der Berliner Zeitung die Springer-Seite des Deals, prophezeite aber immerhin, dass die Funkes wohl nicht 920 Millionen gesammelt haben, um die gekauften Medien gleich mal zu schließen:

"Die verkauften Zeitungen und Zeitschriften haben sicher noch eine Zukunft. Das Hamburger Abendblatt etwa ist Monopolist in Hamburg, aber man muss festhalten: Springer interessiert sich nur noch für den nationalen und den internationalen Markt und verabschiedet sich nun von den lokalen Märkten, er hat ja auch seine Anzeigenblätter verkauft."

(Und, wie nach dem Interview bekannt wurde, nun auch seine Print-Aktivitäten im internationalen Frankreich.)

Während Funkes selbst mit einer Mitteilung an die Öffentlichkeit gingen, die eine Veränderung ihrer Gesellschaftsform betrifft, ist die Frage, die Röper aufwirft, die nach Springers Welt-Gruppe, deren Zeitungen bislang mit der Berliner Morgenpost und mittlerweile auch Hamburger Abendblatt in einer Redaktionsgemeinschaft produziert worden war. "Eines muss man Döpfner lassen: Über Jahre wurde die defizitäre Welt durchgefüttert, nun muss man auch um dieses überregionale Blatt fürchten", sagt Röper.

Wobei die MehrheitsaktionärinVerlegerin Friede Springer (siehe aktuelles Porträt im Manager Magazin und knapper heute im Tagesspiegel) im Gespräch mit ihrer Biografin Inge Kloepfer, die sie porträtiert, in der FAS wiederholt, was schon von ihr ausgerichtet worden war:

"Solange ich als Verlegerin Mehrheitsaktionärin hier etwas zu sagen und mitzubestimmen habe, werden die 'Welt'- und die 'Bild'-Gruppe nicht angetastet."

Wie man an diversen Sparrunden bei der Welt-Gruppe und den taufrischen "Umstrukturierungen" bei der BZ ja bestens nachvollziehen kann.


ALTPAPIERKORB

+++ Es gibt eine Auseinandersetzung zwischen FAZ/FAS und dem griechischen Oppositionsführer Alexis Tsipras: Der hat offensichtlich den FAZ-Korrespondenten nach "acht Minuten oder fünf Fragen" rausgeworfen. Die FAS veröffentlichte das Transkript plus Kommentar, der Tagesspiegel greift auf +++

+++ Beginnt die Netflix-Diskussion? Sie wird kommen, das weiß ja jeder (jedenfalls sagt das Norbert Lammert). In der SZ und in der FAS gibt es größere Artikel, die von Streamingdiensten handeln oder sie streifen. Harald Staun wirkt beruhigend auf den Medienkonsumenten ein, Netflixserien würden nicht von Algorithmen geschrieben, und wenn doch – auch recht, solange "House of Cards" oder "Orange is the new Black" dabei herauskomme +++ In der SZ schreibt Jürgen Schmieder über Sendungen, die auf Youtube getestet werden, bevor sie dem Fernsehen angeboten würden +++ Peter Unfried kolumniert in der Taz über den Unterschied zwischen Netflixgucken und Fernsehen: "Jedenfalls genossen wir diese Gegenwartskultur plötzlich nicht mehr nach dem Motto: Was kommt? Die Frage war: Was wollen wir sehen?" +++ Und wie sich Amazon zum Konkurrenten Netflix verhält, habe ich für den Freitag aufgeschrieben, schon vor einer Woche zwar, aber jetzt passt's mal in eine kleine Reihe +++

+++ Die Taz berichtet über die Rolle al Dschasiras in Ägypten: "seit die Ägypter in ein Pro- und Anti-Mursi-Lager gespalten sind, gerät Al-Dschasira zwischen die Fronten" +++

+++ Das Branchenmagazin Journalist interviewt Ewen MacAskill, der für den Guardian aus New York berichtet – Stichwort Edward Snowden: "Dazu kommt, dass Snowden den traditionellen Medien misstraut. Die New York Times hatte 2004 recherchiert, dass die Bush-Regierung die Bürger ohne Gerichtsbeschluss überwachen ließ, hielt dies aber auf Bitten der Regierung ein Jahr lang zurück, weil die behauptete, dies zu veröffentlichen gefährde die nationale Sicherheit. Und das in einem Wahljahr! Snowden empörte das. Eigentlich wäre die New York Times das naheliegende Medium für ihn gewesen. Aber wegen dieses Vorfalls traute er der Zeitung nicht mehr" +++

+++ Der Vorsitzende des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger, Valdo Lehari, glaubt: "Wenn wir nur für einen Tag unsere Inhalte nicht ins Netz stellen würden – also alle Tageszeitungen, aber auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und die Magazine – dann wäre dort gar nichts los". Der war wohl noch nie im Darknet, der Langweiler +++

+++ "Anke hat Zeit" mit Anke Engelke lief am Samstag im WDR, die Berliner Zeitung stimmte ein; siehe auch DWDL +++ Und von heute an läuft auf Arte (19.30 Uhr) eine fünfteilige Reihe mit dem drittprogrammigen Titel "Unterwegs auf dem Nordseeküstenradweg" und klingt in der FAZ auch ein wenig drittprogrammig: "Das ist hübsch erzählt und hübsch anzusehen, aber manchmal leidet die sachliche Sorgfalt. Etwa dann, wenn der Sprecher von Klöppelspitze redet, während die älteren Damen vor der Kamera ziemlich eindeutig mit Stricknadeln klappern", aber wer weiß +++ Außerdem schreibt die FAZ über "Rost'n'Roll – Kasis Werkstattgeschichten" bei History (21.05 Uhr) +++

Das Altpapier gibt es wieder am Dienstag.